Tennis
In der Anonymität: Das Wimbledon der Alpen leidet

Das Turnier in Gstaad droht in der Anonymität zu versinken – dennoch schlagen sich die Organisatoren beachtlich, wenn man die schwierigen Rahmenbedingungen genauer betrachtet.

Fabio Baranzini
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1986 ist Stefan Edberg das Aushängeschild des Turniers in Gstaad. Er gewinnt den Final gegen den Schweizer Roland Stadler.

1986 ist Stefan Edberg das Aushängeschild des Turniers in Gstaad. Er gewinnt den Final gegen den Schweizer Roland Stadler.

KEYSTONE

Es ist eine Hiobsbotschaft für das Gstaader Tennisturnier: Aushängeschild Stan Wawrinka sagt seine Teilnahme verletzungsbedingt ab – zum zweiten Mal in Folge. Und das ausgerechnet beim 100-Jahr-Jubiläum. Ein harter Schlag. Turnierdirektor Jeff Collet lässt zwar verlauten, dass die Absage von Stan nicht gleich schlimm sei, wie wenn Federer abgesagt hätte.

Das Fernbleiben des frischgebackenen French-Open-Siegers ist aber dennoch das Worst-Case-Szenario für die Organisatoren. Allein schon, weil das Turnier ohne die Teilnahme von Wawrinka in der Schweizer Medienlandschaft in die Anonymität abzurutschen droht.

Glorreiche Vergangenheit

Eine Entwicklung, die in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren – der Blütezeit des Turniers – undenkbar gewesen wäre. Damals gaben sich die Stars der Szene die Ehre. Rod Laver, Roy Emerson, Tony Roche, Guillermo Vilas, Yannick Noah und Stefan Edberg waren nur einige der ganz grossen Namen, die beim sogenannten Wimbledon der Alpen um den prestigeträchtigen Titel kämpften.

In jüngster Vergangenheit ragt vor allem Roger Federers Triumph im Jahr 2004 heraus. Mit Ausnahme von Richard Gasquet (2006) trugen die Sieger danach keine ganz grossen Namen mehr. Akteure wie Pablo Andujar (2014), Thomaz Bellucci (2012) oder Marcel Granollers (2011) dürften der breiten Masse kaum bekannt sein.

Auch wenn der Glanz der glorreichen Tenniszeiten im Berner Oberland mittlerweile verblasst ist und primär in den Erinnerungen weiterlebt, wäre es falsch, den Organisatoren vorzuwerfen, sie würden einen schlechten Job machen. Im Gegenteil: Die Veranstalter schlagen sich beachtlich, wenn man die schwierigen Rahmenbedingungen genauer betrachtet.

Ungünstiger Zeitpunkt

Das erste Problem ist der Austragungszeitpunkt. Zwei Wochen nach Wimbledon und nur wenige Tage vor Beginn der amerikanischen Hartplatzsaison liegt ein Sandplatzturnier im Herzen Europas denkbar ungünstig. Die absoluten Topcracks der Szene nutzen die Wochen nach Wimbledon zur Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte. Von den Top 15 hat seit Wimbledon ausser David Goffin (ATP 14), der letzte Woche in Bastad antrat und nun auch in Gstaad top gesetzt ist, und Rafael Nadal (ATP 10), der diese Woche in Hamburg spielt, keiner ein ATP-Turnier bestritten.

Kaum Punkte

Das zweite Problem ist die geringe Anzahl Punkte, die es in Gstaad zu gewinnen gibt. 250 Zähler erhält der Sieger im Berner Oberland. Das ist keine Herausforderung für die Stars der Szene. Djokovic hat in diesem Jahr im Schnitt 958 Punkte pro Turnier gewonnen, Murray 485, Federer 377 und Wawrinka immerhin noch 327.

Unter diesen Voraussetzungen bildet ein Turnier in der Grössenordnung von Gstaad keinen sportlichen Anreiz. Das zeigt auch ein Blick auf die Turnierkalender der Topstars. Djokovic, Nadal, Murray, Federer und Wawrinka waren in der vergangenen Saison zusammengezählt lediglich an zehn 250er-Turnieren aufgelaufen. Acht dieser zehn Starts liessen sich damit begründen, dass die Events als direkte Vorbereitung auf ein Grand-Slam-Turnier dienten. Allein daran ist zu erkennen, wie schwierig es die Organisatoren der 250er-Turniere haben, an ihrem Event einen Spitzenspieler präsentieren zu können. Zumal es im laufenden Turnierkalender gleich 39 Turniere dieser Kategorie gibt.

Anspruchsvolles Publikum

Und dann kommt noch ein drittes Problem hinzu: das Schweizer Publikum. Die Schweizer Tennisfans sind aufgrund der jüngsten Schweizer Tenniserfolge extrem verwöhnt und sind kaum mehr in der Lage, gutes Tennis zu schätzen, wenn die Protagonisten nicht Federer oder Wawrinka heissen.

Einen entsprechend schweren Stand haben Turniere wie jenes in Gstaad, die mit Spielern wie David Goffin oder Feliciano Lopez auf Zuschauerfang gehen müssen – obwohl diese zu den Top 20 der Welt gehören.

So gesehen ist das diesjährige Teilnehmerfeld in Gstaad gar nicht mal so schlecht und muss auch den direkten Vergleich zu den 250er-Turnieren in der letzten und in dieser Woche nicht scheuen. Den internationalen Stellenwert der früheren Jahre kann Gstaad unter diesen Bedingungen aber nicht mehr erreichen.

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