Herr Lundgren, wer Stanislas Wawrinka in Melbourne Tennis spielen sieht, der sieht einen ganz anderen Spieler? Was ist mit Ihrem Schützling passiert?

Peter Lundgren: Er hat gelernt, seinen Beruf mit der nötigen Konsequenz auszuüben. Man könnte auch sagen: Er ist spät, aber nicht zu spät überhaupt Tennisprofi geworden. Jedenfalls ist er im Moment so fokussiert wie nie, wenn er auf den Court marschiert.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Wawrinka selbst schwerste Prüfungen angeht, verblüfft schon.

Lundgren: Tennisspiele werden zu 80 oder sogar 90 Prozent im Kopf entschieden. Schon vor dem ersten Ballwechsel. Stan hat jetzt die Zuversicht, diese mentale Stabilität, die es braucht, um ganz vorne mitzumischen. Er hat das Gefühl: Ich gehöre dazu. Und sein Spiel ist das Dokument dafür. Couragiert, angstfrei, zupackend.

Wawrinkas Entwicklung passt allerdings ins Bild des heutigen Tennis, in dem viele Spieler eine lange Anlaufzeit brauchen, bis sie ihren Weg in die Spitze finden.

Lundgren: Das moderne Tennis ist so komplex, so diffizil, dass man nicht mehr auf eine Bilderbuchkarriere bauen kann, auf einen Raketenstart in jungen Jahren in die Top Ten. Die Laufbahn im Tennis hat jetzt einen ganz anderen Zeithorizont, das sieht man schon daran, dass es kaum noch Teenager gibt in der Elite. Stan musste auch erst mal einiges ausprobieren, seine Fehler machen, bevor er die Schritte nach vorn gehen konnte.

Sie glauben ja, dass der Sieg gegen Andy Murray bei den letzten US Open so eine Art Initialzündung gewesen sei.

Lundgren: Bei vielen Spielern löst sich mit einem wegweisenden Sieg eine Blockade. Da ist dann ganz plötzlich die Erkenntnis da: Mensch, du kannst auf einer dieser grossen Bühnen einen ganz grossen Gegner schlagen. Bei Stan war dies das Spiel gegen Murray, bei Roger damals die Partie gegen Sampras in Wimbledon. Der Durchbruch kam nicht gleich, auf Anhieb, aber Roger wusste tief innen drin: Du bist im Spiel dabei, du wirst schon etwas Besonderes im Tennis schaffen. Die Karriere, die er dann gemacht hat, war natürlich nicht in diesen Dimensionen absehbar.

Was trennt, was eint die beiden Spieler, die Sie als Trainer aus der Nähe kennen gelernt haben?

Lundgren: Man soll keine direkten Vergleiche ziehen. Roger ist nun mal ein Mann, der seinen Sport in eine neue Sphäre geführt hat. Aber sicher haben Stan und Roger diese harte Arbeitsattitüde gemeinsam, die Bereitschaft, sich jeden Tag verbessern zu wollen. Ein gewisser Perfektionismus halt.

Haben Sie den Eindruck, dass Wawrinka unter der Rolle leidet, stets nur der zweite Schweizer hinter Federer zu sein? Der Schattenmann von Roger?

Lundgren: Ich habe ihm gesagt: Du bist ein grossartiger Spieler, schau auf dich und deine Qualitäten. Es hat keinen Sinn, über etwas zu jammern, was sowieso Tatsache ist. Nämlich dass Roger immer eine Ausnahmestellung einnehmen wird.

Wie ist eigentlich heute Ihr Verhältnis zu Federer?

Lundgren: Entspannt. Das kann ich mit gutem Gewissen sagen. Wir haben uns wirklich nicht im Unfrieden getrennt damals. Er hatte eben das Gefühl, dass er neue Impulse und damit auch einen neuen Partner an seiner Seite braucht. Ich habe den Weg sofort frei gemacht, schliesslich war mir das in meiner Karriere als Spieler auch mal so gegangen.

Hat Wawrinka in nächster Zukunft, über Melbourne hinaus, seine Chancen gegen Federer?

Lundgren: Warum denn nicht? Er hat, wie jeder gegen Roger, nicht viel zu verlieren. Und sollte deshalb seinen Spass haben, alle Waffen auszupacken. Das zu zeigen, was er kann. Und das ist eine ganze Menge, wie alle gesehen haben hier in Melbourne. Man darf allerdings nicht den Fehler machen, Roger an manchem Spiel aus der ersten Woche zu messen. Er ist der Prototyp des Spielers, der sich steigert, wenn es richtig ernst wird bei den Slams.

Was trauen Sie Wawrinka für die Saison 2011 zu?

Lundgren: Das Ziel ist, sich stabil in den Top Ten aufzuhalten. Und natürlich Turniere zu gewinnen. Auch Major-Titel. Das Potenzial dazu ist auf jeden Fall da.