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Gnadenloses Karussell: Selbst Spitzentrainer im Frauentennis geniessen nur eine kurze Halbwertszeit

Wer sich auf eine Fahrt mit diesem Karussell einlässt, muss damit rechnen, eher früher als später wieder davon abgeworfen zu werden.

Alleine Belinda Bencic zählte 2018 drei verschiedene Trainer: Erst den Waliser Iain Hughes, dann den Slowaken Vladimir Platenik, seit Herbst sitzt wieder Vater Ivan auf dem Schleudersitz. Allen Verbindungen ist eines gemein: Sie begannen mit Euphorie und endeten mit Ernüchterung.

Trainer begeben sich im Tennis in eine perfide Abhängigkeit. Sie sind einerseits Chef, andererseits Angestellter der Spieler, die ihren Lohn zahlen. Wer am längeren Hebel sitzt, versteht sich von selbst.

Verträge sind Ausnahmen 

Viele scheuten wegen dieses Ungleichgewichts davor zurück, ihre Meinung ungefiltert an die Spielerin weiterzugeben, bemängelt der Franzose Sam Sumyk, der derzeit Garbine Muguruza betreut und auch schon bei Viktoria Azarenka und Genie Bouchard auf der Lohnliste stand. Man kann sie verstehen. Denn es geht dabei um Existenzen.

Verträge sind in diesem Geschäft eher die Ausnahme. Es gilt, wozu jeder gerissene Anwalt raten würde: Jeder gute Vertrag ist so aufgebaut, dass er gebrochen werden kann. Heisst: Die Trainer sind den Launen der Spielerin ausgeliefert. Fast schutzlos: Wo kein Vertrag, da auch kein Anspruch auf Lohnfortzahlung im Falle einer Trennung oder einer Verletzung.

Ein Kenner der Szene sagt zwar, die Bedingungen hätten sich verbessert, weil solche Dinge inzwischen oft zwischen den Trainern und dem Management direkt ausgehandelt würden. Ein viel grösseres Problem stellten die Einflüsterer und alte Seilschaften dar. Eltern, Freund, Physiotherapeut, Sponsor, Coiffeur – jeder redet mit, möchte seinen Einfluss geltend machen.

Eine Ich-AG 

Ein Tennisspieler ist eine Ich-AG. Er ist damit Geschäftsführer, Personalabteilung und Kassier in Personalunion. Und dieser Chef ist meist eine 20-Jährige mit Einzelunterschrift. Timea Bacsinszky ist eine Ausnahmeerscheinung. Sie hat sich von einem tyrannischen Vater emanzipiert und nach einer Pause die Zügel in die eigenen Hände genommen.

Doch geht es um die Trainerfrage, bewegt auch sie sich lieber im Vagen, im Ungefähren. Nachdem sie sich im Sommer von Dimtri Zavialoff getrennt hatte, der inzwischen Johanna Konta betreut, begleitet sie mit Erfan Djahangiri ein Iraner, der schon einmal ihr Trainer war, ehe sie sich 2012 von ihm trennte.

Für den Franzosen Stéphane Robert, der in Melbourne ebenfalls an ihrer Seite ist, wollte sie keine Stellenbeschreibung abgeben, sagte nur: «Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich sage: Er ist Teil meines Teams.» Taktische Belange bespreche sie aber mit Djahangiri.

Sprechen will kaum einer. Ivan Bencic nicht. Stéphane Robert nicht. Nicht einmal Ivan Ljubicic. Seit drei Jahren begleitet er Roger Federer. Bis heute hat er kein einziges Interview gegeben. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Mit ein Grund dürfte die Preisgeldexplosion sein. Sie erlaubt es den Besten eine grosse Entourage um sich zu scharen. Für sie verringert das die Abhängigkeit von einer Person, die früher meist der Trainer war. Für viele ist er verzichtbar geworden.

Schmutzige Wäsche bei Kerber

Nicht für Simona Halep, die Nummer 1 der Welt. Ihr langjähriger Trainer Darren Cahill gab seinen Posten auf, weil er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollte. Halep sagt: «Auf diesem Niveau kannst du nicht langfristig ohne Trainer arbeiten.» Cahill spielt in der Königsklasse der Trainer, die eher als eine Art gut bezahlter Berater für eine begrenzte Zeit fungieren.

Ein anderer aus dieser Kategorie ist Wim Fissette. Der Belgier machte jüngst etwas, das sich sonst kein Trainer traut. Er wusch schmutzige Wäsche, indem er gegenüber einer Agentur über die Gründe sprach, die zur Trennung von Angelique Kerber geführt hatten, als er sagte: «Beim Finanziellen lagen wir zu weit auseinander.»

Dass Fissette in der Zeit der Ungewissheit andere Angebote sondierte, taxierte Kerber als Vertrauensbruch. Inzwischen betreut er wieder Viktoria Azarenka. Das Beispiel Fissette zeigt die Mechanismen in diesem Geschäft auf: So schnell die Prügelknaben vom Trainerkarussell abgeworfen werden, so schnell sitzen sie wieder irgendwo in einem Sitz.

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