Tennis
Patty Schnyder: «Ich habe mein Leben nie in eine Schublade gepresst»

Der Schweizer Sport hat am Wochenende eine der grössten Athletinnen verloren. Patty Schnyder spricht nach ihrem nicht unerwarteten Rücktritt exklusiv über ihre Vergangenheit, die Liebe zum Tennis und wann sie Mutter werden will.

Michael Wehrle
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Patty Schnyder hat den Rücktritt vom Profitennis gegeben

Patty Schnyder hat den Rücktritt vom Profitennis gegeben

Keystone

Patty Schnyder, mit was für einem Gefühl gingen Sie zur Pressekonferenz, um Ihren Rücktritt zu verkünden?

Patty Schnyder: Das war so eine Kombination zwischen einer Leere und der Tatsache, dass solche Auftritte eben auch zu einer Sportlerkarriere gehören. Klar ist eine gewisse Wehmut aufgekommen, andererseits aber auch der Stolz, dass ich zufrieden Abschied nehmen durfte.

Flossen Tränen wie bei Fussballtorhüter Franco Costanzo nach seinem Abschied vom FC Basel?

Bei den offiziellen Terminen gestern hab ich versucht, nicht zu weinen.

Wann haben Sie denn das letzte Mal geweint?

In den Tagen zuvor kamen mir immer mal wieder die Tränen, wenn ich daran gedacht habe. Das Tennis war ja keine abstrakte Sache neben meinem Leben, sondern eine sehr persönliche Angelegenheit.

Fiel der Entscheid zum Rücktritt sehr schwer?

Meine Situation ist im Moment sicher noch nicht ganz entspannt, doch habe ich ein gutes Gefühl. Im Vergleich zu dem, was ich emotional schon erlebt habe, ist das Ende der Karriere aber nicht die ganz grosse Sache.

Wann fiel der Entscheid?

Am Dienstagabend, nach meiner Niederlage im Einzel gegen die Rumänin Sorana Cirstea. Da sagte ich mir, die Doppel nehme ich noch mit, dann ist Schluss.

Sie rangen aber schon länger mit dem Entscheid?

Klar, die Tendenz hat sich schon abgezeichnet. Ich teilte das ganze Jahr in Blöcke ein, nach denen ich jeweils entscheiden wollte. In den Blöcken wollte ich mich ganz auf den Sport konzentrieren.

Sie spielten zuletzt nicht gut, gab das den Ausschlag?

Richtig, auf dem Platz hat einiges nicht geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe. Warum, darüber kann man nun philosophieren. Denn ich fühlte mich wohl, in den Trainings lief es gut. Doch das Verlangen nach anderen Sachen als dem Tennis wurde immer grösser.

War auch Ihre spezielle Beziehung zu Paris, einem Ihrer Lieblingsturniere, ein Grund?

Es spielten wirklich viele Sachen mit, es ist schwierig es genau auf den Punkt zu bringen. Eigentlich wollte ich mich schon mit einer besseren Leistung verabschieden, das war nicht so toll, unter meinem Level. Andererseits ist Paris wirklich ein guter Ort, ich habe hier auch viel Schönes erlebt. Und nun kommen die Rasenturniere, die ich ja nicht wirklich mag.

Hatten Sie das Tourleben satt?

Ich reise noch immer gerne. Aber der Generationenwechsel hat Spuren hinterlassen. Ich habe nicht mehr so viele Freundinnen, die Stimmung ist anders geworden.

Haben Sie das Gefühl, Sie haben das Optimum aus Ihrer Karriere geholt?

Ja, im Grossen und Ganzen schon, ich habe doch viel rausgeholt. Als Kind habe ich davon geträumt, einmal in Roland Garros zu spielen, und nun waren es 14-mal, 2-mal kam ich bis in den Viertelfinal. Ich habe so viele gute Sachen erlebt, ich möchte die Zeit nicht sehr kritisch hinterfragen.

Hätte es in Ihrem Umfeld Möglichkeiten gegeben, irgendetwas besser zu machen?

Nicht viel. Ich habe immer sehr seriös gearbeitet, ich glaube nicht, dass ich noch viel hätte steigern können. Mein Mann Rainer Hofmann und ich hatten immer ein gemeinsames Ziel.

Würden Sie etwas ändern, wenn Sie zurückblicken?

Grundsätzlich nicht gross. Aber einige Kleinigkeiten schon.

Was war Ihr Highlight?

Dazu gehört natürlich der Turniersieg in Zürich 2002. Die Grand-Slam-Turniere mit ihrer speziellen Atmosphäre überhaupt und der Halbfinal in Australien 2004. Die Matches mit dem Team im Fed-Cup.

Und Tiefpunkte?

Einige schmerzhafte Niederlagen habe ich in Paris kassiert, wo ich teilweise sehr gut gespielt und trotzdem verloren habe, wie gegen Maria Scharapowa vor vier Jahren mit 7:9 im dritten Satz, nach zwei Matchbällen. Dann hatte ich hier ganz brutale Pleiten, wo ich völlig verkrampft war und schon in der ersten Runde rausgeflogen bin. Bitter war auch die Erstrundenpleite gegen Chanelle Scheepers vor wenigen Wochen in Charleston, einem meiner Lieblingsturniere.

Die Medien schrieben mehr über Ihr Privat- denn über Ihr Tennisleben. Fühlten Sie sich in Ihrer Karriere oft missverstanden?

Ich hätte lieber mehr über mich als Sportlerin gelesen. Die Gesellschaft soll mich doch so akzeptieren, wie ich bin. In vielen anderen Ländern wäre das wohl anders. Die Wertschätzung ist nicht überall gleich gross.

Sie wurden nie als Sportlerin des Jahres nominiert. Wie sehr hat Sie das getroffen?

Als ich in Zürich gewonnen hatte, da war ich extrem enttäuscht. Doch als dann drei Jahre später Tom Lüthi vor Roger Federer gewählt wurde, legte ich das Thema zur Seite. Ich kann seither die Wahl nicht mehr ernst nehmen.

Haben die Schweizer zu wenig Respekt vor Ihrer Leistung?

Dazu mag ich nichts sagen, es gibt eine breite Palette.

Ihre Schulden waren in den Medien ein grosses Thema, schmerzte das?

Ja, das tat sehr weh.

Sie verdienten über 8 Millionen Franken Preisgeld. Droht wirklich der finanzielle Kollaps?

(lacht) Ich kann sehr gut von meinem Preisgeld leben, solange ich mir nicht jedes Jahr eine Weltreise mit einem Privatjet leiste.

Was haben Sie denn jetzt vor?

Erst will ich ein paar Tage geniessen, ein bisschen ausruhen. Dann sehe ich, wie sich alles entwickelt. Ganz bestimmt möchte ich mich auch um Tiere kümmern, egal in welcher Form.

Gibt es etwas, das Sie nun nachholen wollen?

Bisher war mein Lebensstil fast perfekt. Ich bin als Sportlerin geboren. Das passte alles. Aber ich freue mich schon, dass etwas Stress und Druck weg ist. Doch hatte ich immer Spass am Leben und ich habe den perfekten Partner für meine Lebensweise, er hat alles noch gesteigert.

Freuen Sie sich auf etwas, das sie bisher nicht geniessen durften?

Ich habe mein Leben nie in eine Schublade gepresst. Wenn ich Lust auf ein Dessert hatte, habe ich eines gegessen. Wenn ich was Extravagantes brauchte, habe ich mir das geleistet. Alkohol war nie ein Thema, ich trinke praktisch keinen. Ich bin glücklich gewesen, aber ich kann das Tempo ein wenig reduzieren.

Im Oktober erscheint Ihr Buch, wie weit sind Sie?

Vieles ist schon geschrieben, aber es gibt noch eine Menge Arbeit.

Früher sprachen Sie vom Auswandern.

Australien ist kein Thema mehr. Ich habe nun das Glück, ich kann herausfinden, wo ich zehn Monate im Jahr leben will. Das kann in der Schweiz oder in Deutschland sein. Bisher führte ich ja ein Leben aus dem Koffer.

Sie sind 32 Jahre alt. Wie sieht es mit Kindern aus?

Der Wunsch ist da. Aber in diesem Jahr möchte ich noch nicht schwanger werden. Doch ab dem kommenden Jahr hoffen wir, dass es dann auch klappt.

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