US Open

Stan, the Man: «Ich bin jetzt ziemlich tot»

Nach einer starken Vorstellung geschlagen: Stanislas Wawrinka.k

Nach einer starken Vorstellung geschlagen: Stanislas Wawrinka.k

Stanislas Wawrinka wird trotz seiner Niederlage gegen Novak Djokovic von allen Seiten gelobt. Für viele wäre er der verdeintere Gewinner gewsen. Am Freitag spielt er im Davis-Cup in Ecuador.

Der New Yorker Tennisfan kann brutal sein. Wenn ihm das US-Open-Spektakel nicht gefällt, verlässt er gelangweilt ganz schnell mal die grösste Tennisarena der Welt. Oft genug gähnten in den letzten Jahren selbst am Super Saturday, bei den Halbfinals der Herren, hässliche Lücken auf dem Centre-Court. Selbst dann, wenn die Besten der Branche wie Rafael Nadal, Roger Federer oder Andy Murray aufspielten.

Nicht so aber an diesem Samstag im Big Apple, der ein hin- und mitreissendes Drama zwischen der Nummer 1 der Welt, Novak Djokovic, und Stanislas Wawrinka, dem «Mann der Stunde» bei den US Open, bot. Einen aufwühlenden Gladiatorenkampf, der Zuschauer, Experten, den Pressepulk und die Fans von der ersten bis zur letzten Minute in seinen Bann zog. Ein Klassematch, in dem auch der Verlierer letztlich wie ein Sieger erschien, jener grossartige Stanislas Wawrinka, der um den Erfolg beinahe wie um sein Leben fightete, schliesslich aber den bitteren 5-Satz-Abschied (6:2, 6:7, 6:3, 3:6 und 4:6) aus New York nicht verhindern konnte.

«Ich bin jetzt ziemlich tot»

Eine finale und symbolische Verneigung vor dem Schweizer Verlierer gab es dennoch, als die 24 000-Zuschauer-Kulisse Wawrinka mit einem so intensiven Abgangsbeifall verabschiedete, wie ihn nur wenige Geschlagene hier in den letzten Jahren erhalten hatten. «Er war ein ganz grosser Gegner», sagte Gewinner Djokovic hinterher, der sich nun im Finale der Aufgabe gegen Rafael Nadal stellen darf. Der Spanier bezwang Richard Gasquet im zweiten Halbfinale sicher mit 6:4, 7:6 und 6:2, in einem Spiel, das höchstens halb so gut und aufregend war wie das epische Spiel zwischen dem Djoker und «Stan, the Man.» Dem Malocher, der am Ende des Tages sogar von Krämpfen in der Pressekonferenz geschüttelt wurde – und der über sich selbst sagte: «Ich bin jetzt ziemlich tot.»

Keiner weiss, ob Wawrinka bald schon wieder in einem solch exklusiven Grand-Slam-Stadion dabei sein wird, eine Garantie dafür gibt es für niemanden. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür hat der 28-jährige Romand beträchtlich erhöht, ganz einfach, weil er sich auch in seinem letzten Spiel in New York gezeigt hat, zu welchen Leistungen er neuerdings selbst gegen die stärksten Rivalen in seiner Arbeitswelt fähig ist. «Ich nehme das Positive mit», sagte Wawrinka denn auch hinterher, «die Enttäuschung ist zwar da, aber ich weiss: Das war ein grosses, starkes Turnier für mich. Und davon kann ich auch zehren.»

Anders als bei dem 5-Satz-Drama in Melbourne zu Saisonbeginn, als Wawrinka gegen Djokovic das Gefühl hatte, er könne nur mit Mühe und allergrösstem Einsatz Schritt halten, war er sich nun sicher: «Wenn ich auf meinem besten Level spielte, war ich auch der bessere Spieler.» Den entscheidenden Punch konnte Wawrinka vermutlich nur deshalb nicht setzen, weil er ab Mitte des dritten Satzes mit ernsthafteren Leisten- und Oberschenkelbeschwerden kämpfte, die sich nach seiner Aussage bereits einmal im Spiel gegen Marcos Baghdatis angedeutet hatten. «Es war mir klar, dass ich zum Schluss nicht mehr viel im Tank haben würde», sagte Wawrinka. Dass er auf Augenhöhe trotzdem weiter ackerte und rackerte bis zum Matchball nach vier Stunden und neun Minuten, war ihm insoweit höchstens anzurechnen. «Von diesem neuen Wawrinka werden wir noch einiges hören in nächster Zeit», war sich TV-Experte John McEnroe sicher, «man hat schon gesehen, dass es noch mal eine Evolution gab bei ihm in den letzten Monaten.» Nicht zuletzt ein Verdienst der Partnerschaft mit dem schwedischen Ex-Profi Magnus Norman, der am Samstag über Wawrinkas Vorstellung zeigte: «Er hätte den Sieg verdient gehabt. Er war der bessere Mann, der Spieler, der diktierte und dirigierte.»

Das gelebte Beckett-Zitat

Natürlich war Wawrinkas Tattoo mit dem Samuel-Beckett-Zitat später auch ein Thema im Frage-und-Antwort-Spiel mit der Weltpresse, die Worte «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Und es musste schon deshalb ein Thema sein, weil das Spiel fast eine lebendige Entsprechung der Worte des Schriftstellers war, die Unermüdlichkeit des hart arbeitenden Profis Wawrinka, aber auch eine wertvollere Niederlage an diesem 8. September als viele Fehlschläge zuvor. «Auch jetzt werde ich wieder zurück auf den Trainingsplatz marschieren, werde versuchen, noch stärker zu werden. Und irgendwann doch nicht mehr scheitern in so einem Match», sagte er mit Zuversicht im Blick und fester Stimme – imponierend auch bei diesem Auftritt, bei einem starken Abgang nach einem starken Match.

Seine bisher beste Saison als Profi, die er nun mit 28 Jahren auf die Courts des Tenniszirkus festschreibt, kann sich Wawrinka noch allemal mit der Teilnahme am ATP World Tour Finale in London versüssen – wobei es im Moment im Kampf um die acht Plätze so aussieht, als könnten Roger Feder und Wawrinka am Ende beide ins Turnier rutschen. Nach den US Open steht Federer mit 3055 Punkten auf Platz sieben, Wawrinka folgt mit 2925 Zählern auf Platz acht, dahinter lauern Richard Gasquet und Tommy Haas noch auf ihre Chance. «Ich will es unbedingt schaffen, ich würde mich auf London freuen», sagt Wawrinka. Auch da zeigte sich der neue Wawrinka, ein Spieler, der die grosse Bühne sucht und sich auch wohl fühlt auf ihr. Zunächst aber ruft nun der Davis-Cup-Alltag, ab Freitag gegen Ecuador. Mit Wawrinka als dem, der die Punkte besorgen muss.

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