Sportgeschichte

Nackte Sportler: Erst mit Christen kamen die Kleider

In «Gymnastik» steckt das altgriechische Wort gymnós, was nackt bedeutet: Stan Wawrinka, Abbildung eines Athleten auf einer griechischen Schale.

In «Gymnastik» steckt das altgriechische Wort gymnós, was nackt bedeutet: Stan Wawrinka, Abbildung eines Athleten auf einer griechischen Schale.

Dass hüllenlose Athleten wie Stan Wawrinka heutzutage für Aufsehen sorgen, haben die frühen Christen zu verantworten. In der Anfangszeit des organisierten Sports in Europa sind Kleider verpönt gewesen.

Wird ein Sportler heutzutage als nackt bezeichnet, hat das im Regelfall nichts mit Bekleidung zu tun. Es bedeutet, dass er dem Publikum nach einem Wettkampf einen unverbauten Einblick in sein Seelenleben gibt. 

Stan Wawrinka über die Nacktaufnahmen

Stan Wawrinka über die Nacktaufnahmen

Stan Wawrinkas Innenleben entzieht sich den Beobachtern meistens. Der Romand ist stets beherrscht und wirkt auch im Moment des ganz grossen Triumphs immer etwas teilnahmslos. Seit einigen Tagen kennt man ihn dennoch nackt. Nicht sprichwörtlich, sondern buchstäblich. Für ein amerikanisches Magazin hat er sich hüllenlos beim Tennisspielen ablichten lassen. Das überrascht einerseits, weil es der zurückhaltende Wawrinka ist, der sich dafür hergibt. Andererseits sorgt es im Sensationsherd Internet für grosses Aufsehen, wenigstens im deutschsprachigen Raum. Im zwittrig-prüden Amerika ist das Alltag. Besagtes Magazin zeigt seit vielen Jahren nackte Sportgrössen – auch Tennisspieler. In Europa aber bieten Athleten im Adamskostüm Gesprächsstoff. Das geht über das konservative Umfeld des Tennis heraus, wo die scheinbare Sittlichkeit besonders grossgeschrieben ist, zumal im Gralsort Wimbledon. 

Zuerst war Nacktheit

Darf sich ein Sportler nackt zeigen? Der Skandal steckt nicht in der Antwort – die Frage selbst ist ein Skandal! Denn in der Anfangszeit des organisierten Sports in Europa war Nacktheit die Regel: Im antiken Griechenland waren bekleidete Athleten nicht zugelassen. Im Ur-Bewegungswort «Gymnastik» versteckt sich das altgriechische Wort gymnós, was nackt bedeutet. Vorreiter des kleiderlosen Sports war der Stadtstaat Sparta. Der britische Althistoriker Paul Christesen erklärte 2014 im Österreichischen Rundfunk: «Sparta war im siebten Jahrhundert vor Christus bestrebt, Gleichheit zwischen den Reichen und der Mittelklasse herzustellen. Der Sport und die Nacktheit waren dafür ein wichtiges Mittel.»

Tausend Jahre lang war die Hüllenlosigkeit en vogue. Der Anblick sämtlicher Muskelpartien, Fettspeicher und Schwellkörper war selbstverständlich bei Wettkämpfen und wurde auf Vasen und dergleichen künstlerisch verewigt. Zwar rümpften die – nach eigenem Dafürhalten auf der Zivilisationsleiter aufgestiegenen – Römer nach ihrer Machtübernahme die Nase beim Verfolgen. Der grosse Politiker und Philosoph Cicero sah darin «einen Verstoss gegen die höchsten Tugenden», wie das Fachwerk «Der Sport im augusteischen Rom. Philologische und sporthistorische Untersuchungen» ausführt. Dennoch untersagten die Römer das nackte Sporttreiben nicht.

Das taten erst die Christen, in ihrem Verständnis für klare sexuelle Verhältnisse: «Die nackten Athleten hatten einen sehr starken erotischen Beiklang. Zwar haben nur Männer an den Wettkämpfen teilgenommen, sie wurden aber sowohl von Männern als auch von Frauen als erotische Objekte wahrgenommen. Und das war nichts für die Frühchristen», schildert Althistoriker Christesen.

Die Renaissance der Grosssportveranstaltungen erfolgte mit der Neulancierung der Olympischen Spiele im Jahr 1896. Von einem Aufleben des Nacktsports konnte aber nicht die Rede sein. Der Initiator Pierre de Coubertin wurde von der britischen Tradition inspiriert – und die Briten waren beim Sport immer angezogen.

Nacktwanderer sind chancenlos

Der organisierte Nacktsport existiert zwar, fristet aber ein Nischendasein: In Deutschland gibt es innerhalb der Freikörperkultur entsprechende Wettbewerbe, die sich aber der breiten Öffentlichkeit entziehen. Weil in der Schweiz selbst Nacktwanderer geächtet sind, gibt es hierzulande keine ernsthaften Bemühungen in diese Richtung. Auch deshalb haben Auftritte wie die von Stan Wawrinka eine besonders grosse Beachtung.

Für die Sportler ist diese Prüderie ein Segen, gerade in der digitalen Welt. Wer öffentlich Haut zeigt, hat Aufmerksamkeit und Klicks auf sicher. Im Amateurbereich können Aktionen wie ein Nacktkalender eines Regionalfussballteams (Männer wie Frauen) über Verkaufserlöse oder Spenden zum Beispiel die Kosten für ein Trainingslager einbringen. Im Spitzenbereich können eine Inszenierung à la Wawrinka oder ein Playboyauftritt die Türen zu neuen Werbemärkten öffnen beziehungsweise den Kontostand direkt erhöhen. So gesehen haben es die heutigen Spitzenathleten besser als die vor 2600 Jahren: Sie sind angezogen wie unangezogen attraktiv. Wenigstens für Sponsoren.

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