Schon bald fährt er wieder mit seinem Auto im Herzen der Stadt Zürich vor. Schon bald tropft ihm der Schweiss von der Stirn. Schon bald klebt an seinen Schuhen wieder Sand, wenn er sich auf seine Rückkehr auf jene Unterlage vorbereitet, auf der er einst das Tennisspielen gelernt hatte. Mit der Ankündigung, im Frühling erstmals seit drei Jahren wieder auf Sand zu spielen, erfüllt Roger Federer die Sehnsüchte der Franzosen, ihn noch einmal in Roland Garros spielen zu sehen. Dort, wo er 2000 als 18-Jähriger sein erstes Grand-Slam-Turnier bestritten und neun Jahre später die Coupe des Mousquetaires zum einzigen Mal in die Höhe stemmen konnte. Er schrieb damit Sportgeschichte. Federer sagt: «Ich habe Lust darauf. Und ich bin in einer Phase, in der ich mir auch eine Freude machen will.» Er habe das Gefühl, keine längere Pause zu benötigen.

Es gibt gute Gründe, die gegen die Rückkehr auf Sand gesprochen hätten. Allen voran das Verletzungsbulletin. Denn während das Spiel auf Sand für Freizeitsportler als besonders schonend für die Gelenke gilt, ist die Belastung für Spitzensportler weitaus komplexer. Federers Fitnesstrainer Pierre Paganini erklärt das so: «Zwar sind die Schläge auf die Gelenke bei harten Belägen stärker als auf Sand, aber sie sind jeweils nur kurz.» Auf Sand seien die Schläge zwar weniger stark, aber die Rutschphase gefährlich. «Man sieht das zwar nicht von aussen, aber in den Gelenken – also in den Knien und im Fussknöchel – vibriert es stark. Das führt zu Instabilität im ganzen Körper.» Für Federer ein Problem. Ende Januar 2016 hat er sich den Meniskus im linken Knie gerissen, musste sich einer Operation unterziehen und sprach danach davon, sein Knie fühle sich nicht mehr gleich an wie früher.

Weder aus dem Kopf noch aus dem Herz

Zwar gab er damals in Monte Carlo ein Comeback und spielte danach auch in Rom. Doch seither machte er einen weiten Bogen um Sandplätze. 2016 verzichtete er wegen Rückenbeschwerden auf Roland Garros, pausierte danach ein halbes Jahr. 2017 blieb er dem Turnier fern, obschon er nicht verletzt war. Stattdessen bereitete er sich auf die Rasensaison vor. Sein Mut wurde belohnt: Federer feierte im Sommer den achten Wimbledon-Titel. Roland Garros aber verschwand weder aus Kopf noch Herz. Im Vorjahr kokettierte Federer immer wieder damit, auf der Terre Battue anzutreten. Es sei sein Traum, noch einmal in Paris zu spielen und zu gewinnen, am liebsten gegen seinen Erzrivalen Rafael Nadal, dem er dort vier Mal im Final unterlegen war.

Dass er Roland Garros danach erneut fernblieb, trug Federer zum Teil harte Kritik ein. Mats Wilander schrieb in der französischen Sportzeitung «L’Equipe»: «Egal, was du für diesen Sport getan hast, du kannst nie genug tun, ihm zurückzuzahlen, was er dir gegeben hat. Man hat immer eine Verantwortung gegenüber dem Sport. Diese stirbt nie.» Dass Roger Federer nun auf Sand spielen wird, begrüsst der Schwede. «Er braucht wohl wieder mehr Partien als letztes Jahr. Vielleicht könnten die Sandturniere schlecht sein für die Art, wie er Tennis spielen will. Aber sie könnten ihm auch helfen, weil er körperlich und mental dort härter sein muss, weil die Ballwechsel länger und härter sind», sagte er zum «Tages-Anzeiger». Ähnlich beurteilt Henri Leconte die Entscheidung. «Schauen Sie: Für den Körper ist der Sand sicher am härtesten. Andererseits: Wenn du dort gut spielst, spielst du auf jedem Belag gut.»

Wie beim Tischtennis

Leconte sagt aber auch: «In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Für Roger und seine Anhänger ist es sicher schön, aber es wird für ihn sehr hart.» Bei der Frage, ob Federer damit nicht seine Chancen auf den neunten Titel in Wimbledon marginalisiert, winkt der Franzose ab. «Roger jagt nichts mehr. Er geniesst es einfach, Tennis zu spielen. Er sagt sich: Wenn es passiert, passiert es. Es wird sein Leben nicht verändern.» Man könne sich nicht vorstellen, was es bedeute, dass Federer in diesem Alter auf diesem Niveau spiele. «Roger ist einzigartig. Er kann den Ball früh nehmen und spielen, als wäre es Tischtennis. Darum nenne ich ihn immer James Bond.» Doch um mit den Jungen mithalten zu können, müsse er Dinge verändern, sich neu erfinden. So wie damals, als er sein Racket gewechselt habe. «Ich bin sicher: Roger wird etwas versuchen. Ich mache mir keine Sorgen um James Bond. Er findet immer eine Lösung. Er hat die Lizenz zum Töten.»

Leconte meinte das natürlich nicht so martialisch, wie er es sagte. Vielmehr verlieh der 55-Jährige damit seiner Bewunderung Ausdruck, wie Federer es schafft, sich entgegen jeder Wahrscheinlichkeit an der Weltspitze zu halten. Als im letzten Jahr die Auslosung zu den Internationaux de France stattfand, da weilte auch Roger Federer in Paris. Im Pavillon Ledoyen nahe der Champs-Élysées lancierte er eine auf 20 Flaschen limitierte Ausgabe eines Champagners von Moët & Chandon. Name: «Greatness since 1998», Grösse seit 1998, dem Jahr, in dem Federer sein Profi-Debüt gab. Jede der Flaschen, deren Hälse in Anlehnung an ein Racket mit einem Lederband veredelt waren, wurde für 20 000 Dollar verkauft. Roger Federer trug dabei einen Smoking. Wie James Bond eben. Bleibt zu hoffen, dass der Titel des bekanntesten Bonds, der zu grossen Teilen in Paris abgedreht wurde, für Federer nicht zum bösen Omen wird: «Im Angesicht des Todes».