Tennis
Gewinnt die Schweiz mit dem Duo Federer/Wawrinka endlich den Davis-Cup?

Noch nie hat die Schweiz den Davis-Cup gewonnen. Vor 22 Jahren stürmten Hlasek und Rosset zwar in den Final, scheiterten aber an den Amerikanern. Das Duo Federer/Wawrinka könnte dies nun endlich schaffen. Welche Hürden stehen einem Triumph im Weg?

Michael Wehrle
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Die Meinung der Tennisfans ist schnell gemacht. Die Schweiz gewinnt in diesem Jahr den Davis-Cup. Wenn nicht jetzt, wann dann? Diese Frage stellt sich zu Recht. Mit Stanislas Wawrinka und Roger Federer schickt Swiss Tennis das nominell stärkste Team in den Kampf. Die beiden Schweizer Aushängeschilder belegen schliesslich Platz drei und vier auf der Weltrangliste. Die Nummern eins und zwei, Rafael Nadal und Novak Djokovic, sind mit Spanien und Serbien ja bereits ausgeschieden. Der Weg zum Titel ist also offen, doch eine Autobahn ist er keinesfalls. Von Freitag bis Sonntag gilt es zunächst einmal, Kasachstan im Viertelfinal aus dem Weg zu räumen.

Tennis funktioniert wie jeder Sport nicht einfach nach den Gesetzen der Mathematik. Und Tennis ist auch kein Wettkampf, bei dem ein Sportler seine ganze Stärke ungestört in die Waagschale werfen kann. Beim Tennis steht auch noch ein Gegner auf dem Platz, der ganz gewaltig Einfluss nimmt. Klar, rufen Wawrinka und Federer ihr Potenzial ab, dann gehen sie nicht nur am Wochenende in Genf gegen Kasachstan als Sieger vom Platz, dann stemmen sie höchstwahrscheinlich zum Saisonabschluss auch die hässlichste Salatschüssel der Welt in die Höhe. Aber bis dahin ist es noch weit.

«Wer an den übernächsten Schritt denkt, der fällt auf die Schnauze», spricht Captain Severin Lüthi Klartext. Dabei weist er die Rolle des
Favoriten keinesfalls von sich. «Wir sind im Normalfall in allen fünf Partien gegen Kasachstan der Favorit, aber nicht haushoch, nicht 90:10 oder 80:20», macht er deutlich.
Kasachstan stelle eine solide Equipe. Dieses Team ist so solide, dass die Schweiz schon Probleme bekommt, wenn nur einer der Stars ausfällt. Und gegen Verletzungen ist niemand gefeit. Das erlebte die Schweiz schon in Genf im Davis-Cup, als sich Marc Rosset einst gegen Holland die
Bänder riss und aus war es mit der Siegeschance.

Die Schweizer Fans dürfen sich am Wochenende in Genf durchaus auf ein Tennisfest freuen. Aber sie sollten sich hüten, das Fell des Bären zu verteilen, bevor er erlegt ist. «Klar haben wir Chancen, den Cup zu gewinnen», sagt Wawrinka. Doch so einfach sei das nicht, im Moment gelte die ganze Konzentration den Kasachen. Der Cup werde dann hoffentlich gegen Ende des Jahres wieder zum Thema.

Wawrinka fiebert dem Wochenende entgegen. Erstmals führt der Sieger des Australian Open das Team an. «Damit ändert sich für mich gar nichts, ausser, dass ich am Sonntag das erste Match bestreite», betont er. Nach wie vor sieht er Federer als den Leader der Mannschaft. Der nimmt auch eine Sonderstellung ein. Erst heute stösst er in Genf zur Mannschaft. Für Lüthi ist das kein Problem. Das habe er mit Federer so entschieden. Der reise zu einem Turnier ja auch nicht eine Woche vorher an und habe genug Erfahrung, mit dieser Situation umzugehen. Besondere Gründe für Federers Entscheid gebe es keine. Vielleicht wollte der gestern ganz einfach mit Frau Mirka in Ruhe deren Geburtstag feiern.

Das Schweizer Team ist auch gefestigt genug, um sich dadurch nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Federer und Wawrinka sind die klaren Chefs. Marco Chiudinelli und Michael Lammer, die alten Gefährten von Federer, kennen ihre Rollen. Sie springen ein, wenn Not am Mann ist. Im Achtelfinal leisteten sie mit ihrem Sieg im Doppel den Stars wertvolle Hilfe. Und Henri Laaksonen hat nach dem Eklat vor einem halben Jahr in Neuenburg, als ihn Lüthi wegen seines mangelnden Einsatzes nach Hause schickte, wieder ins Team zurückgefunden.

Noch lässt sich Lüthi nicht in die Karten blicken, wer von den dreien über die Klinge springen muss, da er nur vier Mann nominieren darf. Bis zuletzt möchte er warten, um sich alle Optionen offenzuhalten.

Noch nie hat die Schweiz den Davis-Cup gewonnen. 22 Jahre ist es her, da stürmten Rosset und Jakob Hlasek bis in den Final. Dort scheiterten sie an den übermächtigen Amerikanern. Wie damals ruht auch in diesem Jahr die Last auf den Schultern von zwei Spielern. Die sind allerdings stärker als das Duo 1992. Für Wawrinka hat der Davis-Cup einen enormen Stellenwert und Federer hat sich in diesem Jahr ebenfalls ganz zum Mannschaftswettbewerb der Einzelsportler bekannt. Schon immer hat er betont, wie wohl er sich im Team fühle, nun setzt er seine Aussagen um, wohl auch, weil er die Chance sieht, den letzten grossen Titel, der ihm fehlt, im Herbst seiner Karriere doch noch zu gewinnen.

Mit dem Triumph im Achtelfinal haben sich die Schweizer selbst in eine fast perfekte Ausgangssituation gebracht. Und im Moment spricht auch nichts dagegen, dass sie den Weg erfolgreich zu Ende gehen. Doch tun sie gut daran, einen Schritt nach dem anderen zu nehmen. Es wird auch dann kein Selbstläufer und Stolpersteine liegen noch genügend im Weg.