Tennis
Nach dem Jawort kam bei «Djoker» der Kater

Seit seiner Hochzeit steckt Novak Djokovic in der Formkrise. «Ich fühle mich einfach überhaupt nicht wohl auf dem Platz», bemängelte der Serbe – den US-Open-Titel will er trotzdem.

Petra Philippsen, New York
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Novak Djokovic hadert mit sich selbst, zu viele Fehler unterlaufen ihm auf dem Tennisplatz.

Novak Djokovic hadert mit sich selbst, zu viele Fehler unterlaufen ihm auf dem Tennisplatz.

Keystone

Unter Formel-1-Piloten herrscht immer noch ein uralter Glaube, der besagt, dass sie langsamer werden, sobald sie heiraten würden. Schlimmer wäre nur noch, wenn sie zudem ein Kind in die Welt setzen. Jenen Draufgängern, bei denen in ihren hoch technisierten Rennboliden auch immer ein bisschen der Tod mitfährt, macht der Gedanke an Ehe und Familie offenbar Angst. Denn plötzlich haben sie etwas zu verlieren, sind nicht mehr bloss für sich selbst verantwortlich. Ihr Fokus verschiebt sich ein Stück. Und das kann auf Kosten der Leistung gehen.

WM-Spitzenreiter Nico Rosberg hatte kürzlich in Hockenheim zwar bewiesen, dass zumindest direkt nach der Hochzeit ein Grand-Prix-Sieg möglich ist, aber der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel fährt seit der Geburt seiner Tochter nur noch hinterher. Der alte Mythos lebt also weiter. Im Tennissport geht es zwar nicht um Leben und Tod, doch auch bei Novak Djokovic scheinen seine Heirat und der bevorstehende Familienzuwachs einen negativen Effekt auf die Leistung des Weltranglistenersten zu haben. Die Vorbereitungsturniere auf das am Montag beginnende US Open verliefen desolat, und so tritt der 27 Jahre alte Serbe mit vielen Zweifeln und grossen Fragezeichen beim letzten Grand-Slam-Turnier der Saison an.

«Ich weiss auch nicht», so Djokovic, «ich war so erfüllt und glücklich nach meiner Hochzeit. Aber als ich dann in Toronto und Cincinnati spielte, fühlte ich mich emotional total leer.» Gegen Jo-Wilfried Tsonga und Tommy Robredo, zwei Spieler, die Djokovic sonst keine Schwierigkeiten bereiteten, war jeweils schon im Achtelfinal der beiden Masters-Events Schluss. Djokovic wirkte wie ein Schatten seiner selbst. «Ich fühle mich einfach überhaupt nicht wohl auf dem Platz», bemängelte der Serbe, «es sind so viele, viele, viele Dinge, die in den letzten zwei Wochen nicht klick gemacht haben. Ich spiele nicht einmal annähernd auf dem Level, das ich haben sollte.» Djokovic fällt es nach den seligen Festwochen offensichtlich schwer, wieder auf den Wettkampfmodus umzuschalten.

Kaum verwunderlich, denn mit seinem Wimbledonsieg und der Rückkehr auf den Thron der Weltrangliste hatte er zwei lang ersehnte Ziele endlich erreicht. Dann rundete die Hochzeit noch das private Glück ab. «Vielleicht haben all diese wunderbaren Ereignisse und Erfahrungen einfach zu viel von mir gefordert», vermutete Djokovic, «ich brauche wohl ein bisschen Zeit und so viel Training wie möglich.»

Und dabei ist nun das Team des Serben gefordert, besonders Chefcoach Boris Becker. Die Mission auf den Hartplätzen von Flushing Meadows wird eine knifflige Herausforderung. Mit der Absage von Titelverteidiger Rafael Nadal, der Djokovic im letztjährigen Final in vier Sätzen düpiert hatte, ist zwar ein schwerer Brocken bereits beseitigt. Doch die Auslosung ist für die Nummer eins alles andere als ein Selbstläufer. Andy Murray könnte im Viertelfinal warten, Stan Wawrinka oder Milos Raonic im Halbfinal und im Endspiel ist wie in Wimbledon ein Schlagabtausch mit Roger Federer möglich. Djokovic selbst ahnt von dieser sportlichen Bedrohung indes noch nichts, hütet er sich doch vehement davor, sich den Draw über die erste Runde hinaus anzuschauen. Das ist sein persönlicher Aberglaube. So weiss er nur, dass sein erster Kontrahent der Argentinier Diego Schwartzman ist. Doch die Gegner sind momentan nebensächlich, Djokovic hat genügend eigene Probleme. Seine Aufschlagquote ist viel zu schlecht, sogar mit dem Ballwurf hadert er. Von der Grundlinie unterlaufen ihm eklatant oft leichte Fehler, und so ist der wohl beste Defensivspieler der Welt auf einmal angreifbar.

«Natürlich macht es mir keinen Spass, so schlecht zu spielen», entgegnete Djokovic, «wir müssen jetzt genau analysieren, was in den letzten Wochen falsch gelaufen ist.» Und das macht der eigentlich so extrovertierte Serbe in New York abgeschottet von den Augen der Fans. Im noch leeren Arthur-Ashe-Stadium sucht er die Ruhe, um seinen Fokus wiederzufinden.

Von klein auf ist Djokovic ein Besessener dieses Sports gewesen, ein Ausbund an Disziplin und Willenskraft, der sein gesamtes Leben akribisch einzig dem Erfolg im Tennis verschrieben und untergeordnet hatte. Nun hat er geheiratet, wird bald Vater. Tennis ist nicht mehr alles. «Die Prioritäten in meinem Leben haben sich jetzt verschoben, das wird sicherlich einen Einfluss haben», erklärte Djokovic, «aber ich liebe den Sport. Und ich hoffe, ich kann weiter grosse Titel gewinnen und die Nummer eins bleiben.» Damit ihm das auch in New York gelingt, hat er bereits einen simplen Plan: «Ich spiele einfach mit zwei Schlägern.» Den Humor hat er mit der Heirat zumindest nicht verloren.