Suisse Open Gstaad
Tristesse im Berner Oberland: Keine Stars, schlechtes Wetter, kaum Fans

Stan Wawrinka fehlt und das Wetter ist schlecht: Nur wenige Fans besuchen das Gstaader Turnier. Und nun ist auch noch der letzte verbleibende Schweizer ausgeschieden. Die Frage drängt sich auf: Wie attraktiv ist ein Turnier ohne Stars?

Michael Meier, Gstaad
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Der Himmel ist wolkenverhangen, Nebelschwaden umgeben die umliegenden Berggipfel. Kein Sonnenstrahl fällt auf den Platz in Gstaad. Es ist kühl. Die wenigen Zuschauer sind froh um ihre Regenjacken, soeben beginnt es wieder zu regnen. So trist das Wetter, so trostlos auch die Stimmung im Stadion, das nicht mal zur Hälfte gefüllt ist.

Auf dem Platz stehen sich der Holländer Robin Haase und Henri Laaksonen gegenüber – der letzte verbliebene Schweizer im Turnier. Laaksonen kämpft um den Viertelfinaleinzug, schlägt sich gegen den Favoriten wacker. Zaghafter Beifall ist zu hören, als Laaksonen einen Break verhindert. Etwas lauter, als er sich erfolgreich gegen einen Satzball wehrt. Doch von einem Heimvorteil zu sprechen, wäre übertrieben. Kurz darauf verliert Laaksonen den ersten Satz.

Das Ausbleiben der Fans beschäftigt auch den Turnier-Vizedirektor Julien Finkbeiner.«Das Wetter ist nicht ideal. Wer fährt schon drei Stunden nach Gstaad und wieder zurück, wenn man nicht einmal sicher ist, dass gespielt werden kann?» bedauert er.

Letztes Jahr war alles anders

Wie war im letzten Jahr noch alles anders, als sich Stan Wawrinka und Roger Federer die Ehre gaben. Gstaad platzte aus allen Nähten. Die Tribünen wurden extra vergrössert. Zwar schieden beide frühzeitig aus, aber da hatten die meisten Fans ihre Tickets für den weiteren Turnierverlauf bereits gekauft und sorgten für eine tolle Kulisse während des gesamten Turniers.

Dieses Jahr ist alles ein wenig anders. Ruhiger, verlassener. Das grosse Zugpferd fehlt, nachdem Wawrinka (ATP 4) wegen Müdigkeit Forfait gegeben hat. Neben ihm haben auch vier weitere Top-30-Spieler kurzfristig abgesagt. Somit fehlen aus dem ursprünglichen Startfeld vier der besten sechs Spieler. Topgesetzt ist die Nummer 19 der Welt, Michail Juschni. Es ist wohl eines der schwächstbesetzten Startfelder aller Zeiten in Gstaad. Trotzdem wiegelt Finkbeiner ab: «Es ist sicher nicht optimal, dass Wawrinka nicht spielen kann. Aber wir haben immer noch hochklassiges Tennis hier in Gstaad.»

Doch warum gelingt es nicht, mehr besser klassierte Spieler nach Gstaad zu holen? Ein Problem könnte die Unterlage sein. In Gstaad wird auf Sand gespielt. Die Sandsaison ist aber längst vorbei. In Übersee stehen wichtige Hartplatzturniere wie die US Open an. Finkbeiner streitet dieses Problem ab: «Die Unterlage macht keinen Unterschied, es ist ein Problem des ATP-Kalenders. Kleinere Turniere werden immer mehr geschluckt werden.»

Sowieso: Der Star sei das Turnier. «Die Leute kommen auch hierher, um die Bergatmosphäre zu geniessen. Gstaad ist ein weltweit bekannter Touristenort», sagt Finkbeiner. Hier ist alles familiärer. Man sieht die Spieler durch den autofreien Dorfkern schlendern, die Tennistasche auf den Schultern. Dann und wann bleiben sie vor einem Schaufenster stehen, begutachten die Schweizer Sackmesser. «Genau das macht das Turnier aus. Deshalb kommen die Zuschauer, aber auch die Spieler hier hoch», sagt Finkbeiner.

Mehr als nur Tennis

Laaksonen hat soeben den zweiten Satz gewonnen. Erstmals ist kurzer Jubel zu hören. Es regnet mittlerweile in Strömen. Wer weder an Regenschirm noch Regenjacke gedacht hat, verlässt spätestens jetzt das Stadion. Drei Viertel der Plätze sind nicht überdacht. Natürlich würde man sich mehr Zuschauer wünschen, eine bessere Stimmung. Aber das ist unter der Woche schwierig. «Ab morgen sind wir aber beinahe vollkommen ausgelastet», sagt Finkbeiner. Man sei zufrieden, wie das Turnier bisher gelaufen ist. Auch in diesem Jahr wird man schwarze Zahlen schreiben.

Zwei Drittel der Einnahmen werden durch Sponsoring und die Gastronomie generiert. Einen Grossteil des Publikums machen Firmen mit ihren Kunden aus. Diese sind die Lebensversicherung des Turniers. Die Verträge werden weit im Vornherein unterschrieben, sind somit wetterunabhängig. Und den Kunden gefällts in der Berner Bergwelt. Sie geniessen den Luxus im 5-Sterne-Grand- Hotel Park. Für sie ist auch die Besetzung des Turniers zweitrangig. Die Suisse Open sind mehr als nur ein Tennisturnier. Sie verschmelzen nahtlos mit dem Tourismusort Gstaad.

Im dritten Satz verziehen sich die Nebelschwaden. Die Wolkendecke lichtet sich, die Sonne drückt durch. Endlich erkennt man, was dieses Turnier ausmacht. Das Stadion steht inmitten des Dorfes, hinter den Tribünen sieht man die ortstypischen Chalets, und im Hintergrund ragen die Berge in die Höhe – eine faszinierende Atmosphäre.

Analog zum Wetter bessert sich auch die Stimmung im noch immer nur halb gefüllten Stadion. Als es Laaksonen gelingt, zwei Matchbälle des Gegners abzuwehren, jubelt das ganze Stadion. Kurz darauf verliert Laaksonen. Die Fans spenden ein letztes Mal Applaus. Dann leert sich das Stadion.