Tennis
Nach dem Masters-Triumph folgte das Tief - bringt Wimbledon nun die Wende?

Nach dem Sieg in Melbourne verlor Wawrinka den Halt und fiel in ein Tief. Ein Rückschlag folgte auf den nächsten. Vor allem der Druck, der Stan sich selbst auferlegte, schien unerträglich. Für Wimbledon stehen die Zeichen endlich auf Besserung.

Petra Philippsen, Wimbledon
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Stan Wawrinka blickt mit neuer Zuversicht dem Auftritt in Wimbledon entgegen.Key

Stan Wawrinka blickt mit neuer Zuversicht dem Auftritt in Wimbledon entgegen.Key

Alles sei wieder gut, sagte Stan Wawrinka. Er meinte den Virus, den er sich in den Tagen vor Beginn des immer noch wichtigsten Tennisturniers der Welt eingefangen hatte.

Kein idealer Zeitpunkt, um krank zu werden. Drei Tage hütete der 29-Jährige mit hohem Fieber das Bett, an Training war nicht zu denken. Sogar einen Arzt liess er sich ins Haus kommen, das er sich im Wimbledon-Village unweit des All England Clubs wie gewöhnlich für sich, seinen Coach Magnus Norman und seinen Physiotherapeuten angemietet hatte.

Den Virus schwitzte sich Wawrinka heraus, und dennoch habe er das Gefühl, nicht zu viel Kraft und Subtanz auf dem Krankenlager verloren zu haben. Alles sei gut, betonte er.

Und doch war in den vergangenen Monaten seit seinem furiosen Gewinn der Australian Open eben nicht mehr alles gut bei Stan Wawrinka. Und ob sich das Blatt für ihn in Wimbledon wenden kann, wird sich ab heute zeigen, wenn Wawrinka in der ersten Runde gegen den Portugiesen Joao Sousa antritt.

«Ich fühlte mich ein bisschen verloren nach dem Sieg in Melbourne, in meinem Kopf», sinnierte Wawrinka nun. Seine erste Grand-Slam-Trophäe, sein grösster Erfolg während der vergangenen zwölf Jahre auf der Tennistour. Und eigentlich hätte man annehmen mögen, dieses enorme Glücksgefühl und die Bestätigung, die er danach spürte, würde Wawrinka zu neuen Höhenflügen beflügeln.

Stattdessen folgte ein Rückschlag auf den nächsten. Er quälte sich im Frühjahr durch die Masters-Events in Indian Wells und Miami und mehr noch in den Davis-Cup-Partien gegen Kasachstan. Der Kopf wollte einfach nicht mehr mitspielen. «Ich habe während der Matches immer gedacht: Es ist okay, wenn du verlierst. Du hast doch gerade einen Grand Slam gewonnen.»

Eine fatale Autosuggestion, die diese innere Leere bloss noch schlimmer machte. Wawrinka fiel in ein Loch, fragte sich immer wieder, was jetzt denn noch kommen sollte. Das Grösste – einen Major-Sieg – hatte er schliesslich schon geschafft. «Ich dachte: Was willst du denn jetzt? Was ist das nächste Ziel? Aber ich wusste, dass die Art, wie ich gespielt habe, einfach nicht reichte.»

Die Ergebnisse stimmten nicht, die Leistung und die Einstellung auch nicht. «Ich war überhaupt nicht zufrieden mit mir», erinnerte sich Wawrinka an das letzte Frühjahr. Irgendwie lief plötzlich vieles schief, was in den Monaten zuvor so gut funktioniert hatte. Wawrinka war mit dem Lauf in Australien die Nummer drei der Welt geworden, stand erstmals gar vor Roger Federer in der Rangliste.

Und plötzlich war Federer jener Anreiz, der Wawrinka aus seinem Tief riss: Im Final von Monte Carlo stand er ihm gegenüber, und Wawrinka gewann. Es war nie leicht für ihn gewesen, gegen Federer zu spielen, ihn irgendwie anzutasten. Doch dieser Sieg brachte Wawrinka erstmals nach Melbourne wieder diesen gewissen Kick. «Es war mein erster Masters-Sieg», betonte er, «und der lag auf einer Höhe mit den Australian Open. Und dann noch Roger zu schlagen, war ganz besonders.»

Aber nach dem Hoch in Monte Carlo rutschte Wawrinka wieder in ein Tief. Wieder war der Anreiz weg, und er wollte die Wende zu sehr erzwingen.

In Madrid verlor er gegen den Youngster Dominic Thiem, in Rom gegen den Oldie Tommy Haas. Dann reiste Wawrinka nach Paris und ungeachtet seiner schwachen Ergebnisse der vergangenen Monate zählte er plötzlich zu den Titelfavoriten bei den French Open.

Jeder erwartete von ihm den nächsten Coup, schliesslich war er doch der neue, grosse Herausforderer von Federer, Nadal, Djokovic und Murray.

Der Druck war zu viel für Wawrinka, vor allem jener, den er sich selbst auferlegt hatte. Er schied in der ersten Runde gegen den Spanier Guillermo Garcia-Lopez in vier Sätzen aus, gab den letzten Durchgang sogar zu null ab. Wawrinka schien selbst am meisten erschrocken über seinen desolaten Auftritt. Und vielleicht war es ein heilsamer Schock.

Auf schmerzliche Art hat er gemerkt, dass er seine innere Ruhe und den Fokus wiederfinden muss. Dass er die eigenen Erwartungen so weit drosseln muss, damit er nicht mehr verkrampft. «Ich muss einfach das Puzzle wieder zusammensetzen», kündigte Wawrinka an, und beim Vorbereitungsturnier im Londoner Queen’s Club schien er viele Teile bereits wieder aneinander gefügt zu haben. Noch nicht alle, wie sein zertrümmerter Schläger nach seinem Halbfinal-Aus gegen Grigor Dimitrov untermauerte. Doch Wawrinkas Kopf, er scheint langsam wieder mitzuspielen.