Wenig später stellt sich der Romand erstmals seit Sommer 2017 wieder bei einem Tennisturnier den Fragen aus aller Welt. Er hat gute Neuigkeiten: der zweimal verschobenen Rückkehr nach den zwei Operationen am linken Knie steht nichts mehr im Weg.

«Hier überhaupt spielen zu können, fühlt sich für mich wie ein Sieg an.» Als Wawrinka diese Worte sagt, trägt er das gleiche Shirt; diesmal mit weisser Schrift auf schwarzem Grund. Eine passendere Metapher auf die Situation, in der sich der er derzeit befindet, gibt es kaum.

"Stan the Man" an der Pressekonferenz

"Stan the Man" an der Pressekonferenz

Von aussen betrachtet ist er es noch immer: «Stan the Man», dieser kräftige Athlet, fast schon bullige Athlet. Aber seine Welt, die vor wenigen Wochen noch in Trümmern lag, ist eine fragile geworden.

Als er Anfang des Jahres in der Schweiz das Flugzeug für die Reise ans andere Ende der Welt besteigt, weiss er nicht, ob er die Australian Open bestreiten kann. Gerne wäre er bei einem Schaukampf letzte Woche zurückgekehrt, doch dann machte ihm plötzlich die Schulter zu schaffen.

Von seiner Bestform sei er sehr weit weg, macht er sich nichts vor. Bei gewissen Bewegungen habe er noch immer Schmerzen, doch das sei normal, wiegelt er ab.

«Ich muss da jetzt durch. Ich muss akzeptieren, dass ich Zweifel habe und physisch nicht auf meinem Level bin», sagt er. Doch er will zurück auf den Platz. Weil Ungeduld und Ungewissheit ihn aufzufressen drohten.

Acht Wochen musste er an Krücken gehen. Vier Monate greift er gar nicht zum Racket. Ohne den Sport, der sein Leben definiert, fällt er in ein Loch, gequält von Gedanken an Rücktritt, begleitet von depressiven Episoden und Einsamkeit, sagt er im Dezember. «Es war enttäuschend, zu sehen, wie schnell man in Vergessenheit gerät», sagte er. Und es klang etwas verbittert.

Versöhnliche Worte zu Norman

Besonders enttäuscht war er damals von Magnus Norman (42), dem schwedischen Trainer, unter dem er vor vier Jahren mit dem Sieg bei den Australian Open den Vorstoss an die Weltspitze geschafft hatte, der sich aber im Herbst dazu entschlossen hatte, die Zusammenarbeit mit Wawrinka zu beenden. «Ein Schock. Wenn man so schwer verletzt ist, braucht man Menschen um sich, die einen gut kennen.»

Magnus Norman (rechts) ist  nicht mehr Trainer von Stan Wawrinka (links)

Magnus Norman (rechts) ist nicht mehr Trainer von Stan Wawrinka (links)

Normans Platz bleibt vorläufig leer. «Ich habe zu viel anderes im Kopf, als mich darum zu kümmern. Gedanken daran rauben mir die Energie», sagt er. Doch immerhin zeigte er sich in Melbourne versöhnlich. «Magnus ist ein Freund, mehr als das. Ich bin dankbar für die letzten Jahre und das möchte ich im Herzen behalten.»

In Australien wird Wawrinka von seinem Vertrauten und langjährigen Hittingpartner, dem Walliser Yannick Fattebert, begleitet.

Für ihn bedeutet die Auftaktpartie gegen den Litauer Ricardas Berankis (27, ATP 138) den Auftakt einer Reise ins Ungewisse. Es gehe für ihn darum, das Vertrauen in den Körper wiederzufinden. «Das wird Wochen, vielleicht sogar Monate dauern», sagt Wawrinka.

Doch für ihn zählt nur, dass er zurück ist. «Denn der Wettkampf hat mir gefehlt. Der Stress und das steigende Adrenalin, das Partien mit sich bringen.»