Tennis
Stanislas Wawrinka: «Jetzt bin ich der Gejagte»

Seit seinem Sieg in Melbroune ist Stanislas Wawrinka ein gefragter Mann. Dennoch macht ihm die Medienarbeit Spass. Im Interview mit der «Nordwestschweiz» spricht er über das Leben eines Grand-Slam-Siegers auf und neben dem Platz.

Michael Wehrle, Paris
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«Ich muss jetzt öfters Nein sagen»: Stan Wawrinka ist als Grand-Slam-Sieger ein gefragter Mann. Keystone

«Ich muss jetzt öfters Nein sagen»: Stan Wawrinka ist als Grand-Slam-Sieger ein gefragter Mann. Keystone

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Stan Wawrinka, blicken wir auf Melbourne zurück. Wie erklären Sie sich mit dem Abstand von vier Monaten Ihren Exploit?

Stan Wawrinka: Der Sieg in Melbourne ist ein fantastischer Erfolg, der für immer in meinem Palmarès stehen wird. Nur ganz wenige Spieler gewinnen Grand-Slam-Turniere und ich gehöre nun dieser kleinen Gruppe an, was mich sehr stolz macht. Ich habe hart dafür gearbeitet und im richtigen Moment drei absolute Topspieler in Folge geschlagen. Damit das passieren kann, muss alles zusammenpassen, und ich muss mein bestes Tennis spielen.

Was hat sich danach verändert?

Auf dem Platz heisst es wie gewohnt hart arbeiten, Tag für Tag. Ich bin nun der Gejagte, habe mich in den Top Ten etabliert. Ich erhalte viel mehr Medienanfragen, meine Popularität hat sich gesteigert, denken Sie nur an den grossen Empfang am Flughafen Genf. Ich werde zu vielen Anlässen eingeladen, mein Manager hat auch mehr Arbeit. Das ist alles toll, aber ich muss halt auch öfters Nein sagen, weil ich so oft unterwegs bin und nicht alle Termine wahrnehmen kann.

Auf Ihren Schuhen steht Stan the Man, auf der Tasche Stanimal. Das sind Ehrennamen. Sie tragen Sie nun öffentlich, ist das Ausdruck eines gestiegenen Selbstvertrauens?

Das sehe ich nicht so. Ich mag es einfach, wenn nicht immer alles so ernst ist, und finde es lustig, dass man mir solche Spitznamen gibt.

Wie ist die Wahrnehmung innerhalb der Tennisszene?

Grundsätzlich denke ich nicht, dass sich hier viel geändert hat. Wir Spieler kennen uns gut, respektieren uns sehr und wissen, dass ein Top-20-Spieler jeden Tag ein sehr gefährlicher Gegner ist. Ich verstehe mich mit allen gut, trainiere mit vielen regelmässig und schätze das. Klar sind die Spieler gegen die Weltnummer 3 noch eine Spur motivierter als gegen die Weltnummer 20. Ich denke, dass auch der Respekt vor mir in den Matches grösser geworden ist. Ich habe bewiesen, dass ich mich in den wichtigsten Partien gegen die Besten der Besten durchsetzen kann.

Wie ist sie ausserhalb der Tennisszene?

Als Grand-Slam-Sieger kennen mich auch Leute, die sich nicht tagtäglich mit Tennis befassen. Ich bin nun auch in Medien präsent, die nicht in erster Linie über Sport berichten, werde in Fernsehshows eingeladen und erhalte Anfragen für Podiumsgespräche. Der Horizont hat sich sicher erweitert.

Werden Sie als Romand auch in der Deutschschweiz mehr beachtet?

Ja, aber das ist mir schon im letzten Jahr aufgefallen. Ich habe mich sehr über die Wahl zum Schweizer des Jahres gefreut, denn die Zuneigung des Schweizer Publikums bedeutet mir besonders viel, egal, ob in der Romandie, in der Deutschschweiz oder im Tessin.

Ich weiss, dass Sie sehr gut Deutsch verstehen, es aber ungern sprechen. Würde es helfen, Sie würden auch auf Deutsch kommunizieren?

Sehr gut ist klar übertrieben. Ich muss mich schon sehr konzentrieren, um einem Gespräch folgen zu können. Klar würde ich gerne auf Deutsch kommunizieren, aber es ist eine sehr komplexe Sprache und ich müsste viel Zeit investieren, um ein anständiges Niveau zu erreichen. Diese Zeit fehlt mir momentan leider.

Kann der Status Grand-Slam-Sieger auch Bürde sein?

Wie gesagt, muss ich jetzt öfters Nein sagen. Das macht niemand gern, aber es geht oft nicht anders. Training und Erholung dürfen nicht zu kurz kommen. Ich bin oft weg, und wenn ich mal in der Schweiz bin, will ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbringen.

Wie gingen Sie mit der Aufgabe Davis-Cup um, als es zunächst nicht lief?

Im Davis-Cup habe ich das Glück, Teil eines tollen Teams zu sein. Wir unterstützen uns gegenseitig, und ich habe das Privileg, mit Roger den besten Tennisspieler aller Zeiten an meiner Seite zu haben. Klar war mein Start nicht wie erhofft, aber deswegen bricht man nicht in Panik aus. Klar war ich nervös, das hat man auch gesehen. Aber am dritten Tag habe ich dann eine ansprechende Leistung gezeigt und ich bin sehr glücklich, dass wir jetzt im Halbfinal stehen.

Wie steckten Sie das miserable Doppel weg?

Miserabel würde ich es nicht nennen. Die ersten zwei Sätze habe ich nicht gut gespielt. Dann habe ich mich gesteigert, es hat aber leider nicht gereicht. Als Topspieler darf man in solchen Momenten nicht die Nerven verlieren.

Hatten Sie Angst, zu versagen?

Ich will in der Schweiz immer besonders gut spielen. Der Davis-Cup liegt mir am Herzen und ich hatte mich so sehr auf diese Partie gefreut. In den Medien sprachen viele schon vom Halbfinal und vom Final. Doch für uns war immer klar, dass die Kasachen ein gefährlicher Gegner sind. Wir haben nie damit gerechnet, am Samstagabend den Sieg zu feiern.

Wie wichtig war der Sieg in Monte Carlo, wo Sie erstmals ein 1000-Turnier gewinnen konnten nach dem Finalsieg über «Angstgegner» Federer?

Der Sieg in Monte Carlo war sehr wichtig. Ein Masters-1000-Turnier zu gewinnen, ist ein wichtiger Schritt, eine Leistung, die mir sehr viel bedeutet. Diese Turniere sind sehr anspruchsvoll, und im Final dann gegen Roger zu gewinnen, das war fantastisch.

Sie zählen beim French Open zum Kreis der Favoriten. Belastet Sie das?

Ich freue mich sehr auf Roland Garros. Hier habe ich als Junior den Titel gewonnen, es ist das Turnier, welches man als Kind zuerst am Fernsehen verfolgt. Die Atmosphäre ist sehr speziell, und es ehrt mich, zu den Favoriten zu zählen. Mit meinem Sieg in Monte Carlo habe ich gezeigt, dass mit mir zu rechnen ist. Aber der grosse Favorit heisst auch in diesem Jahr Rafael Nadal.

Früher galten Sie als Sandplatzspezialist, heute als Allrounder. Haben darunter Ihre Fähigkeiten auf Sand gelitten oder profitieren Sie auch auf Sand von Ihrer Entwicklung auf anderen Unterlagen?

Ich denke nicht, dass das Spiel auf Sand leidet, wenn man sich auf anderen Belägen verbessert. Im Gegenteil, man wird zu einem kompletteren Spieler und lernt auch taktisch dazu. Ich bin auf Sand aufgewachsen, und es ist nach wie vor die natürlichste Unterlage für mich. Auf Sand habe ich mein erstes Turnier gewonnen und ich freue mich jedes Mal, wenn die Sandplatzsaison beginnt.

Noch nie hatten Sie vor einem Grand-Slam-Turnier so viele Termine. Wie gehen Sie damit um?

Es ist wichtig, alles gut zu organisieren. Wir haben bereits in Rom mit Interviews begonnen. Und dann bin ich früh angereist und habe bereits am Mittwoch und gestern Medientermine wahrgenommen. Priorität hat immer das Training, der Rest muss im Voraus gut geplant werden. Mir macht die Medienarbeit Spass, und gestern Abend war ich zum Beispiel Gast in der Sendung «Ne touche pas à mon poste». Das schaue ich gerne, wenn ich Zeit habe, und es freut mich, selbst in der Sendung zu sein.

Haben Sie mit Federer schon über die zweiten Zwillinge gesprochen?

Ja klar, ich habe ihm und Mirka natürlich gratuliert und wir haben ein bisschen von Vater zu Vater geplaudert.

Was würden Sie von einer Verbindung Ihrer Tochter mit einem der Federer-Buben halten?

Ich bin froh, dass Alexia noch klein ist, und ich noch ein bisschen Zeit habe, bis der erste Freund vor der Türe steht. Bei den Federer-Boys müsste ich mir zumindest keine Sorgen um die gute Kinderstube machen (lacht).

Betreiben Sie ausser Tennis noch einen anderen Sport?

Als Kind fuhr ich gerne Ski. Im Moment bin ich aber nur auf der Kinderpiste und begleite unsere Tochter. Im Sommer schwimme ich auch gerne.

Die Fussball-WM steht vor der Türe. Setzt sich die Schweiz in ihrer Gruppe mit Frankreich, Ecuador und Honduras durch?

Ich hoffe es doch sehr! Ich drücke vor allem meinem Freund Johan Djourou die Daumen. Die Schweizer haben in dieser Gruppe hervorragende Chancen.