Zwei Jahre hatte Roger Federer auf seinen 22. Erfolg bei einem Turnier der zweithöchsten Kategorie warten müssen. Dass die Erlösung wiederum in Cincinnati gelungen ist, ist kein Zufall. Die Bedingungen auf dem schnellen Belag in der Wirtschaftsmetropole Ohios behagten ihm schon immer – mit 24 Jahren beim ersten Sieg genauso wie neun Jahre später beim sechsten. Besonders beeindruckend: Als einziger Spieler, der bereits in Toronto stark gespielt hatte, wusste der Basler auch in der Woche darauf zu überzeugen.

Nach dem hart erkämpften 6:3, 1:6, 6:2 im Final gegen die Weltnummer 5 David Ferrer zeigte sich Federer am Sonntagabend denn auch uneingeschränkt zufrieden.

«Ich bin von Spiel zu Spiel stärker geworden.» Dabei hatte er am Montag nach dem gegen Jo-Wilfried Tsonga verlorenen Final in Kanada noch ernsthaft darüber nachgedacht, auf das Turnier in Cincinnati zu verzichten. «Ich muss in meiner Turnierplanung gescheit sein und darf keine Risiken eingehen», erklärte er. «Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, noch einmal eine so gute Woche anzuhängen.» Zudem wäre er auch bei einem Verzicht mit einem guten Gefühl nach New York gereist.

Doch der Federer des vergangenen Jahres und der aktuelle haben kaum etwas gemeinsam. Der Rücken bereitet ihm keinerlei Probleme mehr, sodass er sich die hohe Belastung zutraute und mit einem weiteren starken Turnier belohnt wurde. «Ich zweifle nun wieder keine Sekunde mehr, dass ich drei Sätze durchhalte und auch die Bälle in den Ecken erlaufen kann», freute sich der Schweizer. «Letztes Jahr war es schon fast ein kleines Wunder, wenn ich das schaffte.» So gewann er in Toronto und Cincinnati sämtliche fünf Dreisätzer, die er spielte.

Ein Final und ein Sieg in den beiden grossen Hartplatz-Events vor dem US Open – so erfolgreich ist Federer seit 2007 nie mehr in den nordamerikanischen Sommer gestartet. Damals holte er sich in der Folge mit einem Finalsieg über Novak Djokovic auch das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres. Einzig ein solcher ganz grosser Triumph fehlt Federer nun noch, um sein «Comeback 2014» perfekt zu machen. Seit der Zweitrunden-Niederlage in Rom, direkt nach der Geburt seines zweiten Zwillingspärchens, hat er mit Ausnahme des French-Open an jedem Turnier den Final erreicht. Angesichts der Probleme seiner härtesten Konkurrenten Djokovic (ist nach seinen Flitterwochen zweimal früh gescheitert) und Rafael Nadal (sagte seine Teilnahme am US Open wegen seiner Handgelenkverletzung ab) stehen die Aussichten auf einen 18. Major-Titel günstig. Ausgerechnet der 33-Jährige macht den frischesten Eindruck.

Musste Federer 2013 bis zum letzten Turnier in der Halle von Paris-Bercy um die Qualifikation für die ATP Finals zittern, hat er diese nun bereits Mitte Jahr auf sicher. Mit 49 Siegen (vier mehr als im gesamten letzten Jahr) und acht Finals führt er auf der ATP Tour beide Statistiken an. Das wieder gefundene Selbstvertrauen zeigt sich zum einen in seiner äusserst offensiven und aggressiven Spielweise. Der neue Co-Trainer Stefan Edberg scheint seinen Schützling definitiv inspiriert zu haben. Zum anderen steckt Federer Rückschläge wie das brutale 1:6 im zweiten Satz des Finals gegen Ferrer mühelos weg. Kein Wunder kann er ohne falsche Bescheidenheit bilanzieren: «Ich gehe mit enormem Selbstvertrauen ins US Open und werde New York richtig geniessen können. Letztes Jahr hatte ich zu diesem Zeitpunkt viel Arbeit vor mir.»