Tennis
Roger Federer sucht vor Wimbledon weiter nach dem Vertrauen in seinen Körper und sein Spiel

Roger Federer liebt Emojis. Jeder Tweet des 34 Jahre alten Baselbieters ist gespickt mit den lustig bunten Ideogrammen, mittlerweile hat der Rekord-Major-Champion sogar einen eigenen Emoji mit seinem Konterfei. Und so lüftete Federer im Frühjahr quasi pantomimisch als reine Emoji-Anekdote das Geheimnis, wie er sich den Meniskus im Knie gerissen hatte.

Petra Philippsen aus Wimbledon
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Noch fühlt sich Roger Federer auf dem Rasen von Wimbledon nicht so wohl wie in den vergangenen Jahren.

Noch fühlt sich Roger Federer auf dem Rasen von Wimbledon nicht so wohl wie in den vergangenen Jahren.

Keystone

Die putzige Geschichte liess allerdings viel Raum für Spekulationen, so ausgetüftelt ist die Zeichensprache dann doch nicht. Aber wirklich lustig war die Anekdote auch nicht. «Eine blöde Bewegung und das wars», sagte Federer nun in Wimbledon, «ich war enttäuscht und traurig, in meiner Karriere war bis dahin noch nie eine Operation nötig.»
Und dieser Eingriff wurde ein tiefer Einschnitt in seine Saison. Es ist die schwierigste, die er je hatte. Und obwohl die Regeneration im Februar recht zügig verlief, erkrankte Federer erst beim Masters in Miami und verletzte sich danach beim Masters in Madrid wieder am Rücken. Das French Open musste er notgedrungen absagen. Auch das fiel ihm schwer. Seit 1999 hatte Federer bei keinem Grand Slam mehr gefehlt, «man hat sich irgendwie dran gewöhnt, dass ich immer dabei bin. Das ging mir auch so.»

Ein hartes Stück Arbeit. Federer gab gegen das Tennistalent Fritz den zweiten Satz ab.
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Federer wirkte bei seinem Comeback in seinen Bewegungen teilweise noch etwas zögerlich.
Roger Federer bezwingt auf dem Rasen von Stuttgart Jungstar Fritz
Der 18-jährige Fritz (ATP 65) wusste Federer zu fordern und gewann einen Satz.

Ein hartes Stück Arbeit. Federer gab gegen das Tennistalent Fritz den zweiten Satz ab.

Keystone
SW19 im Fokus: Roger Federer will sich in Wimbledon auf die ersten Runden fokussieren.

SW19 im Fokus: Roger Federer will sich in Wimbledon auf die ersten Runden fokussieren.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Jenem Ort, der lange Zeit ihm gehört hat. Wo er sieben Mal den goldenen Challenge Cup in Händen halten durfte. Auf jenem Rasen, den er wie nur wenige Spieler vor ihm beherrscht hatte. Doch dieses Mal scheint Federer den gewohnten Halt auf seinem Lieblingsuntergrund noch nicht zu spüren, eine leichte Unsicherheit der mühsamen letzten Monate ist geblieben.

«Ich habe in dieser Saison so wenig gespielt wie noch nie in meiner Laufbahn», gab Federer zu Bedenken, «der Rost ist immer noch da, gegen den muss ich ankämpfen. Ich spüre ihn in meinem Körper, meinen Schlägen und ein bisschen im Kopf drin.» In Stuttgart hatte der Weltranglistendritte seine ersten Gehversuche auf Rasen unternommen, und das war nicht leicht mit dem Dauer-Unwetter im Süden Deutschlands: ständige Unterbrechungen, rutschiger Rasen.
«Da musste ich mich ganz vorsichtig bewegen», sagte Federer. Im Halbfinal schied er schliesslich gegen den späteren Turniersieger Dominic Thiem aus, in Halle beendete in der Woche drauf der deutsche Youngster Alexander Zverev ebenfalls im Halbfinal Federers Hoffnung auf den neunten Titel in Ostwestfalen.

Verpasster Meilenstein

Sieben Matches in zehn Tagen hatte Federer durchgehalten, das hätte das positive Fazit für den Schweizer sein können im Hinblick auf Wimbledon. Doch so tickt Federer nicht. Er war ärgerlich, als er Halle verliess. «Ich hätte beide Niederlagen vermeiden können», betonte er. Für ihn hing so viel an diesem Titelgewinn. «Das wäre ein Meilenstein für mich gewesen, mein erster Titel der Saison», bedauerte Federer, «es wäre wie 2003 bei meinem ersten Sieg gewesen.» Damals hatte in Halle sein grandioser Lauf begonnen, sein erster Triumph in Wimbledon folgte direkt, danach noch 16 weitere Major-Trophäen. Deshalb sagte Federer: «Ich hätte den Titel für mein Selbstvertrauen gebraucht.

In Halle von Alexander Zverev erstmals seit 2012 wieder geschlagen: Roger Federer.

In Halle von Alexander Zverev erstmals seit 2012 wieder geschlagen: Roger Federer.

KEYSTONE/EPA DPA/FRISO GENTSCH

Um zu wissen, dass mein Spiel in die richtige Richtung geht. Das wäre Gold wert gewesen.» Stattdessen sucht Federer auch in Wimbledon weiter nach Antworten, nach dem Vertrauen in sein Spiel. Mit nur 22 Matches auf dem Konto fehlt ihm die Matchpraxis, die Sicherheit. Im Training suchte Federer unter der Woche immer wieder das Gespräch mit seinen Trainern Ivan Ljubicic und Severin Lüthi. Er wirkt verhalten, längst nicht so locker und selbstbewusst wie sonst in Wimbledon.

Obwohl er sagt, das Vertrauen in seinen Körper sei besser geworden. «Mit diesem Rücken habe ich 88 Titel gewonnen – ich kann mit diesem Rücken leben», meinte er. Dennoch hat Federer seine Erwartungen beim wichtigsten Turnier der Saison erstmals heruntergeschraubt. Seit er 2012 im Final gegen Andy Murray zum bisher letzten Mal den Titel im All England Club gewann, hat Federer noch 2014 und 2015 das Endspiel erreicht und war jeweils Novak Djokovic in zwei furiosen Partien unterlegen.

Kein Selbstläufer

In diesem Jahr würde er bereits im Halbfinal auf den Weltranglistenersten aus Serbien treffen. Doch so weit mag Federer gar nicht denken. Zu viel Ungewissheit spielt noch mit, «und wenn man sich nicht hundertprozentig fühlt, hat man gegen die Topspieler ohnehin keine Chance», ist sich Federer sicher. Er denkt in kleinen Schritten, auch das ist ungewohnt für den Ausnahmespieler. In der ersten Runde trifft er morgen auf den Argentinier Guido Pella. Eigentlich wäre dieses Auftaktlos ein Selbstläufer für Federer, aber von selbst geht momentan eben wenig.

Roger Federer trainiert in Wimbledon.

Roger Federer trainiert in Wimbledon.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

«Wichtig ist für mich, dass ich durch die erste Woche komme», sagt er und scheint sich an diese Hoffnung förmlich zu klammern. Bis dahin könnte er sich ins Turnier reingespielt und die beste Form gefunden haben, die ihm nach dieser bisher so verkorksten Saison möglich ist. Die zweite Turnierwoche als Minimalziel in Wimbledon – es zeigt, wie sehr Federer bei der Frage nach seiner Form noch im Dunkeln tappt.

Allerdings gibt es auch kaum einen anderen Spieler, der auf Rasen schneller sein Level anheben kann. Er braucht nur Erfolgserlebnisse, Siege. Wimbledon könnte in den nächsten zwei Wochen die Wende bringen, wieder zu seiner Wohlfühloase werden – dann hätte Federer gleich ein perfektes Motiv für sein neuestes Emoji.