Dass Roger Federer und Stan Wawrinka auch in der neuen Saison wieder in den vordersten Weltranglistenregionen geführt werden, ist keine Überraschung. Dass im aktuellen Jahresranking jedoch noch ein dritter Schweizer in den Top 50 zu finden ist, ist eine Überraschung. Marco Chiudinelli steht derzeit auf Position 47. Dies hat der 34-Jährige seinen starken Leistungen in den letzten Wochen zu verdanken. Fünf Turniere hat er auf der Challenger-Tour bestritten und dabei einen Turniersieg, eine Finalqualifikation sowie eine Halb- und eine Viertelfinalteilnahme vorzuweisen.

Dank diesen Erfolgen hat sich Chiudinelli im ATP-Ranking von Rang 282 auf Rang 146 vorgekämpft und ist damit so gut klassiert wie seit April 2013 nicht mehr. «Die Erfolge kommen nicht aus heiterem Himmel, denn ich habe bereits Ende der letzten Saison gut gespielt. Bei den letzten Turnieren hatte ich aber auch das nötige Glück auf meiner Seite und konnte super punkten. Wäre mir zu Beginn des Jahres ein Rang in den Top 150 Ende Februar angeboten worden, hätte ich sofort unterschrieben», so Chiudinelli, der bis Mai in die Top 100 vorstossen will.

Keine Beschwerden mehr

Dass der Baselbieter nochmals in die Nähe der besten 100 Tennisspieler gekommen ist, ist nicht selbstverständlich. Rücken- und Kniebeschwerden bremsten Chiudinelli in den vergangenen Jahren immer wieder, sodass er sein Leistungsvermögen nicht über längere Zeit ausschöpfen konnte. Zuletzt war es der Ellenbogen, der dem in Füllinsdorf wohnhaften Chiudinelli einen Strich durch die Rechnung machte. Im Dezember 2014 musste er sich deswegen unters Messer legen und konnte fünf Monate keinen Ernstkampf bestreiten. Erst im Mai letzten Jahres gab er sein Comeback. Dass er auch nach dieser Verletzung nochmals zurückkommen wollte, war für ihn klar: «Ich habe vor der Operation ein super Niveau gehabt und wollte meine Karriere nicht im Wissen beenden, dass noch mehr dringelegen wäre.»

Rückblickend hat Chiudinelli von der mehrmonatigen Pause nach seiner Ellenbogen-Operation profitieren können. «Die Pause hat meinem ganzen Körper gutgetan. Auch mein Rücken und mein Knie bereiten mir seither keine Probleme mehr, und ich muss praktisch nie mehr auf ein Training verzichten. Das hilft mir extrem», freut er sich.

Kommt hinzu, dass er dank seiner Erfahrung auch genauer weiss, was er braucht, um sein bestes Tennis zu spielen. «Ich arbeite immer noch akribisch, aber ich bin ruhiger und gelassener geworden.» Vielleicht sind es genau diese Ruhe und Gelassenheit, die mitverantwortlich sind für Chiudinellis jüngsten Höhenflug, der im Turniersieg in Polen vor knapp zwei Wochen gegipfelt hat. Es war der erste Titel auf der Tour seit 2009. «Es war eine riesige Erleichterung, endlich wieder ein Turnier zu gewinnen. Es ist ein tolles Gefühl, wenn du am Ende der Woche weisst, dass du nie verloren hast.»

Siegeschancen? Ein Prozent

Ab heute steht Chiudinelli mit dem Davis-Cup-Team im Einsatz. In Abwesenheit von Federer und Wawrinka ist er im Duell mit Italien der Teamleader der Schweizer. Eine Rolle, die Chiudinelli gefällt. «Ich schaue natürlich primär auf meine Leistung. Aber als ich letztes Jahr wegen meiner Verletzung gegen Belgien nicht spielen konnte, ging ich in meiner neuen Rolle als Assistant Captain voll auf. Auch jetzt versuche ich, den Jungen etwas mitzugeben und mit ein paar Tipps zu helfen.»

Obwohl Chiudinellis Form stimmt und auch die Schweizer Nummer 2, Henri Laaksonen, gut spielt, sind die Schweizer gegen Italien krasse Aussenseiter. Auf «ein Prozent» beziffert Chiudinelli die Siegeschancen. «Wir sind in allen fünf Partien die Aussenseiter. Zum Gewinnen müssten wir drei Überraschungen schaffen. Das ist fast unmöglich», so Chiudinelli. Vor allem, weil das Duell gegen Italien auf Sand ausgetragen wird. Also auf der Unterlage, die Marco Chiudinelli wenn immer möglich meidet.

«Es ist kein Geheimnis, dass ich praktisch nie auf Sand spiele. Auf Hartplatz würde ich mir gegen alle Italiener einen Sieg zutrauen, aber auf Sand wird die Aufgabe massiv schwieriger», weiss Chiudinelli, der in seiner Karriere noch kein Davis-Cup-Match auf der roten Asche gewinnen konnte. Will die Schweiz also eine Chance auf den Sieg haben, muss Marco Chiudinelli der Premieren-Sieg auf Sand gelingen.