Ende August steht mit den US Open bereits das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres auf dem Programm. Wie immer in den vergangenen 15 Jahren gehört Roger Federer zu den ersten Anwärtern auf den Titel. Seine Marke von 67 Titeln auf Hartplätzen ist ein Rekordwert, der verpflichtet.

Allerdings liegt Federers letzter von fünf Erfolgen in Flushing Meadows bereits zehn Jahre zurück. Zwar hat der Baselbieter seither noch zwei Mal den Final erreicht (2009 und 2015), in diese Periode fallen aber auch weniger ruhmreiche Kapitel wie eine Niederlage gegen Tommy Robredo, oder die beiden Halbfinals 2010 und 2011, in denen er gegen Novak Djokovic jeweils zwei Matchbälle nicht verwerten konnte.

Keine Titelverteidigung seit 2008

Geschuldet ist die relative Erfolglosigkeit Federers in New York sicher auch dem Umstand, dass die Margen auf Hartbelägen geringer sind als beispielsweise auf Sand oder Rasen, wo es noch echte Spezialisten gibt. Diese These bestätigt ein Blick auf die Siegerlisten: Alleine in diesem Jahrtausend gewannen elf verschiedene Spieler die US Open und seit 2008 hat keiner mehr den Titel erfolgreich verteidigt.

Zum Vergleich: In Wimbledon und bei den Australian Open gab es in der gleichen Zeitspanne nur sieben verschiedene Sieger, bei den French Open acht. Das alles sind Spielereien, statistische Werte. Sicher gibt es ebenso viele Zahlenreihen, mit denen Federer zum Favoriten erklärt werden kann.

Nach seiner halbjährigen Pause ab dem Sommer 2016 kehrte er als neuer Spieler in den Tennis-Zirkus zurück. Er hat seither nur 19 Turniere bestritten und 10 davon gewonnen, darunter zwei Mal die Australian Open und im Vorjahr in Wimbledon.

Um seine Karriere zu verlängern, spielt der 20-fache Grand-Slam-Sieger nur noch ausgewählte Turniere. Neben ihm glitzerte der Challenger Cup, die Trophäe für den Sieg im Südwesten Londons, als er auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, mit 40 Jahren noch um den Sieg mitspielen zu können, den Satz sagte, der damals alle amüsierte: «Ja, wieso nicht? Wenn ich vorher 300 Tage freinehme, oder mich einfrieren lasse, ist das sicher möglich.»

Am ersten Widerstand zerbrochen

Schon damals aber hatte er geahnt, dass sein Erfolgsrezept Unabwägbarkeiten mit sich bringt, denen er schutzlos ausgeliefert ist. «Zu spielen und zu gewinnen, das sind zwei Paar Schuhe. Es braucht die richtige Balance zwischen Training, Matches und Ferien», differenzierte er.

Sicher, es wäre vermessen, zu behaupten, das sei misslungen, doch bei der Viertelfinal-Niederlage in Wimbledon wurde eben auch offensichtlich, welche Risiken dieser Weg birgt. «Es war interessant: Es war das erste Mal, dass er Gegenwehr hatte. Anders als im Vorjahr spielte Roger abwartend, als es zählte», sagt Tennis-Experte Heinz Günthardt. «Er hatte nicht das gleiche Selbstvertrauen.»

Weniger Duelle mit den Rivalen

Selbstvertrauen, das er sich im Vorjahr in den Monaten vor dem Saisonhöhepunkt geholt hatte. Zum gleichen Zeitpunkt hatte er damals fünf Titel gewonnen, zwei mehr als nun. Und vor allem hatte er alle neun (!) Duelle gegen Spieler aus den Top Ten für sich entschieden.

Zwar ist die Bilanz mit 3:1 auch in diesem Jahr positiv, sie offenbart aber, wieso Federer nicht an die Leistungen aus dem Vorjahr hatte anknüpfen können: Ihm fehlten Erfahrungswerte aus den Duellen mit seinen grössten Rivalen. Auf Rafael Nadal traf er 2017 in den ersten vier Turnieren drei Mal und gewann immer. In diesem Jahr haben sich ihre Wege hingegen noch nicht gekreuzt.

Roger Federer (rechts) und Rafael Nadal trafen dieses Jahr noch nie aufeinander.

  


Dass ihm die Referenzwerte gegen die Weltbesten fehlen, ist nicht seine Schuld. Vieles hat mit Zufall zu tun, denn Federer hat in diesem Jahr mit 33 sogar ein Spiel mehr bestritten als im Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt. Es zeigt aber, dass der entschlackte Turnierplan eben auch eine Gratwanderung ist.

Gleichwohl verzichtete der Baselbieter auf eine Teilnahme in Toronto. Im Vorjahr hatte er auf der Jagd nach dem Weltranglistenthron in der gleichen Woche in Montreal den Final erreicht, sich dort aber am Rücken verletzt und damit seine Erfolgschancen in New York torpediert. Er scheiterte bereits in den Viertelfinals. Auch deswegen bestreitet er diesmal im Vorfeld nur ein Turnier, jenes in Cincinnati.

Hoffen auf Losglück

Sein Trainer Severin Lüthi sieht darin kein Problem. Elementar sei, dass sein Schützling frisch, motiviert und inspiriert sei. «In seinem Alter und mit seiner Erfahrung braucht er vor einem Grand-Slam-Turnier keine 25 Spiele mehr, um bereit zu sein», sagte er zum «Tages-Anzeiger».

Das mag stimmen, es gibt aber auch eine andere Interpretation: Jene, dass Federer in Cincinnati, wo er schon sieben Mal den Titel gewonnen hat, zwingend Gegner erster Güteklasse braucht, um bei den Ende August beginnenden US Open optimal vorbereitet antreten zu können. Dafür, so grotesk das auch klingen mag, braucht es auch ein wenig Losglück. Und das liegt ausserhalb von Federers Einflussbereich.