Die Frage amüsierte Roger Federer ein wenig. Er könnte mit 32 Jahren und 332 Tagen der älteste Wimbledonsieger der Profiära (seit 1968) werden. "Das wusste ich nicht", sagte er am Freitagabend mit einem Lächeln. "Und es bedeutet auch nicht speziell viel."

Historisch von grösserer Bedeutung ist, dass der Basler heute Sonntag als erster Tennisspieler überhaupt seinen achten Titel auf dem heiligen Rasen gewinnen könnte. Doch auch dazu sagt der 17-fache Grand-Slam-Champion: "Ich wusste nicht, dass das ein Rekord wäre. Acht Siege wären natürlich super!" Das seien allerdings bereits sieben Titel. "Ich habe eh schon viel zu viel erreicht", findet er. "Ich hätte nie gedacht, dass meine Karriere so gut laufen würde."

Schlaflose Nächte habe er deshalb nicht mehr. "Eigentlich war ich in den vergangenen Tagen total relaxt." Als er gegen Raonic im Halbfinal zum Match aufgeschlagen habe, habe er aber doch noch ziemlich den Puls gespürt. "Das zeigt, wie viel mir dieser Final doch bedeutet."

Federer wäre auch der erste Mann seit Andre Agassi am Australian Open 2003, der nach seinem 32. Geburtstag ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Der Basler spürt aber nicht das Alter, sondern viel mehr einen zweiten oder dritten Frühling. Aktuell spielt er so stark wie schon lange nicht mehr. Mit 10:16 Stunden stand er zum Beispiel weniger lang auf dem Platz als auf dem Weg zu seinen Wimbledonsiegen 2009 und 2012. Und der eine verlorene Satz (im Viertelfinal gegen Stan Wawrinka) erinnert an 2003, 2004, 2005, 2007 und 2009, als er anschliessend den Titel gewann.

Zwei alte Bekannte

Geheimnisse gibt es zwischen Federer und dem topgesetzten Novak Djokovic nach bereits 34 Duellen (18:16 Siege für Federer) keine mehr, auch wenn sie erst einmal in einem Grand-Slam-Final aufeinandertrafen. In den letzten vier Spielen gewannen abwechslungsweise Djokovic (an den World Tour Finals und in Indian Wells) respektive der Schweizer (in Dubai und Monte Carlo). "Mit Djokovic und dem Final habe ich mich noch gar nicht befasst", versicherte Federer am Freitag. Das komme erst noch.

Er habe aber immer gerne gegen den Weltranglisten-Zweiten gespielt. "Wir versuchen beide, den Punkt zu diktieren, die Bälle früh zu nehmen", erklärte er. Das Problem bei Djokovic sei, dass er von überall auf dem Platz gefährlich sei. "Es gibt keinen sicheren Ort, wo man gegen ihn hinspielen kann."

Gestern musste Federer sein Training nach 20 Minuten abbrechen, weil es zu regnen begann. "Das ist kein Problem, es ging eher darum, sich etwas zu bewegen." Gespielt wird heute Sonntag auf jeden Fall, notfalls mit geschlossenem Dach. Der Basler, der am Montag Wawrinka als Nummer 3 und bester Schweizer ablösen wird, glaubt aber nicht, dass dies eine wesentliche Rolle spielen wird.

Sieg brinkt Djokovic wieder an die Spitze

Für Djokovic geht es ebenfalls um viel. Mit einem Sieg übernimmt er von Rafael Nadal wieder die Spitze der Weltrangliste - und würde er eine Serie von drei verlorenen Grand-Slam-Finals in Folge durchbrechen. Vier Niederlagen hintereinander gab es bisher nur für Ivan Lendl (1981 bis 1983), Andy Roddick (2004 bis 2009) und Andy Murray (2008 bis 2012).

Der Serbe fühlt sich nach dem Halbfinal gegen den wegen gewisser Ähnlichkeiten "Baby-Federer" genannten Grigor Dimitrov bestens vorbereitet. Doch der "richtige" Federer sieht auch für sich Vorteile. "Ich werde sicher anschauen, was für Dimitrov gegen ihn funktionierte", versprach er. Der Final präsentiert sich jedenfalls völlig offen und verspricht viel Spannung.