Pro

«Roger, hör doch auf, denn Mitleid hast du nicht verdient»

Du bist der beste Schweizer Sportler aller Zeiten. Und wirst es auch für immer bleiben – keine Frage! Natürlich hast du das Recht, den Zeitpunkt deines Rücktritts selber zu wählen. Ein rauschendes Fest zum Abschied ist dir nach all deinen Heldentaten in den Tennis-Arenen dieser Welt gewiss. Die ewige Liebe der Fans sowieso!

Aber auch für dich, lieber Roger, gilt: Der letzte Eindruck bleibt. Die Gefahr, den richtigen Moment des Abgangs zu verpassen, wird immer grösser. Genauso wie die Wahrscheinlichkeit, dass dich in den nächsten Jahren ein schaler Beigeschmack begleitet: Hätte er doch damals, im Sommer 2016, aufgehört!

 

Ein halbes Jahr willst du nun pausieren und dann wieder oben angreifen. Ein halbes Jahr ohne ernstzunehmenden Formtest. Ein halbes Jahr, in dem sich das Tennis weiter entwickelt und deine jungen Konkurrenten besser werden. Erfahrung mit der Rückkehr nach einer so langen Pause hast du nicht. Was, wenn sich dein Körper in den nächsten Monaten an die Ruhe gewöhnt und es dir nicht mehr gelingt, den Schalter zum Hochleistungssportler umzulegen? Was, wenn du dich an das Leben ohne die Reiserei und an die viele Zeit mit der Familie gewöhnst? Wenn du zurückkehrst, wirst du auf der Weltrangliste irgendwo um Platz 15 geführt. Federer auf Platz 15? Das wird dir, dem Besten aller Zeiten, einfach nicht gerecht!

Den richtigen Moment, aufzuhören, haben schon viele verpasst und sich lächerlich gemacht. Wie Maradona, der einst wie du der Beste war. Lächerlich wirst du, Roger, dich zwar nie machen. Aber treib es bitte nicht so weit, dass die Menschen Mitleid mit dir haben: Wenn sie dir dabei zuschauen, wie du ganz vorne mitspielen willst, aber nicht mehr kannst. So wie 2013, als du dich mit Rückenschmerzen über den Platz geschleppt und ein trauriges Bild abgegeben hast. Mitleid hast du nicht verdient – nur Bewunderung! Wenn du jetzt, ganz menschlich, wegen einer Verletzung aufhörst, wäre das ein schönes Gegenstück zu deinen übermenschlichen Schlägen mit dem Tennis-Racket.

Du sagst, es sei die Liebe zum Tennis, die dich motiviere zum Weitermachen. Diese Liebe kannst du doch auch anders ausleben: Indem du in der Schweiz den neuen Federer findest und ausbildest. Oder indem du die Swiss Indoors in Basel übernimmst: Das Turnier, wo für dich als Ballbub alles begann.

Kontra

«Auch ausser Bestform bleibt Federer bereichernd»

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Glaubt man Experten, dann wäre dies im Fall von Roger Federer im Sommer 2012 gewesen, als er seinen bislang letzten Grand-Slam-Titel feiern konnte. Aber Federer machte weiter. Allen Ratschlägen zum Trotz. Und das wird er auch 2017 machen. Und das ist richtig. Denn Federer liebt diesen Sport fast über alles. Immer wieder betont der 34-Jährige, dass ihm das Tennis noch immer Spass mache, auch, wenn er nicht mehr so viel gewinne wie früher.

Und dass er noch immer Freude am Spiel verspürt, ist offensichtlich. Egal ob im Sieg oder in der Niederlage, seine Emotionalität auf den Courts zeigt, was ihm das Spiel bedeutet. Und wenn ihm Titel und Triumphe nicht so wichtig sind, dann sollten sie es auch uns nicht sein. Vor allem auch deshalb, weil Federer die Qualität hat, dass er auch ausser Bestform noch ein bereicherndes, faszinierendes Tennis spielt. Ausserdem verkörpert er – auch ohne Titelgewinne – wie kein Zweiter, was das Tennis ausmacht: Eleganz, Strahlkraft und Noblesse. Er ist der grösste Tennis-Spieler, den es je gab und je geben wird. Auch wenn ihn Novak Djokovic dereinst in puncto Grand-Slams einholen sollte.

Federer wird die Massen auch dann noch anlocken und begeistern, wenn er sich von Platz 15 der Weltrangliste wieder an die Spitze kämpfen muss und wird. Er wird es mit Grandezza meistern. Auch, wenn es eine Aufgabe ist, die dem vom Glück geküssten Federer beinahe unbekannt ist. Er wird es schaffen, weil er allen beweisen will, dass er auch mit diesem wohl schwersten Kampf seiner Karriere fertig werden wird. Dass er auch dann der Grösste ist, wenn er nicht zu den top-gesetzten Spielern eines Tableaus gehört.

Er wird alle, die ihn seit 2012 wegschreiben, vom Gegenteil überzeugen. Nicht, weil er es nötig hat. Er muss gar niemandem mehr etwas beweisen. Er könnte sich zur Ruhe setzen. Er hat auch ohne Tennis ein erfülltes Leben. Aber seine Rückkehr muss sein. Damit er sich gebührend verabschieden kann. Mit einer Abschieds-Tournee statt einem Abgang wegen einer Verletzung. Diesen Abschied wünscht man ihm – und uns. Ihn so gehen zu lassen ist unmöglich. Dafür ist er noch nicht bereit. Und wir sind es auch nicht.

Alle Turniersiege von Roger Federer: