Er hatte sich viele Gedanken gemacht in der einmonatigen Wettkampfpause nach dem Aus in den Viertelfinals von Wimbledon, auch grundlegende. Und er kehrte mit einer klaren Devise zurück: nicht in alte Muster verfallen, offensiv spielen, nicht konservativ, befreit und inspiriert. Was Roger Federer damit meinte, war in Cincinnati aber nur im Ansatz zu erkennen. Es wurde augenscheinlich, dass ihm die Balance und die Klarheit im Spiel abhanden gekommen war. 

Ausdruck dieses Ringens mit sich selber war der Final gegen Novak Djokovic, den Federer mit 4:6, 4:6 verlor. Für den Serben war es nach fünf Finalniederlagen (drei gegen Federer) der erste Erfolg in Mason, Ohio. Er schaffte damit Historisches: Er ist der erste Spieler, der alle neun Turniere der Masters-1000-Serie mindestens einmal gewonnen hat. Und Djokovic untermauerte damit auch seine Favoritenrolle für die in einer Woche beginnenden US Open.

Novak Djokovic komplettiert seine Titelsammlung

Federer spricht von «einer guten Woche»

Federer hingegen konnte nie kaschieren, woran sein Spiel krankt: dominant beim Aufschlag, hadernd, zweifelnd und fehlerhaft beim Return. «Das war einfach schrecklich. Klar, Novak hat gut serviert, aber jeden zweiten Ball auf der Vorhand zu verschlagen, ich weiss nicht, was das war», ärgerte sich der Baselbieter. «Das war einfach nicht gut genug. Und ich bin froh, dass es vorbei ist.» Dass er dennoch von «einer guten Woche» sprach? Eine Plattitüde.

«Es war ein schreckliches Gefühl», sagte Federer und liess durchblicken, dass er sich träge gefühlt haben muss: «Meine Füsse bewegten sich nicht mehr so gut.» Wegen Regenfällen hatte Federer in drei Tagen vier Spiele bestritten, dabei im Halbfinal aber von der Aufgabe von David Goffin profitiert. Gleichwohl stellte auch Djokovic fest, dass Federer nicht auf der Höhe gewesen sei: «Es schien zuweilen, als hätte er Schwierigkeiten, sich zu bewegen.»

Djokovic vs. Federer: die Final-Highlights aus Cincinnati

Tiefe Risse im Selbstverständnis

Vor dem Turnier hatte Federer die Ergebnisse seiner schonungslosen Selbstkritik vorgetragen, als er konstatierte, dass ihm die Leichtigkeit des vergangenen Jahres schon in Australien gefehlt habe. Trotzdem hatte er dort den Titel gewonnen. Trotzdem war er im Frühling noch einmal an die Spitze der Weltrangliste vorgestossen. Cincinnati war für ihn die Rückkehr ins Gruselkabinett. Wimbledon hat tiefe Risse in seinem Selbstverständnis hinterlassen. 

Eine Woche vor den US Open ist Federer weit von seiner Bestform entfernt. Doch es ist nicht alles schlecht. Körperlich reist er erstmals seit Jahren ohne Beschwerden nach New York. Auf den Aufschlag ist Verlass. Zudem zeigte Federer eine Galligkeit, die ihm zuletzt gefehlt hatte. Zuletzt hatte Federer sich daran gestört, dass er in New York als Favorit gelte, obschon er dort seit zehn Jahren nicht mehr gewonnen hat. Zumindest dieses Problem ist er nun los. 

Historisch: Novak Djokovic hat als erster Spieler alle neun Masters-1000-Turniere mindestens einmal gewonnen.

Historisch: Novak Djokovic hat als erster Spieler alle neun Masters-1000-Turniere mindestens einmal gewonnen.