Tennis
Schweizer Fed-Cup-Team auf einer Achterbahn der Gefühle

Konsternation, Verzweiflung, Tränen, Hoffnung, Euphorie, Jubel: ein breites Band an Emotionen zwischen Timea Bacsinszkys bitterer Niederlage und Viktorija Golubics sensationellem Auftritt im Fed-Cup-Halbfinal der Schweiz gegen Tschechien in Luzern.

Marcel Kuchta
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Viktorija Gobulic gleicht für die Schweiz unerwartet zum 1:1 gegen Tschechien aus, nachdem zuvor Timea Bacsinzky ihre Partie verlor.

Viktorija Gobulic gleicht für die Schweiz unerwartet zum 1:1 gegen Tschechien aus, nachdem zuvor Timea Bacsinzky ihre Partie verlor.

Keystone

Der Himmel über Luzern weint, der Pilatus versteckt sich hinter dicken Wolken, als sich die Zuschauer aufmachen, in die Messehalle zu strömen. Der Regen macht der guten Stimmung und der vorherrschenden Zuversicht unter den Fans keinen Abbruch. Rot-weiss ist Trumpf in den Wandelhallen.

Man posiert vor dem grossen Davis-Cup-Plakat, auf welchem Federer und Co. mit der 2014 gewonnenen Trophäe zu sehen sind. Der Verkauf von Fan-Artikeln floriert beim Stand von Swiss Tennis. Die Identifikation mit dem Schweizer Frauenteam ist gross – trotz oder gerade wegen seines multikulturellen Hintergrunds? Vermutlich ist es ganz einfach der Charme, den Timea Bacsinszky, Martina Hingis, Viktorija Golubic und die derzeit verletzte Belinda Bencic ausstrahlen. Man muss die vier sympathischen Damen einfach gerne haben.

Belinda Bencic ist trotz ihrer Rückenverletzung ebenfalls vor Ort. Zusammen mit ihrem Vater Ivan zeigt sie sich kurz im VIP-Bereich. Später wird sie das Geschehen hautnah neben ihren Teamkolleginnen in der Schweizer Box verfolgen. Die Stimmung unter den 4500 Zuschauern in der sehr gut gefüllten Messehalle ist elektrisierend.

Unter den stampfenden Beats von «Cotton Eye Joe» und dem rhythmischen Klatschen des Publikums laufen die Schweizerinnen in die Arena ein. Die Euphorie ist greifbar. Ein grosses tschechisches Fan-Kontingent sorgt mit Tröten, Trommeln und einer Trompete für Dauerbeschallung.

Die wird umso lauter, je besser Barbora Strycova im ersten Duell gegen Timea Bacsinszky spielt. Der Tschechin gelingt quasi alles, der Schweizer Nummer eins dafür nichts. Nach lediglich 25 Minuten geht der erste Satz 0:6 verloren. Die Fans der Heimequipe schauen sich ungläubig an. Trost spendet nur der Zwischenstand des Fan-Supports auf Twitter, der auf den grossen Bildschirmen eingeblendet wird: 88 Prozent sind für die Schweiz. Immerhin.

Die Securitas-Taschentücher

Nach 47 Minuten steigt der Stimmungspegel in der Halle plötzlich. Timea Bacsinszky gewinnt endlich ihr erstes Game. Doch auch dieser kleine Höhepunkt entpuppt sich als Strohfeuer. Nach etwas mehr als einer Stunde ist der Spuk vorbei. Die Zuschauer sind ernüchtert, bei Bacsinszky kullern die Tränen über die Wangen.

Auch später an der Pressekonferenz macht die Lausannerin aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Selbst im Angesicht der Journalisten kommen ihr die Tränen. Und doch verliert sie auch in diesem schwierigen Moment nicht den Humor. «Ich danke der Securitas für das Sponsoring der Nastücher», sagt die 26-Jährige, die mit dem immensen Erwartungsdruck schlicht und einfach nicht umgehen konnte.

Sie sagt: «Ich habe mich so darauf gefreut, endlich mal vor eigenem Publikum spielen zu dürfen. Deshalb tut diese Leistung umso mehr weh.» Drei Stunden später weint Timea Baczinszky wieder. Doch diesmal nicht aus Enttäuschung, sondern aus purer Freude und Erleichterung.

Fed-Cup-Halbfinal Schweiz-Tschechien
18 Bilder
Belinda Bencic und Martina Hingis feuern Timea an
Viktorija Golubic ist auf das Spiel fokussiert.

Fed-Cup-Halbfinal Schweiz-Tschechien

Keystone

Viktorija Golubic hatte eben die Scharte der Schweizer Nummer eins sensationell ausgewetzt und ihrerseits die tschechische Topfrau Karolina Pliskova in drei Sätzen niedergerungen. Die Schweizer Spielerinnen liegen sich nach der Parforceleistung der Zürcherin in den Armen. Die Zuschauer stehen kopf.

Die Messehalle, die während des ersten Spiels noch verzweifelt nach einem Anlass suchte, endlich zu einem Hexenkessel zu werden, verwandelt sich während der Partie von Viktorija Golubic in ein Tollhaus. «Die Atmosphäre war sensationell. Ich war zwar wie im Tunnel, aber ich habe die Zuschauer immer hinter mir gespürt», sagt Golubic später.
Als die Zuschauer freudentrunken dem Ausgang zusteuern, werden sie von Sonnenstrahlen empfangen. Der Himmel über dem Pilatus ist heiter. Wie die Stimmung nach Golubics Paukenschlag.

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