Obwohl Lüthi als Coach Federers Chef ist, dieser aber seinen Lohn bezahlt, sind aus ihnen Freunde geworden, die auch abseits des Tennisplatzes viel Zeit miteinander verbringen. Hier erzählt Severin Lüthi, wie er in Wimbledon einen Tag an der Seite Federers erlebt.

07.50 Uhr «Ich lasse mich von meinem Handy wecken. In Wimbledon wohne ich mit Ivan Ljubicic in einem Haus, das sich in Gehdistanz zu jenem von Roger und dessen Familie befindet. Ich dusche erst und esse etwas Kleines, aber nie wahnsinnig viel. Wenn ich mit Roger unterwegs bin, muss ich darauf achten, dass ich keine zu grossen Portionen esse, denn ich bewege mich viel weniger als Roger und verbrenne nicht so viele Kalorien wie er.»

09.00 Uhr «Wir treffen bei Roger ein, Physiotherapeut Daniel Troxler ist bereits hier. Roger und er sind mit Stretching und Kräftigungsübungen beschäftigt, die zum täglichen Brot gehören. Über den Match reden wir nicht gross, das haben wir am Vorabend erledigt. Meist besprechen Ivan und ich uns gemeinsam, bevor wir mit Roger die Taktik festlegen. Ivan denkt noch wie ein Spieler. Zur Vorbereitung schauen wir frühere Matches, Statistiken und Resultate an. Ich schaue oft Tennis und mache mir Notizen.»

«Ich bin ja auch noch Davis-Cup-Captain: Das erleichtert vieles.»

09.40 Uhr «Zwei Wagen des offiziellen Fahrdienstes bringen uns zur Anlage. Pro Spieler darf nur ein Coach den Dienst in Anspruch nehmen, aber ich bin ja auch noch Davis-Cup-Captain. Das erleichtert vieles. Hier verlieren wir auch nicht viel Zeit im Verkehr, weil alles in der Nähe ist. Bei anderen Turnieren hast du auch einmal eine Stunde Weg, oder du sitzt sogar im Stau.»

Beim Einspielen gehe es darum, «etwas zu schwitzen, die Bälle zu fühlen und den Puls hochzubringen», sagt Severin Lüthi.

  

09.50 Uhr «Wir treffen auf der Anlage ein, auf der Seite der Somerset Road. Über das Millennium Building, das über eine Brücke mit dem Centre-Court verbunden ist, kommen wir in die Kabinen. Wenn wir auf der Anlage trainieren, werden wir von Stewards zum Platz begleitet. Während der zweiten Woche können wir das öfter tun, weil nicht mehr so viel los ist. Die Plätze im Aorangi Park sind zwar auch gut, aber auf der Anlage zu trainieren, ist ein anderes Gefühl, denn es sind ja auch Matchplätze. Natürlich achten wir darauf, dass wir einen guten Trainingspartner organisieren können, zum Beispiel, wenn Roger gegen einen Linkshänder spielt. Aber es ist wie bei einer Prüfung: Am Tag vorher musst du nicht versuchen, alles reinzupauken, das du zuvor versäumt hast. Wir gehen die ganze Palette an Schlägen durch. Es geht darum, etwas zu schwitzen, die Bälle zu spüren und den Puls hochzubringen. Nach dem Training geht Roger duschen, während wir auf ihn warten. Manchmal organisiere ich noch Rogers frisch bespannten Rackets.»

«Zmittag essen, Aufwärmen und Roger während dem Spiel pushen»

11.10 Uhr «Zirka zwei Stunden vor dem Match essen alle zusammen im Spielerrestaurant Zmittag, das Angebot am Buffet ist gross. Roger isst Pasta. Wir reden über Gott und die Welt.»

11.45 Uhr «Wir gehen in die Kabine und reden noch einmal kurz über den Match. Roger lässt sich dabei die Füsse tapen und stretcht mit Dani (Physiotherapeut Daniel Troxler, d. Red.) noch kurz. Wir schauen dort in der Kabine auch Matches von möglichen Gegnern. Wir interessieren uns ja für Tennis und eine gewisse Lockerheit ist wichtig. Roger wärmt sich mit uns auf und macht noch ein paar Übungen mit Bällen.»

Drei Stunden vor dem Spiel wird aufgewärmt.

Drei Stunden vor dem Spiel wird aufgewärmt.

13.00 Uhr «Vor dem Spiel besorgen wir uns noch Getränke, weil wir ja nie wissen, wie lange ein Spiel dauert. Während des Spiels ist es wichtig, dass ich das ausstrahle, was ich von Roger will. Es ist wichtig, dass ich ihm zeige, dass ich da bin. Ich versuchen, ihn zu pushen, wenn es eng ist, stehe auf, oder zeige ihm die Faust.»

15.17 Uhr «Nach dem Match gehen wir gleich in die Garderobe, damit wir da sind, wenn Roger zurückkommt. Gewinnt er, reden wir nur kurz über das Spiel, maximal 10 Minuten. Er ist ja schon so lange auf der Tour und man muss die Dinge nicht zu Tode reden. Roger nimmt eine Dusche und trifft ab und zu noch jemanden. Danach spricht er mit der Presse, dem Fernsehen und den Radios. Auch ich gebe manchmal noch Auskunft und ich erledige auch private Dinge, treffe zum Beispiel noch Freunde, die zu Besuch sind. Ich bleibe oft noch viel länger im Klub als Roger und schaue mir Matches an. Das gehört auch zu meiner Arbeit.»

 «Wenn ich am Abend noch Zeit habe, gehe ich im Park joggen.»

19.05 Uhr «Der Fahrdienst setzt mich zu Hause ab. Ich schreibe noch kurz mit Roger und verabrede mich für später. Wenn ich am Abend noch Zeit habe, gehe ich im Park joggen. In Wimbledon bin ich sehr diszipliniert. Es ist wichtig, dass ich auch etwas für mich mache und abschalten kann.»

Severin Lüthi markiert während Federers Spielen ab und zu Präsenz.

  

20.15 Uhr «Zum Nachtessen gehe ich rüber zu Roger und der Familie. Es kommt vor, dass sie alleine essen, aber meistens bin ich dabei. Für Roger ist es schön, wenn er früh spielt, dann kann er mit den Kindern essen. Weil er einen Koch dabei hat, ist er aber sehr flexibel. Es gibt also kein Ritual und es geht dabei auch darum, dass es Spass macht und kein Müssen ist. In diesem Jahr haben wir natürlich oft noch die Spiele der Fussball-WM geschaut. Über Tennis sprechen wir nur selten.»

00.05 Uhr «Wenn es wie hier in Wimbledon keine Night Session gibt, gehe ich gegen Mitternacht ins Bett. Mir kommt es entgegen, dass die Wege kurz sind und ich nicht noch eine Stunde benötige, bis ich in meiner Unterkunft bin. Hier ist es ein bisschen heimeliger. Nach engen Matches bin ich oft noch etwas aufgedreht, spüre das Adrenalin. Ich kann dann lange nicht einschlafen. Roger hat damit fast weniger Probleme als ich, obwohl er ja auf dem Platz steht und nicht ich.»