US Open

Roger Federer besiegt die Angst

Von der Verunsicherung ist bei Roger Federer nichts mehr zu merken.

Von der Verunsicherung ist bei Roger Federer nichts mehr zu merken.

Warum Roger Federer wieder vom US-Open-Titel träumen kann.

Als hätte es in dieser Nacht noch eines weiteren Beweises bedurft, dass er sich besser fühlte, gab Roger Federer (36) nach dem 6:3, 6:3, 7:5 gegen Feliciano Lopez (25, ATP 35) den Entertainer. Mit voller Wucht schlug er die Bälle unters Stadiondach, immer gerade dorthin, wo die Zuschauer seiner Meinung nach den grössten Lärm machten. Es war eine Nacht, in der Federer jene Zweifel aus dem Weg räumte, die ihn in den letzten drei Wochen auf Schritt und Tritt begleitet hatten. «Das ist das, was ich brauchte», sagte er selber und unterstrich mit seiner Leistung, wieso er stets Zuversicht versprüht hatte.

Anders als in den ersten Runden, in denen er erstmals in seiner Karriere zum Auftakt eines Grand-Slam-Turniers jeweils fünf Sätze hatte bestreiten müssen, spielte er ohne Zurückhaltung. Geschmeidig wie eine Katze bewegte er sich über den Platz und exerzierte fast sein gesamtes Schlagrepertoire durch. Von der Verunsicherung, den Fehlern und der Verletzlichkeit der letzten Tage ist nichts mehr übrig geblieben. Dabei machten in den Stunden zuvor Gerüchte die Runde, Federer trete wegen seines Rückenleidens gar nicht erst an. Er habe sich beim Einspielen kaum bewegt, stattdessen sei diskutiert worden.

Gerüchte um Aufgabe

Diese Beobachtungen, diesen Schluss lassen Federers Aussagen zu, sind völlig falsch. «Im Training vor dem Spiel habe ich erstmals wieder meinen Rhythmus gespürt», sagte er nach dem Sieg. «Ich brauchte ein paar Stunden auf diesem Platz, um die Angst zu überwinden. Jetzt vertraue ich meinem Körper und den Bewegungen wieder. Endlich kann ich mich aufs Tennis konzentrieren.» Er sprach von einem guten Test, und davon, dass das Turnier endlich auch für ihn so richtig beginnen könne. «Die Sorgen sind verflogen. Ich bin aufgeregt, wie gut ich mich jetzt noch fühle.»

Positiv stimmt ihn, dass er diesmal auch in schwierigen Momenten die Ruhe bewahrt habe. Richtig eng wird es gegen Lopez nur, als er im dritten Satz einen 3:1-Vorsprung preisgibt. Dass er fünf von sechs Breakchancen abwehren kann, sei die Folge einer verbesserten Konzentration. «In den ersten Matches habe ich noch gedacht: ‹O Gott, nein, Breakball!›» Nun sei die «Punkt-für-Punkt-Mentalität» endlich zurück. Und doch strahlt Federer gegen Lopez eine Lockerheit aus, die ihm noch gefehlt hatte. Als er nach dem Startsatz auf seiner Bank sitzt und auf der Grossleinwand ein tanzender Zuschauer gezeigt wird, wippt er mit den Füssen mit, während ihm ein Lächeln übers Gesicht huscht.

«Ich lasse mich nicht verleiten»

Wie gross die Erleichterung über den souveränen Auftritt gleichwohl ist, lässt sich auch am Jubelschrei erahnen, der vermuten liesse, Federer habe die US Open gerade zum ersten Mal seit 2008 wieder gewonnen. Danach erinnerte er daran, wie schlecht er Anfang Jahr bei den Australian Open gestartet sei. «Das war damals nicht das Gelbe vom Ei, aber daran erinnert sich kein Mensch mehr. Ich lasse mich nicht verleiten.» Der Höhenflug, der im 18. Grand-Slam-Titel gipfelte, begann erst mit dem Sieg in der dritten Runde gegen Tomas Berdych. Danach folgte, woran sich alle erinnern: die Siege gegen Kei Nishikori, Stan Wawrinka und Rafael Nadal.

Viele Gegner von diesem Kaliber sind nicht mehr im Turnier. Sein Gegner in den Achtelfinals ist der 33-jährige Deutsche Philipp Kohlschreiber (ATP 37), gegen den Federer eine 11:0-Bilanz vorweisen kann. Doch Federer ist gewarnt. Kohlschreiber hat seine letzten acht Partien gewonnen und wittert seine Chance. «Roger hat sich zu Beginn des Turniers noch nicht so in die Ecken bewegt. Jetzt ist die beste Chance, gegen ihn zu gewinnen.» Federer aber hat seinen bisher grössten Gegner in New York schon besiegt: die Angst.

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