Analyse
Hey Djoker, ein Roger wirst du nie!

Roger Federer unterliegt im Finale des US Open Novak Djokovic in vier Sätzen – Sieger der Herzen bleibt er aber allemal. Eine Analyse zu den Gründen, weshalb selbst eine Niederlage Roger Federers ein Glück ist.

Max Dohner
Max Dohner
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Djoker, ein Roger wirst du nie
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Tag danach: Novak Djokovic feiert in New York seinen Titel
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Djoker, ein Roger wirst du nie

Keystone

Diese Niederlage ist ungerecht, ungerecht, ungerecht! Und das ist ein Satz wider jede Vernunft, ich weiss. Jeder weiss aber auch: Tennis hat mit Vernunft nichts zu tun. Instinktiv wissen wir – wir spüren es –, wenn etwas «stimmt» und wenn nicht. Das Finale des US Open sonntagnachts hätte nur mit einem Sieg Federers «gestimmt».

Alle spürten es im Rund des Arthur-Ashe-Stadions: Der Sieg gehörte Federer, auch als er das Spiel verlor. Unbesehen, was er in jener Nacht zeigte auf dem Platz. Alle feuerten Roger an, machten ihm Mut. Alle, ausser Djokovics Box mit dem unsäglichen Rotblondschopf im roten Trainer am Rand.

So sehr war das Publikum aufseiten von Roger, dass es gar verunglückte erste Aufschläge Djokovics beklatschte. So viel Unfairness steckte die Nummer eins nicht immer reglos weg. Unfair war es gewiss.

Im Gegensatz zu Djokovic selber. Aufs Publikum angesprochen, meinte er: «Ich muss akzeptieren, dass jeder die Wahl hat, einen Spieler zu unterstützen. Roger verdient sich das, wegen der Art, wie er sich auf und neben dem Platz verhält. Hoffentlich bin ich in Zukunft irgendwann in Rogers Position.»

Der Neid auf Traumspieler Federer durchglüht Bobele von Kopf bis Fuss

Djoker sorry, eben das bist du nie. Du bist bloss ein überragender Spieler. Unbestritten die Nummer eins. Technisch bei allem gut, bei allem athletisch dazu. Einer, der übers komplette Können hinaus noch mit dem Willen Unmögliches erzwingt. Und trotzdem keiner, der je in «Rogers Position» wäre. Schon gar nicht im Traum.

Selbst wenn Djokovic am Ende seiner Karriere zweimal so viele Major-Titel angehäuft haben sollte wie Roger, wäre er immer noch gleich weit weg von «Rogers Position». Auch in der letzten Sonntagnacht ist er ihm keine Spur näher gerückt. Djokovic hat nur abermals gesiegt. Heroischer noch, weil er gar Blut verspritzte und sich auch so durchbiss. Trotzdem war das ungerecht. Und bitter.

Aber eine Katastrophe ist es nicht. Weil sich kein Jota ändert am Rang von Federer gegenüber dem Rang eines Djokovic. An Rang via Titelzahl glauben nur Figuren, die keine Ahnung haben von Charisma und Genie.

Nur Titel aufzulisten, erklärt kein Phänomen. Bobeles Traineranzug in Djokovics Box ist deshalb rot, weil der Neid auf den Traumspieler den profanen Gambler von Kopf bis Fuss durchglüht.

Rekorde strebt zweifellos auch Federer an. Inzwischen weniger «vergiftet», wie es scheint. Den verfluchten 18. Majortitel schlüge er gewiss nicht in den Wind. Aber findet Roger Titel Nummer 18 selber auch «verflucht»?

Sofern er etwas verstanden hat von der Gnade seines Spiels, rennt Roger nicht länger Blechtöpfen hinterher. Er spiele um der Spielfreude willen, sagt er oft.

Warum glaubt ihm das niemand? Warum muss er sich stets verhöhnen lassen, wenn eine weitere Major-Chance zerrann? Hohn ist es drum, weil man so tut, als «bringe es der Alte nicht mehr». Als sei er «über den Zenit hinaus».

Federers «Position» beruht auf Kunst, nicht auf Wettbewerb

Physisch mag das irgendwann zutreffen – jetzt noch nicht! Ob es auch mental zutrifft, ist eine Frage reiner Besserwisserei. Dass Federer an zwei Major-Turnieren hintereinander, wo er ansonsten makellos auftrat, zweimal gegen Djokovic sein schlechtestes Spiel ablieferte, ist wohl nicht nur Pech.

Aber noch lange kein Dachschaden. Noch maulheldischer gebärden sich Kommentatoren dort, wo sie exakt bestimmen, wann ein Champion «den Abgang verpasst». Bei Roger ist es bei jedem Hennenschiss so weit.

Man darf getrost am Mann herummäkeln. Federers Gagen sind selten so anständig, wie er lächelt. Bobele findet ihn überhaupt zu glatt. Den Heftliroman «Roger-und-Mirka-sind-die-besten-Zwillingseltern» müssen wir nicht atemlos lesen, geschweige denn glauben.

Zwar meint selbst der Djoker, Rogers untadeliges Benehmen habe ihn beim Publikum beliebt gemacht. Aber wäre Djokovic vergleichbar brav, hülfe ihm auch das noch immer nichts zu Federers «Position».

Federers überragende «Position» beruht auf einem Phänomen. Auf Kunst, nicht Wettbewerb. Es sind so einfach erscheinende Wunderschläge, die Eleganz der Bewegung, die Ruhe in der Kraft, die er wieder gegen Richard Gasquet und Stan Wawrinka gezeigt hat: Zen-Tennis.

Maestro ist dafür der adäquate Begriff. Lasst den Mann spielen, so lange er will. Bis fünfzig. Lasst uns die bittere Freude, ihm zuzusehen, auch wo er unterliegt.

Wer gewinnt, ist bedeutungslos. Wesentlich ist nur, ob der Maestro spielt. So werden wir einst sagen können: Ihr Unglücklichen, wir haben noch Federer spielen sehen!

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