ATP-Finals
Lüthi: «Roger lässt mir die Möglichkeit, Chef zu sein»

Als Tennistrainer von Roger Federer und Davis-Cup-Captain schafft Severin Lüthi den Spagat zwischen Befehlempfänger und Boss. In den kurzen Tagen zwischen ATP-Finals und Davic-Cup-Final ist diese Aufgabe besonders heikel.

Michael Wehrle aus London
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Severin Lüthi hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun.

Severin Lüthi hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun.

KEYSTONE

Im Tennis funktioniert, was im normalerweise wohl undenkbar ist. Peter Meier stellt Hans Müller an, sagt, wo es lang geht und bezahlt den Lohn. Doch am nächsten Tag stellt Müller seinen Chef in den Senkel und verweigert ihm die Aufnahme in einen Businessklub, der Müller als Geschäftsführer angestellt hat.

Genau diesen Spagat muss Severin Lüthi bewältigen. Auf der einen Seite steht er seit 2007 als Trainer auf der Lohnliste von Roger Federer. Auf der anderen Seite ist er noch zwei Jahre länger als Davis-Cup-Captain Federers Chef.

Nicht nur Glücksgefühle

Lüthi stellt klar: «Roger hat Priorität.» Meist bringt Lüthi die beiden Aufgaben gut aneinander vorbei. Doch in diesen Tagen ist es extrem. Bis heute ist er hauptsächlich der Federer-Coach, ab morgen zählt nur der Final im Davis-Cup gegen Frankreich in Lille. So sehr sich Lüthi auch freute, dass Federer und Stan Wawrinka die Halbfinals bei den World Tour Finals bestritten, so verhehlte er aber auch nicht, dass das direkte Duell bei ihm nicht nur Glücksgefühle auslöst.

So ist Lüthi über den Davis-Cup inzwischen Wawrinka sehr nahe gekommen, gehört zu den engsten Bezugspersonen des Romands. Und er braucht nächste Woche einen selbstbewussten Wawrinka, keinen Zauderer, der von Lüthis Chef abgefertigt wurde. Dabei geht es nur um das Nervenkostüm Wawrinkas, persönlich können die beiden mit ihren Duellen gut umgehen.

Doppelter Spagat

Lüthi aber muss sogar einen doppelten Spagat bewältigen. Schliesslich muss er als Trainer Federer nicht nur ein professionelles Umfeld bereiten, unter anderem Sparringspartner besorgen und Trainingsplätze organisieren. Er muss ihn ja auch im Training fordern, antreiben, quälen, kritisieren. «Ein Spieler braucht Charakter, damit er akzeptiert, dass der Trainer das Sagen hat», erklärt Lüthi. Er müsse manchmal hart sein und für viele Spieler sei es schwierig, das einzusehen. «Roger lässt mir aber die Möglichkeit, Chef zu sein», betont Lüthi.

Die Qualitäten von Federer machen es für Lüthi einfacher. Federer hat schon in jungen Jahren kapiert, was es braucht, um an die Spitze zu kommen, dass Talent alleine sicher nicht genügt. Und bei all seiner Erfahrung ist klar, dass Lüthi ihn stets in seine Überlegungen einbezieht. Als Coach und Davis-Cup-Captain.

Beste aus Tipps rausholen

Fürs Training von Federer ist Lüthi zuständig. «Stefan Edberg ist nicht so oft dabei, er ist mehr eine Inspiration», erklärt der 38-Jährige. Die Impulse von Edberg nehme Federer gut auf: «Eine von Rogers Stärken ist, dass er das Beste aus den Tipps rausholt.» Und immer wenn Edberg mit von der Partie sei, analysierten sie die Matches zusammen.

Auch im Davis-Cup sage jeder seine Meinung. «Aber am Ende entscheide ich», betont Lüthi. Es brauche eine klare Linie, die er aber an die Spieler anpasse. Mit Federer und Wawrinka gehe er anders um, als mit dem Rest des Teams, das tägliche Programm im Davis-Cup passe er individuell an. «Es gibt kein Drehbuch, viel passiert intuitiv», sagt Lüthi, der weiss, dass Federer und Wawrinka hinter ihm stehen. Schliesslich war es Federer, der Lüthi anrief und ihn fragte, ob er das Amt übernehme. Die Spieler hatten Marc Rosset abgesägt, Lüthi war dessen Assistent.

Spieler akzeptieren mich

«Ich bin härter geworden», gibt er zu. Auf der Profitour mit Federer habe er sich entwickelt, das helfe ihm auch im Davis-Cup. «Die Spieler akzeptieren mich», sagt er. Dabei ist ihm die gute Stimmung wichtig, schliesslich muss er vier oder fünf Einzelsportler mit grossem Ego zu einem Team formen. «Aber da habe ich mit Stan und Roger gute Leader», betont Lüthi, «und keine extremen Egoisten im Team.» Federer nehme grosse Rücksicht, da bleibe dem Rest nichts anderes übrig, als nachzuziehen.

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