Bei einem Streit gibt es selten die eine, absolute Wahrheit. Es gibt Facetten, an denen der eine sich stört, die dem anderen aber verborgen bleiben. Ein Widerspruch, mit dem auch Rebeka Masarova leben musste, nachdem sie sich dazu entschieden hatte, künftig für Spanien zu spielen.

Bis heute äusserte sie sich nie zum Konflikt mit Swiss Tennis. Einen Blick hinter die Fassade liess ihr Misstrauen nicht zu. Wie tief dieses geht, zeigt die Geschichte dieses Gesprächs. Die Publikation einer durch einen Anwalt veränderten Version lehnte die «Schweiz am Wochenende» ab. Nach zahlreichen Telefonaten stimmten Mutter und Tochter der Veröffentlichung der ursprünglichen Version zu. Hier erzählen sie ihre Geschichte.

Rebeka und Marivi Masarova, Sie haben uns um dieses Gespräch gebeten, weshalb?

Marivi: Es war uns klar, dass es einen riesen Aufschrei geben würde, wenn jemand die Nationalität wechselt. Man kann das ja auch bei anderen Sportlern verfolgen, zum Beispiel im Fussball. Es ist dann, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Aber wir haben nicht erwartet, dass man so auf uns losgeht. Wir dachten uns: Okay, das ist jetzt die Wut und Enttäuschung, dass Rebeka nicht mehr für die Schweiz spielt. Aber es wurde nicht besser. Darum haben wir uns entschieden, dass wir uns jetzt einmal erklären müssen.
Rebeka: Ich verstehe die Enttäuschung der Menschen. Aber ich stehe in einem schlechten Licht, dabei habe ich nichts Falsches gemacht.

Für Aussenstehende kam es überraschend, als Sie im Januar mitgeteilt haben, dass Sie künftig wieder für Spanien spielen. Wie lange haben Sie sich damit befasst?

Rebeka: Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt. Um ehrlich zu sein: Ich hatte grosse Angst vor den Reaktionen. Irgendwann habe ich dann aber realisiert, dass es egal ist, wann ich es mache, die Reaktionen kommen sowieso und ich kann sie nicht beeinflussen.
Marivi: Wir haben einfach nie den richtigen Zeitpunkt gefunden. Rebeka hatte gute Resultate, dann wollten wir diese negativen Nachrichten nicht. Aber für uns war immer klar, dass der Wechsel irgendwann stattfinden würde.

Was waren Ihre Gründe?

Rebeka: Es ist ein Bauchgefühl. Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Meine Mutter ist Spanierin, ich lebte sechs Jahre in Spanien. Wir sprechen Spanisch, haben spanische Traditionen. Es ist schwierig, das zu beschreiben. Natürlich habe ich die Schweiz gerne, aber ich fühle mich eher als Spanierin und man kann sich nicht aussuchen, was man fühlt.

Ihr Vater ist aus der Slowakei, in Ihrer Brust schlagen also drei Herzen. Wie ist das für Sie?

Rebeka: Es ist schwierig für mich, die Frage zu beantworten, woher ich bin. Am liebsten würde ich sagen: Ich bin aus Europa. Meistens sage ich: aus Spanien. Ich denke und träume auf Spanisch, aber ich habe die Schweiz auch gerne. Es ist unheimlich schwierig, das zu erklären. Es ist aber auch ein spezielles und schönes Gefühl, so viele Kulturen und Sprachen in mir zu haben.

Swiss Tennis sagt, Sie hätten im Dezember 2017 noch gesagt, sie würden künftig für die Schweiz spielen.

Rebeka: Das habe ich nie gesagt. Swiss Tennis war immer bewusst, dass ich zwei Heimaten habe und theoretisch jederzeit wechseln könnte.

Trotzdem wurde es so dargestellt, als sei der Wechsel überraschend. Verstehen Sie das?

Marivi: Ein Nationenwechsel war seit 2015 immer wieder ein Thema. Wir hatten ja auch einmal ein Fed-Cup-Aufgebot abgelehnt, weil Rebeka sich noch nicht für eine Nation entscheiden wollte. Aus diesem Grund haben wir auch nie einen Vertrag unterschrieben. Swiss Tennis wollte, dass Rebeka sich verpflichtet, für immer für die Schweiz zu spielen. Diese Klausel wollte man nicht aus dem Vertrag nehmen. Wir wollten das aber nicht für sie entscheiden, als sie noch minderjährig war, zumal Rebeka wusste, dass sie nicht immer für die Schweiz antreten will.

Dennoch wurden Sie vom Verband finanziell unterstützt, oder?

Rebeka: Ich habe das Gefühl, die Leute denken, Swiss Tennis hätte meine ganze Karriere gefördert. Aber es ist so: Ich habe Turniere gewonnen und gute Resultate erzielt und dafür Prämien erhalten. Es ist nicht so, dass ich Geld erhielt und die Schweiz Geld verlor. Es ist ein Geben und Nehmen.
Marivi: Es stimmt, dass Rebeka von Swiss Tennis finanziell unterstützt worden ist, basierend auf den Leistungen. Die Trainings in Biel wurden teilweise übernommen, dafür sind wir sehr dankbar. Für dezentrale Trainings in Partnerakademien mussten wir aber selber aufkommen.
Rebeka: Was mir wichtig ist: Wir hatten nie ein schlechtes Verhältnis. Ich konnte immer auf die Hilfe des Verbands zählen und sie haben uns auch oft gut beraten. Wir haben einfach nicht so eng zusammengearbeitet.

Weshalb nicht?

Marivi: Weil wir diesen Vertrag nicht unterschreiben wollten. Das ist etwas, das alle wissen sollten: Rebeka wurde deshalb finanziell nicht so gefördert wie andere. Das war für uns auch in Ordnung. Wir haben dadurch auf Geld verzichtet, aber wir wollten ehrlich sein und keinen Streit haben, wenn Rebeka später für Spanien spielen sollte.

Trotzdem zahlten Sie einen Teil des Geldes zurück. Weshalb?

Marivi: Wir sehen das als Genugtuung und auch, damit Ruhe ist. Aber wir schulden niemandem etwas und haben nie etwas genommen oder bekommen, das sich Rebeka nicht erarbeitet hätte. Es ist gut, haben wir mit Swiss Tennis einen gemeinsamen Weg gefunden, um wenigstens im finanziellen Bereich in Frieden auseinanderzugehen. Darum haben wir uns auch finanziell am Kids-Tennis-Programm beteiligt.

Die «Basler Zeitung» schrieb, Sie hätten Mitgliederbeiträge in einem Tennisclub nicht bezahlt.

Rebeka: Ich weiss nicht, woher das kommt. Wir sind Mitglied in einem Klub und bezahlen unseren Beitrag.
Marivi: Wo? Davon weiss ich nichts. Wir haben immer alles bezahlt. Wir haben keine Mahnungen erhalten.

Verletzt es Sie, wenn solche Dinge behauptet werden?

Rebeka: Wenn man so in der Öffentlichkeit steht, wird immer irgendwo etwas Schlechtes stehen. Es ist klar, dass ich nicht jedem gefallen kann, das ist auch kein Problem. Aber manchmal frage ich mich schon: Was bringt es jemandem, wenn er schlecht über dich redet. Fühlen sich diese Menschen dadurch besser? Es gibt schon genügend schlechte Dinge auf dieser Welt.

Wie waren für Sie die Kommentare nach dem Nationenwechsel?

Rebeka: Sehr hart. Es kam am 12. Januar raus, am 8. Januar hatte ich mir das Kreuzband gerissen. Ich sass zu Hause und konnte mich nicht einmal auf dem Tennisplatz ablenken.

Was hat Sie am meisten gestört?

Rebeka: Wenn schlecht über meine Mutter und meine Geschwister gesprochen wird. Denn jeder geht den Weg, den er für den besten hält und für mich stimmt es so. Ich vertraue darauf, dass ich selber am besten weiss, was gut für mich ist.

Marivi, Sie spielen nicht Tennis, sind aber Trainerin. Verstehen Sie Forderungen nach einem Trainer?

Marivi: Warum? Wie viele Trainer haben denn andere? Vielleicht ist es, weil ich eine Frau bin. Es ist doch so: Rebeka tickt wie eine Frau. Sie denkt wie eine Frau. Sie hat Sorgen wie eine Frau. Solche Dinge mit einem Mann zu besprechen, ist schwierig.

Und aus sportlicher Sicht?

Marivi: Es gibt viele Trainer, die nicht Tennisspieler waren und es sehr weit gebracht haben. Ich weiss viel. Und wenn Rebeka von anderen Trainern noch Tipps bekommt, erhält sie die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Kürzlich trainierte sie zwei Wochen mit Francisco Roig (Trainer von Rafael Nadal, Anm. d. Red.). Da ist Rebeka natürlich in den besten Händen.

Ein Glücksfall, oder?

Rebeka: Es ist schon eine Ehre für mich und hilfreich. Das Training ist anspruchsvoll, aber gut (lacht).

Der Manager von Roger Federer, Tony Godsick, hat Hilfe angeboten.

Rebeka: Wir haben einmal mit ihm gesprochen, das stimmt. Aber es ist nicht so, dass Tony etwas angeboten hätte.
Marivi: Es ging nie um eine Zusammenarbeit. Wir haben uns über einige Dinge ausgetauscht. Er hat uns seine Sicht erklärt, als es um die Frage ging, ob wir zu Octagon oder IMG sollen.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Rebeka: Vor allem, dass ich nun gesund bleibe. Verständnis für meine Entscheidungen und meinen Weg. Und dass es meiner Familie gut geht. Viel mehr brauche ich nicht. Ich spiele einfach gerne Tennis und mein einziges Ziel ist es, die beste Spielerin zu werden, die ich sein kann.
Marivi und Rebeka: Wir möchten nochmals betonen, dass wir Swiss Tennis trotz dem Nationenwechsel und allem, was nachher geschrieben und gesagt worden ist, für die gemeinsame Zeit sehr dankbar sind.