Tennis
«Stanimal WOW!-rinka» muss den Stier bei den Hörnern packen

Stanislas Wawrinka kämpft am Sonntag ab 9.30 Uhr am Australian Open in Melbourne gegen den Weltranglistenersten Rafael Nadal um seinen ersten Grand-Slam-Titel. Gegen den Spanier hat der Romand in zwölf Duellen noch keinen einzigen Satz gewonnen.

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Stanislas Wawrinka will den Stier von Manacor besiegen.

Stanislas Wawrinka will den Stier von Manacor besiegen.

Karikatur: Silvan Wegmann

"Stanimal", "Stanimator", "Stansational": Übernamen und Ausdrücke für die Leistungen Stanislas Wawrinkas in Melbourne haben in diesen Tagen in den Zeitungen und den sozialen Netzwerken Hochkonjunktur.

Am Sonntag stellt sich der 28-jährige Familienvater, aufgewachsen auf einem Bauernhof im waadtländischen Saint-Barthélemy, der bisher grössten sportlichen Herausforderung seines Lebens: Er trifft in seinem ersten Grand-Slam-Final auf den Weltranglistenersten Rafael Nadal, den besten Tennisspieler der Welt.

Die ab Montag neue Schweizer Nummer 1, die erstmals in seiner Karriere in die Top 5 des ATP-Rankings vorstossen wird, suchte am Tag nach dem Sieg gegen Tomas Berdych etwas Ablenkung. Neben leichtem Training, Massage und Regeneration machte er am Freitag einen Ausflug ins Melbourne Museum und besuchte die Sonderausstellung "Designing 007. 50 years of Bond style", ehe er am Abend den zweiten Halbfinal zwischen Nadal und Roger Federer im TV verfolgte.

Wawrinka war froh um den zusätzlichen spielfreien Tag, da die letzten beiden Partien gegen Novak Djokovic und Berdych sowohl mental als auch physisch viel Energie kosteten. Am Samstag ging er wieder seiner Routine nach, und auch am Sonntag wird er an seinen gewohnten Abläufen trotz ungewohnter Umgebung nichts ändern: Einspielen, gemütlich Essen, Musik hören, sich etwas zurückziehen. Er werde sicherlich aufgeregt und nervös sein, so Wawrinka. "Aber ich bin glücklich und geniesse den Moment." Und letztlich sei auch der Final nur ein Tennisspiel.

Nadals Rekordjagd

Die Rollen vor dem ersten Grand-Slam-Final des Jahres sind klar verteilt. Nadal bestreitet im Melbourne Park sein 19. Grand-Slam-Endspiel, womit er in der ewigen Bestenliste mit Ivan Lendl gleichzieht. Nur Roger Federer, der im Halbfinal am Freitag gegen Nadal chancenlos geblieben war, hat mehr Major-Finals als der Spanier bestritten (24). Nicht erst in Melbourne spielt der Weltranglistenerste um mehr als persönliche Meriten; mehr und mehr verewigt er sich auch in den Tennis-Rekordbüchern. Gewinnt er morgen zum zweiten Mal nach 2009 das Australian Open, ist er der erste Spieler seit Rod Laver, der alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens zweimal gewinnen konnte. In der Liste der Spieler mit den meisten Grand-Slam-Titeln würde er mit Pete Sampras gleichziehen und den Rückstand auf Federer auf drei verkürzen.

In den bisherigen zwölf Duellen gegen Nadal war Wawrinka chancenlos geblieben, noch nicht einmal einen Satzgewinn konnte der Schweizer verbuchen. Gegen keinen anderen Spieler auf der Tour weist Nadal eine solch beeindruckende Bilanz auf wie gegen Wawrinka, der im Herbst in Schanghai und an den ATP-Finals in London den Spanier aber immerhin stärker fordern konnte als auch schon. "Die schlechte Bilanz kümmert mich nicht", sagte Wawrinka. Was ihm mehr Sorgenfalten bereite, sei die Tatsache, gegen Nadal zu spielen. "Er ist die Nummer 1, der beste Spieler der Welt und spielt derzeit sein bestes Tennis." Die beiden, die sich erstmals als Teenager an einem Satellite-Turnier auf Mallorca getroffen hatten, mögen sich und haben in Melbourne mehrmals miteinander trainiert.

Miserable Bilanz

Wawrinka wäre erst der zweite Spieler seit 2005 ausserhalb der "Big Four", der an einem Major-Event triumphieren könnte - in seinem 36. Anlauf an einem Grand-Slam-Turnier. Der Einzige, der in den letzten neun Jahren in die Phalanx von Federer, Nadal, Djokovic und Murray eindringen konnte, war Juan Martin Del Potro, der 2009 im US-Open-Final Federer besiegte. Wawrinkas Plan, heute die Überraschung zu schaffen, ist klar: "Ich muss gut servieren, aggressiv spielen und ihn unter Druck setzen." Auch wenn er gegen Nadal bisher immer verloren habe, werde er es wieder und wieder versuchen. "Meine Bilanz gegen Djokovic war ähnlich schlecht gewesen."

Moralische Unterstützung kriegt Wawrinka auch von Pete Sampras, der erstmals seit 2002 wieder in Melbourne weilt und den Final in der Rod-Laver-Arena auf der Tribüne verfolgen wird. "Wawrinka hat seit einigen Jahren an der Tür zur Spitze angeklopft - und tritt nun ein." Schafft es Wawrinka heute tatsächlich, als dritter Schweizer nach Federer und Martina Hingis einen Grand-Slam-Titel im Einzel zu gewinnen, wären ihm weitere Übernahmen jedenfalls gewiss.