Der Final bot hochklassige Grundlinienduelle, wegen der ähnlichen Spielweise der Kontrahenten aber nicht unbedingt grandioses Spektakel. Aber die Liebhaber von Abnützungsschlachten auf dem Tennisplatz kamen auf die Rechnung. Die ersten beiden Sätze, die beide erst im Tiebreak entschieden wurden, dauerten mehr als zweieinhalb Stunden. Wenig später erzwang Novak Djokovic die Vorentscheidung. Die Sätze drei und vier riss Djokovic in bloss noch etwas mehr als einer Stunde an sich.

Toller Ballwechsel im Melbourne Final

Dabei standen für Andy Murray nach dem zweiten Satz, ähnlich wie am Freitag für Stan Wawrinka nach dem vierten Satz, die Vorzeichen noch auf Sieg. Der Serbe, der schon zu Beginn des zweiten Satzes erstmals angeschlagen wirkte, hinkte und taumelte an der Grundlinie hin und her. Andy Murray ging im dritten Satz 2:0 in Führung. "Ich bekam Zweifel", gab Djokovic zu. "Du willst dem Gegner die Schwächen nicht zeigen. Aber ich machte kritische Momente durch. Andererseits weiss ich auch, wie ich derartige Schwächephasen wieder abschütteln kann." Das gelang Djokovic. Er erholte sich, realisierte den Ausgleich, und Murray verlor die Nerven. Der Schotte besass noch eine Breakmöglichkeit zum 4:3, die Djokovic in extremis mit einem Volley-Stoppball abwehrte. Zehn Minuten später führte der Serbe nach einer Fehlerorgie Murrays (inklusive einem Doppelfehler beim Breakball zum 5:3) mit 2:1 Sätzen. Und Murray bekam danach sein Grundlinienspiel nicht mehr in den Griff.

Auf gleicher Höhe mit Agassi, Connors, Lendl

Nach drei Stunden und 39 Minuten verwertete Novak Djokovic den zweiten Matchball. Wie gegen Wawrinka im Halbfinal endete der letzte Satz mit einem für den Gegner deprimierenden 6:0. Murray erlebte ein Déjà-vu mit dem Final von 2013 (7:6, 6:7, 3:6, 2:6). Und Djokovic errang ein Jahr nach Beginn der Zusammenarbeit mit Cheftrainer Becker den zweiten Grand-Slam-Titel mit Boris, den achten insgesamt und den fünften in Australien. Nur der Australier Roy Emerson, nach dem beim 100 Jahre alten Swiss Open in Gstaad der Centre Court benannt ist, gewann das Australian Open öfter (6x) als Djokovic, das allerdings vor der Profi-Ära.

"Für mich ist es ein grosses Privileg, gleich viele Grand-Slam-Turniere wie Grössen wie Andre Agassi, Jimmy Connors, Ivan Lendl oder Ken Rosewall gewonnen zu haben", so Djokovic, der für den Erfolg 2,19 Mio. Euro kassierte. Djokovic: "Das Australian Open ist bei weitem mein erfolgreichstes Turnier. Jeder Major-Titel ist speziell. Diesmal war das Besondere, dass ich mein erstes Grand-Slam-Turnier als Familienvater gewinnen konnte."

Murrays Chancen

Finalverlierer Andy Murray zählt im britischen Australien mittlerweile zu den tragischen Figuren. Der Schotte verlor im Melbourne Park bereits seinen vierten Final: den ersten vor fünf Jahren gegen Roger Federer, danach dreimal (2011, 2013, 2015) gegen Djokovic. In jedem Final besass Murray seine Chancen. Vor zwei Jahren führte er gegen Djokovic mit 7:6, 6:6 und einem Mini-Break im Tiebreak, als ihn eine Möwenfeder aus dem Rhythmus warf. Am Sonntag verlor Murray gegen Djokovic das erste Tiebreak nach einer 4:2-Führung. Ab Mitte des dritten Satzes vermochte Murray konditionell mit Djokovic nicht mehr mitzuhalten. Trotz der Niederlage war Murray der Meinung, dass er noch nie an einem Grand-Slam-Turnier besser gespielt habe. Und er hat immerhin schon zwei Major-Turniere (US Open 2012, Wimbledon 2013) und Einzelgold an den Sommerspielen in London gewonnen.

Murray, ab Montag wieder die Nummer 4 der Weltrangliste, befindet sich definitiv auf dem Weg zurück. Das demoralisierende Masters, wo er nach der Vorrunde ausgeschieden ist und gegen Roger Federer bloss ein Game gewann (0:6, 1:6), scheint vergessen. "Ich bin am Aufholen und gebe weiter alles, um den Besten wieder näherzukommen", versprach Murray am Sonntag in Melbourne. Djokovics Sieg widerspiegelte indessen die Form der letzten Monate. Seit der Serbe letzten Herbst Vater geworden ist, dominiert er die Szene nach einer Schwächephase im Sommer wieder ohne Einschränkung.

3530 Punkte Vorsprung auf Federer

Djokovic gewann nach dem US Open Turniere in Peking, Paris-Bercy und das Masters in London. Besiegt wurde er nur noch von Roger Federer in Schanghai und von Ivo Karlovic in Doha. Trotz des Turniersiegs in Melbourne scheint aber Djokovic gesundheitlich leicht angeschlagen. Anfang Jahr in Abu Dhabi trat er wegen eines mysteriösen Fiebers nicht zum (Exhibibion-)Final gegen Murray an; sowohl im Halbfinal gegen Wawrinka wie im Final gab es Momente, in denen sich die Beobachter um Djokovic Gesundheit Sorgen machten.

Wohl nur wenn Djokovic eine längere Pause einlegen müsste, darf sich Roger Federer noch Hoffnungen auf die Nummer 1 machen. In der neuen Weltrangliste beträgt Djokovics Vorsprung auf Federer 3530 Punkte. Vor dem Australian Open lag Federer bloss 1530 Zähler zurück. Dreieinhalbtausen Punkte sind in den nächsten Monaten kaum aufzuholen, obwohl Djokovic an drei der nächsten vier Masters-1000-Turniere Siege zu verteidigen hat (Indian Wells, Key Biscayne, Rom).

Über 700'000 Zuschauer

Dank des dritten Stadion-Platzes (Margaret-Court-Arena) stellte das Australian Open einen neuen Zuschauerrekord auf. 703'899 Zuschauer besuchten während der zwei Turnierwochen die imposante Anlage im Melbourne Park.

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