Tennis
Verkehrte Welt – Roger Federer besiegt Nadal zum fünften Mal in Folge

Zum fünften Mal in Folge besiegt Roger Federer Rafael Nadal. Trotzdem dürfte er das Jahr in der Weltrangliste hinter dem Spanier beenden.

Simon Häring
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«Eigentlich müsste ich aufhören. Nadal fünf Mal in Serie zu schlagen, habe ich noch nie geschafft.»

«Eigentlich müsste ich aufhören. Nadal fünf Mal in Serie zu schlagen, habe ich noch nie geschafft.»

Andy Wong

Es gab Zeiten, in denen lamentierten die Kritiker, Roger Federer (36) könne nicht als bester Spieler in die Geschichte eingehen, weil er nicht einmal der beste Spieler seiner Generation sei. Ihr Hauptargument: Rafael Nadal (31), lange Zeit so etwas wie ein Angstgegner für den Schweizer.

Doch im Final von Schanghai besiegt Federer den Spanier mit 6:4, 6:3, zum vierten Mal in diesem Jahr und zum fünften Mal in Folge. Es gibt viele inspirierende Aspekte zu Federers Rückkehr nach der halbjährigen Pause im Vorjahr. Doch die veränderte Physiognomie dieser Rivalität ist zweifellos die bemerkenswerteste.

Verkehrte Welt

Wer die Bilder des Finals von Schanghai mit solchen aus älteren Duellen zwischen den beiden vergleicht, muss zuweilen zum Schluss kommen, er lebe in einer verkehrten Welt. Das hat einerseits viel mit der Evolution der Rückhand von Federer zu tun. Über ein Jahrzehnt folgten die Spiele einer grausamen Logik: Unermüdlich bearbeitete Linkshänder Nadal mit seiner Vorhand die schwächere Rückhandseite Federers.

Weil der Schweizer dem Druck auf Dauer nur selten standhalten konnte, verloren auch stabile Elemente wie Vorhand oder Aufschlag an Präzision und Wirkung. Sein Spiel zerfiel. Diese vernichtende Logik hat Federer in seiner Auszeit durchbrochen. Seine Schwäche ist keine mehr.

Mentaler Aspekt

Weitaus entscheidender dürfte aber der mentale Aspekt sein. So bekräftigte Roger Federer, dass er noch immer überzeugt sei, dass er den Wimbledon-Final 2008, der als bestes Spiel der Geschichte gilt, vor allem darum verloren habe, weil er vier Wochen zuvor bei den French Open gegen Nadal gerade einmal vier Games hat gewinnen können.

Inzwischen haben sich die Vorzeichen verändert. Nadal, der als einer der besten Rückschläger gilt und zuvor 16 Siege in Folge gefeiert hat, kommt zu keiner Breakchance. Im Startsatz gelingt Federer dar ein perfektes Aufschlagspiel: vier Asse in 50 Sekunden. Das verunsichert selbst Nadal. Steht Federer auf der anderen Seite, wird Nadal zum Zweifler. Federer hat sich in seinem Kopf eingenistet. Verkehrte Welt.

Nur noch Connors vor Federer

Federer selber erinnerte daran, dass die blütenweisse Bilanz gegen Nadal wohl nur möglich sei, weil er auf die Sandsaison verzichtet hatte. Auf der besten Unterlage des Spaniers steht die Bilanz bei 2:13 aus seiner Sicht. «Mein Lieblingsgegner wird er trotzdem nicht. Aber eigentlich müsste ich jetzt aufhören: Nadal fünf Mal in Serie zu schlagen, habe ich im Leben noch nie geschafft.» Daran, dass er die 15:23-Bilanz noch ausgleichen könnte, glaubt er nicht.

Vielmehr verfolgt Federer die Vision eines goldenen Herbsts, die er unmittelbar nach dem Viertelfinal-Aus bei den US Open, wo ihn Rückenprobleme behindert hatten, als Ziel formuliert hatte. So reiste er bereits eine Woche früher nach China. «Das zahlt sich eben doch aus», sagte er nach seinem 94. Turniersieg. In der ewigen Bestenliste liegt er neu gemeinsam mit Ivan Lendl auf Rang zwei. Nur Jimmy Connors hat noch mehr Titel (109).

Rückkehr an die Ranglistenspitze

Federer hat sechs der zehn Turniere, die er in diesem Jahr bestritten hat, gewonnen und mit Nadal die Nummer eins der Welt vier Mal besiegt. Trotzdem ist eine Rückkehr an die Ranglistenspitze in diesem Jahr unwahrscheinlich.

Nadal weist 1960 Punkte Vorsprung aus. Die Hypothek zu begleichen, dürfte schwierig werden. Auch dann, wenn Nadal wegen seiner Probleme am rechten Knie bis Ende Jahr ausfallen sollte. Gewisse Dinge ändern sich nicht. Auch nicht in einer verkehrten Welt.