Wimbeldon-Aus
Stan Wawrinkas bester Feind – warum die Niederlage ihn zuversichtlich stimmt

Der Schweiss tropfte Wawrinka noch von seiner Stirn und er hatte auch wenig Lust, sich Fragen zu stellen. Zum Beispiel jener, wie es nun weitergehen soll.

Simon Häring
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Stan Wawrinka bleibt trotz Niederlage optimistisch. Key

Stan Wawrinka bleibt trotz Niederlage optimistisch. Key

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Nach seinem Coup in der ersten Runde von Wimbledon, in der er mit Grigor Dimitrov auf Rasen erstmals einen Spieler aus den Top Ten besiegt hat, unterliegt Stan Wawrinka (33) dem italienischen Qualifikanten Thomas Fabbiano (29, ATP 133) in drei Sätzen mit 6:7, 3:6, 6:7. Besonders ärgerlich war, dass er im zweiten und dritten Satz, der am Mittwoch wegen Regens unterbrochen worden war, jeweils vier Satzbälle nicht nutzen konnte.

Seine Teilnahme bei den Turnieren in Bastad und Gstaad hat Wawrinka abgesagt. Seine Ärzte hatten ihm davon abgeraten, nach Rasen wieder auf Sand zu wechseln. Vor einem Jahr hatte sich Wawrinka wegen eines Knorpelschadens im linken Knie zwei Mal operieren lassen. Seither kämpft er um den Anschluss an die Weltspitze. Vor einem Jahr war er noch die Nummer 3 der Welt, in der Zwischenzeit rutschte er aber bis auf Rang 224 ab. Und doch sind die Zeichen, die der Romand nun aussendet, ganz andere als noch im Frühling, wo er sich auch Gedanken über einen Rücktritt gemacht haben soll.

Damals beschäftigte ihn die Frage, ob sein Knie den Anforderungen wieder gewachsen sein wird. Doch nun fühlt er sich erstmals seit den beiden Eingriffen wieder bereit. «Ich bin glücklich darüber, wie ich mich fühle. Ich habe gut trainiert und in den letzten Wochen grosse Fortschritte gemacht. Das Vertrauen in meinen Körper ist zurück», sagt Wawrinka. In Wimbledon zeigte er das Gesicht, das man aus seinen besten Tagen kannte. Er war laut, er war frustriert, er war emotional wie vielleicht noch nie in seiner zweiten Karriere. Er war mit dem Kopf bei sich und beim Tennis.

Ein Sieg gegen die Zweifel

Auch sein Trainer Yannick Fattebert (34) hat das in den letzten Tagen so erlebt. «Die schwierigste Zeit liegt hinter uns. Für uns ist es eine Erleichterung, dass wir jetzt wieder mehr übers Tennis reden können.» Der Erfolg gegen Dimitrov rücke die Zweifel der letzten Wochen etwas in den Hintergrund, sagte der Walliser. «Es geht in die richtige Richtung. Nur harte Arbeit und Geduld bringen mich jetzt weiter. Trotzdem ist es natürlich frustrierend», sagt Wawrinka. Die Fragen nach dem Knie gibt es zwar noch, aber sie sind inzwischen schnell und unmissverständlich beantwortet, und zwar so: «Alles gut. Was ich jetzt brauche, sind Siege, und zwar so schnell wie möglich.» Stan Wawrinka kann sich also auf seinen besten Feind konzentrieren: sich selbst.

Kein Spitzenspieler zeigte in den letzten Jahren derart grosse Schwankungen in seinen Leistungen wie er. Mal scheiterte er bei kleinen Turnieren bereits in der ersten Runde. Dann brillierte er wieder auf den grössten Bühnen, bei den Grand Slams. Oft wirkte er bei Niederlagen so, als würde es ihn nicht kümmern. So, als nehme er es einfach hin. Für sein Umfeld war das nicht immer einfach und war Anlass für harte Diskussionen. Eine solche führten Yannick Fattebert und der zurückgekehrte Magnus Norman zuletzt auch in Queen’s. «Wir haben über die Einstellung geredet. Stan wirkte sehr zerbrechlich und hat den Kopf hängen lassen», sagt Fattebert. Dass es diese Gespräche überhaupt wieder gibt, ist ein gutes Zeichen für Zukunft. Wie diese aussieht, ist unter diesem Gesichtspunkt zweitrangig, Wimbledon kann Wawrinka auch so erhobenen Hauptes verlassen.

Gesundheit über Erfolg

Roger Federer, der selber ein halbes Jahr aussetzen musste und Wawrinkas Sieg gegen Dimitrov am Fernsehen mitverfolgte, sagte. «Man hat an seinen Emotionen gesehen, wie viel ihm dieser Sieg gegen einen starken Gegner bedeutet hat.» Ob er jetzt den zweiten Match auch noch gewinne, sei fast sekundär. Wichtig sei, dass man wieder hundertprozentig fit sei, ehe man auf die Tour zurückkehre.

Bei Wawrinka war das im Januar nicht der Fall gewesen, als er bei den Australian Open vorschnell zurückkehrte. Doch er vermisste das Spiel, die Emotionen und wollte zurück auf die Tour. «Tennisspielen ist wie Fahrradfahren oder Zähneputzen: Wenn man es einmal kann, dann vergisst man nicht mehr, wie es geht», sagt Federer. Den Nachweis, dass er Tennis spielen kann, hat Wawrinka als dreifacher Grand-Slam-Sieger oft genug erbracht.