Stan Wawrinka hat einige Übernamen: "Stanimal" und "Marathon Man" gehören dazu. In den letzten beiden Partien am US Open - bei Viersatz-Siegen im Viertelfinal gegen Juan Martin Del Potro und im Halbfinal gegen Kei Nishikori - zeigte der 31-jährige Waadtländer einmal mehr, warum. Beide Male war er mit zunehmender Dauer des Wettkampfs der fittere Spieler mit dem längeren Atem. Nishikori, der im Viertelfinal Mitfavorit Andy Murray in fünf Sätzen ausgeschaltet hatte, warf alles in die Waagschale, was er hatte - am Ende war es zu wenig.

"Ich habe auch gelitten", versicherte Wawrinka nach dem 4:6, 7:5, 6:4, 6:2-Sieg in gut drei Stunden. Von allen vier Halbfinalisten - im anderen Spiel setzte sich Novak Djokovic ebenfalls in vier Sätzen gegen Gaël Monfils durch - machte er aber bei grosser Hitze und enorm hoher Luftfeuchtigkeit mit Abstand den besten Eindruck.

US OPEN 2016 - Das Interview mit Stan Wawrinka nach dem Match gegen Kei Nishikori (in englisch)

Das Interview mit Stan Wawrinka nach dem Match gegen Kei Nishikori (in englisch)

Nishikori riss die Initiative zunächst resolut an sich und dominierte sowohl von der Grundlinie als auch mit gefährlichen Netzangriffen. "Ich fühlte mich nicht wohl, weil ich zu sehr in der Defensive war", bekannte Wawrinka. Erst nach einem 4:6, 0:2-Rückstand gelang es dem Romand langsam, das Blatt zu wenden. Er spielte die Bälle aggressiver und näher an der Grundlinie oder sogar innerhalb des Feldes. "Ich versuchte, ihn laufen zu lassen", lautete die Devise. "Dann wird er müde, ist nicht mehr so schnell und kann nicht mehr so aggressiv spielen."

Der Plan ging unter den Augen seiner extra fürs Finalwochenende angereisten Eltern und der beiden Schwestern voll auf, auch, weil Wawrinka nie die Ruhe und Konzentration verlor. Ausserdem nutzte er seine Chancen wesentlich besser als er 26-jährige Japaner. Der US-Open-Finalist von 2014 verwertete nur 4 seiner 15 Breakbälle, der Schweizer 7 von 13.

Stan Wawrinka erzählt vom Spiel gegen Kei Nishikori (Interview in englisch)

Weg vom Court: Stan Wawrinka erzählt vom Spiel gegen Kei Nishikori (Interview in englisch)

Im Final am Sonntag (ca. 22.30 Uhr Schweizer Zeit) trifft Wawrinka auf die Weltnummer 1 Novak Djokovic. Dem Serben winkt die Chance, als erster Spieler seit Roger Federer 2008 seinen Titel zu verteidigen. Insgesamt steht der Serbe zum siebten Mal in einem US-Open-Final, gewonnen hat er aber nur 2011 (gegen Rafael Nadal) und vor einem Jahr (gegen Federer). Die Favoritenrolle ist gegen den Drittplatzierten der Weltrangliste nicht eindeutig. Dafür hinterliess Djokovic in den letzten Wochen zu viele Fragezeichen und ist Wawrinkas Finalbilanz zu gut.

"Stan ist ein Mann für die grossen Matches", sagte der Serbe nach seinem Sieg gegen Monfils, und die Statistik bestätigt diese Einschätzung. Seit Juni 2013 und einer Niederlage in 's-Hertogenbosch gegen Nicolas Mahut hatWawrinka alle zehn Finals gewonnen, die er bestritt. Dazu gehören auch seine ersten beiden Grand-Slam-Titel am Australian Open 2014 gegen Nadal und insbesondere 2015 in Paris gegen Djokovic.

Der Lausanner hat eine logische Erklärung für seine Stärke, wenn es wirklich zählt: "Gegen Ende eines Turniers habe ich viele Spiele gewonnen und habe viel Selbstvertrauen. Deshalb spiele ich in diesen grossen Matches mein bestes Tennis." Djokovic wurde bislang noch kaum getestet. In 8 Stunden und 58 Minuten spielte er dank Verletzungen von gleich drei Gegnern nur 13 Sätze und 118 Games. Nie zuvor hatte ein Profi mit weniger Aufwand den Final erreicht, seit an Grand-Slam-Turnieren 128 Spieler dabei sind und alle Runden auf drei Gewinnsätze gespielt werden. Einzig John McEnroe erreichte 1979 den (gewonnenen) Final mit gleich wenigen Sätzen, aber zwei Games mehr. Dennoch hinterliess Djokovic gegen den nervösen Gaël Monfils keinen unwiderstehlichen Eindruck und liess sich zweimal - einmal an der rechten, einmal an der linken Schulter - vom Physiotherapeuten behandeln. "Ich habe keine Probleme mehr", sagte der Serbe, der nach dem frühen Aus an den Olympischen Spielen das Turnier in Cincinnati ausliess, dennoch.

Wawrinka stand fast doppelt so lange auf dem Platz wie Djokovic, glaubt aber nicht, dass dies eine Rolle spielte. "Ich fühlte mich heute sehr gut", betonte er. "Und es kann für Djokovic auch ein Nachteil sein, dass er so wenig gespielt hat. Es fehlt ihm vielleicht etwas die Matchpraxis." Hoffnungen auf einen geschwächten Gegner macht er sich dennoch keine. "Er wird stark sein. Er ist mental ein Biest."