Tennis
Roger Federer: «300 wäre schon eine nette runde Zahl»

Gewinnt Roger Federer heute (14 Uhr) in Shanghai gegen Stanislas Wawrinka wäre es nicht nur der 12. Sieg im 13. Duell gegen den Romand. Ihm wäre auch die 300. Woche als Nummer 1 sicher.

Jörg Allmeroth
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Heute kommts zum 13. Duell: Roger Federer und Stanislas Wawrinka.

Heute kommts zum 13. Duell: Roger Federer und Stanislas Wawrinka.

Keystone

Als bei den Olympischen Spielen in London der Fahnenträger fürs Schweizer Team gesucht wurde, zeigte sich der folgerichtige Kandidat von seiner generösen Seite. Roger Federer verzichtete auf die dritte Hauptrolle hintereinander beim Einmarsch, stemmte die Flagge nicht in die Höhe und liess seinem Goldmedaillen-Partner von Peking, dem getreuen Stanislas Wawrinka, den Vortritt.

Der Romand nahm die mildtätige Geste gerne an und schritt als Zweitbesetzung gleichwohl stolz ins Olympiastadion im Osten der britischen Kapitale ein – es war, dank Federer, einer der stolzesten Momente in der Karriere von Wawrinka.

Gipfelbewohner der Rangliste

Federers Grosszügigkeit hat natürlich ihre Grenzen. Und wenn nicht alles täuscht, wird der Maestro heute beim ATP-Masters in Schanghai wieder einmal die vertraute Rolle des Spielverderbers für Wawrinka einnehmen – dann, wenn sich die Schweizer Nummer eins und Nummer zwei zum dreizehnten Mal Auge in Auge auf einem der Centre-Courts der Welt gegenüberstehen. Es geht bei diesem Zweikampf auch und besonders um einen weiteren Meilenstein in Federers Schaffenszeit im Welttennis: Denn sollte sich der 31-Jährige zum zwölften Mal im dreizehnten innerschweizerischen Duell durchsetzen, ist ihm seine 300. Woche als Capitano der Tour sicher, als Nummer eins und Gipfelbewohner der Rangliste.

«Es wäre schon eine nette runde Zahl. Und eine Wegmarke, von der ich niemals zu träumen gewagt habe», sagt Federer, der in seinem Auftaktmatch in der chinesischen Boomtown gestern den Taiwanesen Yen-Hsun Lu mit 6:3 und 7:5 besiegte. Für Federer war es das erste Spiel nach dem Davis-Cup-Einsatz Mitte September in Holland.

Wawrinka als Schattenmann

Hinter dem alles überstrahlenden Über-Spieler Federer kommt Wawrinka seit je die Rolle des Schattenmannes zu – stehen die beiden Schweizer zusammen auf dem Platz, bei ihren gelegentlichen Doppeleinsätzen, wirkt es immer wie eine Chef-Lehrling-Anordnung. Es hat wenig Sinn, Wawrinka an Federer zu messen, es gibt es da prinzipiell keine Vergleichbarkeit. Aber der 28-jährige Romand hat es in vielen Jahren als Professional auch nicht geschafft, die sich selbst bietenden Chancen zu nutzen, erfolgreich von Federer freigehaltene Nischen zu besetzen und sich so wenigstens ein wenig von seinem mächtigen Weggefährten zu emanzipieren.

Die Big Points in den grossen Matches sind Wawrinkas Sache nicht, fast immer leidet er darunter, dass er in frühen Turnierstadien gegen schwächere Gegner zu unkonzentriert aufspielt und so Kräfte lässt. Die Kehrseite seines Rufs als Marathon-Mann ist der notorische Substanzverlust, die vergeudete Energie, die ihm dann fehlt, wenns zählt.

Wawrinkas Mühe mit Istomin

Fast symptomatisch, dass er vor dem Federer-Duell in Schanghai in drei schräge Sätze gegen den Usbeken Denis Istomin gezwungen war. 6:4, 4:6 und 6:4 lautete schliesslich das Resultat, mit dem Wawrinka mehr schlecht als recht in den Achtelfinal einzog. «Ich traue mir immer einen Sieg gegen Roger zu. Sonst brauchte ich nicht auf den Platz zu gehen», sagte Wawrinka hinterher. Aber die deprimierende Bilanz seit der Achtelfinal-Niederlage vor siebeneinhalb Jahren in Rotterdam, diese inzwischen elf Niederlagen in zwölf Spielen, musste er bei dieser Einlassung schon kraftvoll verdrängen – ganz nach dem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Federer käme natürlich nie auf die Idee, die Partie gegen Wawrinka auf die leichte Schulter zu nehmen. Sonst wäre er nicht der Mann, der er heute ist, der Mann, der nunmehr in der 299. Woche die Herde der Tennisnomaden anführt, eben auch noch jenseits der Dreissig. «Ich weiss, dass Stan jederzeit zu grossen Siegen fähig ist», sagt Federer, «und so gehe ich auch in diese Partie. Hellwach und voll konzentriert. Ich möchte schon da vorne bleiben.» Einen weiteren Rekord hat Federer auch vor Augen in dieser Turnierwoche im Fernen Osten: Mit dem Titel in Schanghai käme er auf 22 Masters-Titel – mehr als jemals ein anderer Spieler vor ihm. Und wohl auch noch eine geraume Zeit nach ihm.