Tennis
Stan Wawrinka vor den Swiss Indoors: Der Romand ist mehr als nur Roger Federers Lückenbüsser

Stan Wawrinka führt das Feld der Swiss Indoors an und springt sogleich am traditionellen Federer-Abend in die Bresche. Der Waadtländer will seinen langjährigen Basel-Fluch als Topgesetzter endlich besiegen – doch reicht die Kraft?

Silvan Hartmann
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US-Open-Sieger Stan Wawrinka führt das hochkarätige Spielerfeld der Swiss Indoors Basel an

US-Open-Sieger Stan Wawrinka führt das hochkarätige Spielerfeld der Swiss Indoors Basel an

KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Lückenbüsser? Ersatzmann? Ja sogar Notnagel? Es sind Charakterisierungen, die grundsätzlich zu keinem dreifachen Grand-Slam-Sieger passen.

Und doch muss Stan Wawrinka mit diesen Bezeichnungen in seiner Heimat vorliebnehmen, weil er auch nach seinem Aufstieg zum absoluten Weltklassespieler nie wirklich aus dem immensen Schatten von Roger Federer kam. Zumindest nicht in der Deutschschweiz.

Und schon gar nicht in Basel, wo Federer, der 17-fache Grand-Slam-Sieger, seit 2006 an seinem Heimturnier stets im Final stand und dort siebenmal als Gewinner vom Platz ging.

Doch die eindrückliche Finalserie wird in diesem Jahr reissen: Der Lokalmatador ist nach dem frühzeitigen Saisonende der grosse Abwesende.

16. Titel, Genf 2017 Mischa Zverev, 4:6, 6:3, 6:3.
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15. Titel, US Open 2016 Novak Djokovic, 6:7 (1:7), 6:4, 7:5, 6:3.
14. Titel, Genf 2016 Marin Cilic, 6:4, 7:6 (13:11).
13. Titel, Dubai 2016 Marcos Baghdatis, 6:4, 7:6 (15:13).
12. Titel, Chennai 2016 Borna Coric, 6:3, 7:5
11. Titel, Tokio 2015 Benoit Paire, 6:2, 6:4.
10. Titel, French Open 2015 Novak Djokovic, 4-6 6-4 6-3 6-4
9. Titel, Rotterdam 2015 Tomas Berdych, 4:6, 6:3, 6:4.
8. Titel, Chennai 2015 Aljaz Bedene (ATP 156), 6:3, 6:4.
7. Titel, Monte Carlo 2014 Roger Federer, 4:6, 7:6, 6:2
6. Titel, Australian Open 2014 Rafael Nadal, 6:3, 6:2, 3:6, 6:3
5. Titel, Chennai 2014 Edouard Roger-Vasselin, 7:5, 6:2.
4. Titel, Portugal Open, Oeiras, 2013 David Ferrer, 6:1, 6:4.
3. Titel, Chennai 2011 Xavier Malisse, 7:5, 4:6, 6:1
2. Titel, Casablanca 2010 Victor Hanescu, 6:2, 6:3.
1. ATP-Titel: Croatia Open, Umag, 2006 Novak Djokovic, 6:6, w.o.

16. Titel, Genf 2017 Mischa Zverev, 4:6, 6:3, 6:3.

Keystone

Lange Saison kostete Kraft

Und so müssen bei dem heute beginnenden Turnier andere in die Bresche springen. Vor allem Stan Wawrinka steigt nach der Last-Minute-Absage von Rafael Nadal zum Topfavoriten empor und soll erstmals am Dienstagabend, an dem sonst traditionellerweise Roger Federer seinen ersten Auftritt zelebriert, für beste Unterhaltung in der Basler St. Jakobshalle sorgen.

«Ich schätze das Turnier von Basel sehr. Die Halle wird voll sein und die Unterstützung ist immer grossartig. Ich fühle mich gut und werde den Abend geniessen», gibt sich Stan Wawrinka äusserlich gelassen.

3300 Meter Tennissaiten Die Spieler verbrauchen während des Turniers 3300 Meter an Tennissaiten, was der Distanz zwischen der St.-Jakobshalle und dem Barfüsserplatz entspricht. Damit lassen sich mehr als 300 frische Rackets bespannen, denn je nach Schlägertyp werden für die Bespannung zwischen elf und zwölf Meter Saite benötigt. Das Material kann dabei variieren. Rafael Nadal verwendet 100% Polyester, Roger Federer nutzt wie auch Novak Djokovic ein Hybrid aus Naturdarm und Polyester.
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6 offizielle Schiedsrichter 6 Hauptschiedsrichter sind auf den beiden Plätzen während des gesamten Turniers im Einsatz. Sie werden von 70 Linienrichtern, sogenannten Linesmen, unterstützt. Um alle Linien im Blick zu haben, sind immer neun Linesmen gleichzeitig auf dem Court, die wie auch die Ballkinder nach einer Stunde abgelöst werden.
2 151 985 Euro Preisgeld 2 151 985 Euro Preisgeld werden an den Swiss Indoors ausgeschüttet. Der Sieger bekommt alleine 387 100 Euro und damit mehr als die gesamte Doppelkonkurrenz (330 800 Euro). Zusätzlich gibt es für den Sieger auch 500 ATP-Weltranglistenpunkte.
9200 Zuschauer 9200 Zuschauer finden auf dem Centre-Court Platz. An neun Turniertagen strömten im letzten Jahr insgesamt 71 600 Tennisfans in die St.-Jakobshalle. Der Rekord aus dem Jahr 2012 liegt bei 72 300 Zuschauern. Man darf gespannt sein, wie sich das Fehlen von Roger Federer in diesem Jahr auf die Besucherzahl auswirkt.
10 000 Cüpli Tennis wird nach wie vor vom Flair der Reichen und Schönen geprägt. Champagner und Sekt stehen an der Tagesordnung. Schätzungen zu Folge werde im Laufe der Woche 10 000 Cüpli geleert.
Centre Court aus 275 Holzplatten Der Centre-Court ist ein riesiges Puzzle aus 275 Holzplatten. Die Platten werden zwischen den Turnieren gelagert und können zwei bis drei Mal wiederverwendet werden. Der blaue Farbbelag wird jährlich erneuert.
1300 VIP-Besucher 1300 VIP-Besucher werden pro Tag erwartet. Diese geniessen aus den Logen und dem Bereich direkt hinter den Grundlinien den besten Blick aufs Spielfeld und haben unter anderem Zugang zum Tennisdorf und zum kleinen Village, wo schon so manches Geschäft abgewickelt wurde.
60 Ballkinder 60 Ballkinder im Alter zwischen elf und 16 Jahren, die jedoch nicht grösser als 1,65 Meter sein dürfen, sind an den Swiss Indoors im Einsatz. Im Laufe des Turniers werden die besten ausgewählt, die dann im Final auf dem Platz stehen dürfen. Ob Roger Federer in diesem Jahr trotz sportlicher Abstinenz nach dem Final die traditionelle Pizza mit den Ballkindern verspeist?
4500 Tennisbälle 4500 Tennisbälle der Marke Head wurden vom Veranstalter bestellt. Diese wiegen zwischen 56 und 59,4 Gramm und kommen in 43 Einzelpartien, 16 Doppelpartien und im Training zum Einsatz. Während der Partien sind für die ersten sieben Games und dann immer für neun Games jeweils dieselben sechs Bälle im Spiel, ehe sie ausgetauscht werden.
8000 Logiernächte 8000 zusätzliche Logiernächte bringen die Swiss Indoors der Stadt Basel. Während der Turnierwoche ist rund jeder vierte Basler Hotelgast ein Besucher des Tennisspektakels in der St.-Jakobshalle. In der Nacht vor dem Final wurden in den letzten Jahren jeweils mit Abstand die meisten Logiernächte im Oktober registriert. Dennoch ist die Hotellerie in Basel während des Turniers nur zu 72% ausgelastet. Dieser Wert liegt aber immerhin 3% über dem Oktoberschnitt.

3300 Meter Tennissaiten Die Spieler verbrauchen während des Turniers 3300 Meter an Tennissaiten, was der Distanz zwischen der St.-Jakobshalle und dem Barfüsserplatz entspricht. Damit lassen sich mehr als 300 frische Rackets bespannen, denn je nach Schlägertyp werden für die Bespannung zwischen elf und zwölf Meter Saite benötigt. Das Material kann dabei variieren. Rafael Nadal verwendet 100% Polyester, Roger Federer nutzt wie auch Novak Djokovic ein Hybrid aus Naturdarm und Polyester.

Getty Images/iStockphoto

An Selbstvertrauen mangelt es Wawrinka trotz frühem Aus in Schanghai zweifelsohne nicht. Er rollt in der sonntäglichen Presserunde nochmals seinen starken Herbst auf mit dem phänomenalen Gewinn der US-Open und verrät, dass der Weg zum Titel ihn sowohl physisch als auch mental noch mehr gefordert hatte als seine Erfolge in Melbourne und Paris, er sich dadurch aber zu einem noch reiferen Spieler hat entwickeln können.

Nur zwischen den Zeilen lässt er dabei durchblicken, dass die lange Saison auch bei ihm ein wenig ihren Tribut gefordert hat und auch er sich wohl schwer tut, zum Ende des Tennisjahres die letzten Energiereserven zu finden. «Viele Spieler bekunden Mühe. Ich will mich nochmals verstärkt auf die letzten drei Turniere mit Basel, Paris und den World Tour Finals konzentrieren und hoffe, dass ich schon in dieser Woche meine Leistungen erbringen kann», so Wawrinka.

Der Basel-Komplex

Doch Basel und Stan Wawrinka. Das harmonierte bislang ausser den Halbfinal-Vorstössen in den Jahren 2006 und 2011 nicht wirklich.

Eine grosse Rechnung hat er auf alle Fälle noch offen: In den letzten vier Jahren ist der Waadtländer in Basel stets in der ersten Runde gescheitert und spielte dabei oft enttäuschend schlecht. «Ich kann es dieses Jahr ja nur besser machen», sagte der 31-Jährige lächelnd.

Er wisse nicht, wie es zu einer solch aussergewöhnlichen Negativserie kommen konnte. «Mit der Schweiz hat das sicher nichts zu tun», so Wawrinka, der seine vier Erstrunden-Niederlagen nicht auf den ungemein hohen Erwartungsdruck zurückführen will, der seine Auftritte in der Heimat jeweils begleitet.

«Ich habe mit dem Davis-Cup-Team und dem Turniersieg in Genf bereits bewiesen, dass ich auch in der Schweiz wichtige Spiele gewinnen kann.»

Der Verlauf eines Turniers hänge jeweils stark davon ab, wie man starte. «Wenn ich zu Beginn auf der schnellen Unterlage wie hier in Basel zu zögerlich agiere, sinkt mein Spielniveau beträchtlich. Dann wird es schwierig.»

Knifflige Situationen wird Wawrinka auch in dieser Woche wieder zu lösen haben. Doch der Zeitpunkt ist gekommen, diese aus dem Weg zu räumen, so dass Wawrinka auch in der Deutschschweiz seine verdiente Anerkennung findet: als absoluter Weltklassespieler – und nicht als Lückenbüsser.