Swiss Indoors

Tennis-Pionier Roger Brennwald: «Vielleicht fällt einmal ein neuer Federer vom Himmel»

Herz, Hirn und Taktgeber: Swiss-Indoors-Präsident Roger Brennwald

Herz, Hirn und Taktgeber: Swiss-Indoors-Präsident Roger Brennwald

Seit fast einem halben Jahrhundert heisst der Mann hinter Swiss Indoors Basel Roger Brennwald. Was ihn antreibt und was er fürchtet.

Am Dienstag, kurz vor 14 Uhr, meldet sich Roger Brennwald per Telefon. Er hat keine guten Nachrichten: Rafael Nadal fehlt in Basel. Am Donnerstag sagt auch Nick Kyrgios ab. Nach der Auslosung vom Samstag, die er als «Befreiungsschlag» bezeichnet, spricht er über Tiefschläge, Glücksfall und Hypothek Roger Federer, die Zukunft seines Turniers und über persönliche Werte.

Roger Brennwald, haben Sie in der Woche vor den Swiss Indoors manchmal schlaflose Nächte?

Nein, wieso?

Weil Sie in den letzten Jahren immer wieder Absagen im letzten Moment hinnehmen mussten.

Natürlich trifft uns das schwer, und ich habe den Eindruck, dass es häufiger geworden ist. Aber Absagen, Krankheiten und Verletzungen sind Dinge, die nicht in unserer Macht liegen. Ich hasse das wie der Teufel das Weihwasser, aber es ist unvermeidlich und trifft jeden Veranstalter.

Rafael Nadal hat in diesem Jahr 75 Partien bestritten und sagte nun zum dritten Mal in fünf Jahren ab. Das muss Sie doch ärgern.

Natürlich sage ich mir, hätte er doch das eine oder andere Turnier weniger gespielt und damit Kraft für Basel gespart. Aber wie gesagt: Das ist höhere Gewalt und diese holt uns immer wieder auf den Boden der Realität zurück. Wir müssen zufrieden sein mit dem, was wir haben. Vielleicht wollen wir in Basel zu viel. Das Turnier hat eine Grösse erreicht, die für diese relativ kleine Stadt angemessen ist. Wir sind nicht Wimbledon.

Haben Sie sich nie überlegt, das Turnier in einer grösseren Stadt wie Zürich auszutragen?

Ich mache das jetzt seit 47 Jahren. Und jeder weiss, dass ich Kontinuität über alles andere stelle. Das ist die oberste Maxime. Organisation und Tradition sind das grösste Kapital der Swiss Indoors. Ich bin im Traum noch nie auf die Idee gekommen, den Standort des Turniers zu wechseln.

Aber Sie sagen doch selber, dass Sie in Basel an Grenzen stossen.

Wir haben unsere Grenzen manchmal vielleicht schon überschritten in Jahren, als wir Federer und Nadal am Start hatten. Aber ich habe immer versucht, die Zitrone nicht auszupressen und Reserven zu bilden. Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben, und operieren mit dem, was wir haben.

Noch einmal: Ist nie jemand an Sie herangetreten und wollte Ihnen einen neuen Standort für die Swiss Indoors schmackhaft machen?

Nein. Aber das schliesst nicht aus, dass wir uns irgendwann Gedanken machen werden. Ich habe grossen Respekt vor dem, was die Zukunft bringt – in Bezug aufs Tennis, in Bezug auf den Standort, in Bezug auf den Stellenwert des Turniers, in Bezug auf die Vermarktung. Letztlich ist das aber auch eine sehr philosophische Frage: Wir wissen nie, was das Leben bereithält, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinn. Es ist aber auch bekannt, dass ich das Turnier nicht verkaufe und dass es im Besitz der Firma bleiben wird. Das ist ein junges Team von zwölf Leuten mit einem Durchschnittsalter von etwa 35 Jahren. Wir sind eingespielt und eine verschworene Gemeinschaft, die nicht vom Winde verweht wird. Anders wäre ein Turnier dieser Grössenordnung in einer kleinen Stadt wie Basel gar nicht möglich. Die Swiss Indoors sind mehr als ein Tennisturnier. Dem Besitzstand wollen wir Sorge tragen. Die Sorge zum Detail ist eine undankbare Aufgabe, aber wahrscheinlich ist sie auch das Geheimnis des Erfolgs.

Vor welchen Herausforderungen haben Sie am meisten Respekt?

Man darf nicht vergessen, dass dieses Turnier kein Selbstläufer ist. Wir sind jedes Jahr mit extremen Problemen konfrontiert, aber es verlagert sich immer wieder. Einmal sind es die Spieler, ein anderes Mal das Fernsehen, dann das Sponsoring, ein anderes Mal sind es die Behörden. Aktuell ist es sicher der Umbau der St. Jakobs-Halle. Es ist praktisch kein Stein auf dem anderen geblieben, kein Stand mehr am gleichen Ort. Es ist so, als würden wir ein neues Turnier austragen. Das ist für uns ein schwieriger Hosenlupf. Ich hoffe, dass sich diese Investition in der Zukunft auszahlt. Ermutigend ist aber, dass wir den Grossteil geschafft haben.

Wie wichtig ist es in dieser Zeit, dass Sie bis 2019 mit Roger Federer rechnen können?

Das bedeutet in erster Linie, dass er bei der offiziellen Halleneröffnung 2018 dabei sein wird. Diese Gewissheit gibt uns die nötige Ruhe. Roger ist für uns wie ein Sechser im Lotto. Was er von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr aus dem Ärmel zaubert, ist übermenschlich. Ich möchte die Swiss Indoors nicht mit einem Roger Federer vergleichen, aber er verkörpert Werte, an denen auch wir uns orientieren: Konstanz, Qualität und Kontinuität über einen sehr langen Zeitraum und auf einem hohen Niveau. Das ist es, was Spitzenleute letztlich auch ausmacht. So gesehen sind wir ein starkes Doppel.

Das war in den letzten Jahren nicht immer so. Was haben diese Stürme aus Ihnen gemacht?

Das gehört für mich längst der Vergangenheit an. Das Thema wurde medial hochstilisiert. Auf der anderen Seite muss man auch damit leben können, dass man als Führungsperson von Zeit zu Zeit in die Kritik gerät. Verglichen mit Talkshows im Ausland lebt es sich hier wie im Schlaraffenland.

Wegen Federers Erfolgen sind die Fans in der Schweiz verwöhnt. Viele glauben, wenn er aufhört, wird das für das Turnier ein Problem. Ist Federer zur Hypothek geworden?

Das höre ich selten, praktisch nie. Aber es stimmt. Wir unterschätzen diesen Punkt sicher nicht. Federer hat neue Massstäbe gesetzt. Und je länger es dauert, desto schwieriger wird es für uns. Aber es ist doch auch so: Wir wissen nicht, was morgen ist. Geschweige denn, was übermorgen ist. Vielleicht fällt einer vom Himmel, der das Tennis neu erfindet. Vielleicht ist der dann auch noch Schweizer. So, dass man sagt, man gehe lieber zum Tennis an die Swiss Indoors als in den Zirkus. Noch einmal: Wir wissen nie, was das Leben für uns bereithält.

Wie begegnen Sie persönlich dieser Ungewissheit?

Positives Denken ist eine Grundeigenschaft, was ich, so hoffe ich wenigstens, nach innen und aussen ausstrahle. Manchmal bin ich mehr gestresst, als mir lieb ist, aber ich versuche, mich immer auf das zurückzubesinnen, was auch die Basis meiner Erfolgsgeschichte und jener der Swiss Indoors ausmacht, ebendieses positive Denken.

Man kennt Sie als Mister Swiss Indoors und Unternehmer. Aber wer ist der Mensch Roger Brennwald?

Mein Job ist Beruf und Freizeit zugleich. Ich habe Freude an dem, was ich tue. Die Swiss Indoors sind mein Lebenswerk, aber die Basis für alles sind Familie, Freundschaften und die Gesundheit. Ich habe zwei Kinder und fünf Enkel. Vielleicht ist es in all den Jahren auch zu wenig zum Tragen gekommen, dass ich bei den Swiss Indoors auch sehr viel Zeit und Energie in das Miteinander investiere. Ich versuche das, was wir tun, nicht nur auf Leistung und Anstrengung zu reduzieren. Sondern auch zu zeigen, dass wir einander helfen und auch jenen unter die Arme greifen, die eine Baisse haben. Es ist Aufgabe des Menschen, dass der Stärkere dem Schwächeren hilft.

Geniessen Sie es manchmal, als Macher im Mittelpunkt zu stehen?

Ich ziehe das stille Arbeiten im Hintergrund vor. Aber das Bad in der Menge einmal im Jahr ist Teil meiner Aufgabe. Es ist für mich ein glücklicher Umstand und ein Privileg, die Swiss Indoors zu führen. Glück ist manchmal gerade so anstrengend wie Unglück. Natürlich habe ich eine Vielzahl von Ideen eingebracht und umgesetzt. Dabei hatte ich das Glück, auf Menschen zu treffen, die meine Ideen geteilt und unterstützt haben. Das ist ein Riesenglück, für das ich sehr dankbar bin.

Aber die grossen Entscheidungen, die treffen alleine Sie?

Ja, sagen wir es so: Bei übergeordneten Fragen gebe ich die Richtung vor.

Bei der geplanten Strukturreform der ATP ab 2019 können Sie mitreden, aber nicht entscheiden. Was kommt auf die Swiss Indoors zu?

Es macht den Eindruck, dass die ATP diese Entscheidung etwas vor sich herschiebt. Aber weil die World Tour Finals in London bis 2020 bestätigt sind, gehen wir davon aus, dass sich für uns nicht viel ändern wird. Im Raum steht, dass Schanghai ein zehntägiges Turnier wird und sich unser Termin damit um eine Woche verschieben würde.

Eine Aufwertung der Swiss Indoors in eine neue 750er-Kategorie ist kein Thema mehr?

Diese Idee ist längst vom Tisch. Das war im letzten Jahr ein Vorstoss, den ich initiiert habe. Da habe ich dann eins auf die Finger bekommen (lacht).

War das auch eine Art Flucht nach vorne? Mit Wien haben Sie in der gleichen Woche starke Konkurrenz.

Nein, wir sind uns Konkurrenz und Veränderungen gewohnt, das ist nicht neu für uns. Wir haben mit unserem Unternehmen genügend zu tun, als dass wir Zeit hätten, immer auch noch auf die anderen zu schauen.

Wachstum ist ausgeschlossen und das Interesse am Tennis könnte in der Schweiz künftig etwas kleiner werden. Wären die Swiss Indoors als kleineres Turnier denkbar?

So, wie wir gewachsen sind, ist das nur sehr schwer vorstellbar. Als ein Turnier der ATP-500-Formel bezahlen wir eigentlich den höchsten Preis.

Wie meinen Sie das?

Ein Masters-1000-Turnier zahlt zwar doppelt so viel Preisgeld, muss aber keine Antrittsgagen bezahlen. Ein kleineres Turnier hingegen kann sich das erstens gar nicht leisten und ist zweitens für die Spitzenspieler nicht interessant, weil es wenige Punkte gibt. Für die kleineren Turniere sind die Superstars ausser Reichweite. Basel ohne mindestens einen Superstar wäre aber nicht denkbar. Mit einem kleineren Turnier würden wir in der Anonymität verschwinden, und das ist für uns keine Option. Unser Weg ist alternativlos.

Gibt es Neuigkeiten betreffend eines neuen Hauptsponsors?

Wir sind sehr gut und breit abgestützt. Während zweieinhalb Jahren hatte InfrontRingier ein Mandat, das war leider nicht erfolgreich. Darum haben wir das Heft nun wieder selber in die Hände genommen. Aber dafür muss man uns etwas Zeit lassen. Wir mussten erst lernen, dass wir unsere Fühler global ausstrecken müssen, nicht nur im Inland.

Die Swiss Indoors sind für Sie Arbeit. Wann kommt der Genuss?

Die Auslosung ist für mich jeweils der Befreiungsschlag. Ich weiss: das Stadion ist bereit, die Spieler sind hier, ich kann es nicht mehr beeinflussen. Das verdanke ich meinem Team. Nun hoffe ich, auch das eine oder andere Spiel mitverfolgen zu können.

Und wer gewinnt das Turnier?

Auf dem Papier kann niemand Federer schlagen. Aber das ist nicht die Frage. Das Turnier wird auf dem Platz entschieden. Und da ist und bleibt Federer der grosse Favorit.

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