Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Vor 22 Jahren feierten mehr als 18 000 Tennisfans in den Genfer Palexpo-Hallen. Marc Rosset und Jakob Hlasek führten die Schweiz zum ersten Mal in der Geschichte in einen Final im Davis-Cup. Sportlich wars eine einseitige Begegnung, die Schweizer dominierten die Partie, gaben nur einen Satz ab. Schon nach dem Doppel war alles klar.

Und nun kehren die Schweizer an den Ort des grössten Erfolges im Mannschaftswettbewerb zurück. Zum Jubiläum, beim zehnten Auftritt in den Palexpo-Hallen, steht wieder ein Halbfinal auf dem Programm, diesmal gegen Italien. Und wieder strömen die Fans, 18 400 Tickets waren in kürzester Zeit weg. Die Zahlen aus dem Jahr 1992 schwanken, darum ist es durchaus möglich, dass es noch nie so viele Zuschauer wie ab Freitag bei einem Tennismatch in einer Halle hatte.

Gute Stimmung im Team: Federer unterhält auf Facebook die Fans mit einem Team-Selfie

Federer unterhält auf Facebook die Fans mit einem Team-Selfie

Freitag, 13.00: Federer (Sz/ATP3) - Bolelli (It/76), anschliessend Wawrinka (Sz/4) - Fognini (It/17). Samstag, 13.00: Federer/Wawrinka - Seppi (It)/Lorenzi (It). Sonntag, 12.00: Federer - Fognini, anschliessend Wawrinka - Bolelli. Verpassen Sie in unserem Liveticker keinen Ballwechsel!

Die Erwartungen sind riesig. Schon am Mittwoch, beim öffentlichen Training, stürmten rund 4000 Fans die Tribünen. Anschliessend schrieben sich vor allem Roger Federer und Stan Wawrinka die Finger wund. Erst nach knapp einer Stunde gab Federer auf, längst nicht alle Wünsche hatte er erfüllt.

«Die Vorfreude ist riesig», sagt Federer: «Das Stadion ist fest in Schweizer Hand, das ist einfach gigantisch.» Dass die Fans hinter ihm stehen, kennt er ja, erlebte es zuletzt beim US Open in New York wieder. Doch es sei schon ein Unterschied, ob es sich um ein gemischtes Publikum wie bei einem Turnier oder ein Heimpublikum, wie im Davis-Cup, handle.

«Die Euphorie ist da und mit dem Publikum gelingt es uns hoffentlich, die Italiener nervös zu machen», sagt Federer. Er startet gegen Simone Bolelli und möchte sein Team unbedingt in Führung bringen. Das nehme auch ein wenig Druck von Stan Wawrinka, der die zweite Partie gegen Fabio Fognini bestreitet.

«Mindestens ein Unentschieden, noch lieber aber ein 2:0 möchten wir nach dem ersten Tag stehen haben», betonen Federer und Captain Severin Lüthi.

Die Schweizer gehen als Favoriten auf den Platz. Sie strahlen Selbstvertrauen aus, wissen aber genau, wie schwierig die Aufgabe werden kann. Im April standen sie gegen den krassen Aussenseiter Kasachstan mit dem Rücken zur Wand, lagen am Samstag nach dem Doppel 1:2 zurück.

So stand es auch vor drei Jahren in Australien, als es gegen den Abstieg aus der Weltgruppe ging. «Diese Erfahrungen helfen uns auch», sagt Wawrinka. «Wir wissen, dass wir eine solche Partie noch drehen können.» Es sei wichtig, in solch einer Situation ruhig zu bleiben.

Vielleicht spielt ja einer der Helden von 1992 eine nicht ganz unwichtige Rolle. Marc Rosset zog bei der Auslosung nämlich den Ball mit dem Namen von Federer. Und das heisst, dass die Schweizer Nummer eins die Begegnung gegen Italiens Nummer zwei eröffnet.

Federer ist inzwischen nicht nur der Chef im Schweizer Team, sondern auch wieder die offizielle Nummer eins. Zuletzt hatte Wawrinka diese Rolle inne, auch wenn er immer betonte, dass sich an der langjährigen Hierarchie nichts geänderte habe.

2:0 für Federer

Zwei Mal standen sich Federer und Bolelli bisher gegenüber, zuletzt beim Davis-Cup 2009 in Genua. Mehr als vier Games hat der Italiener noch in keinem Satz gewonnen.

In den vergangenen Wochen zeigte die Nummer 76 der Welt gute Leistungen, schlug beim US Open mit dem Kanadier Vasek Pospisil die Nummer 46 und forderte den Spanier Tommy Robredo, Weltnummer 18, über fünf Sätze.

Beim Training hinterliess er von den Italienern den besten Eindruck und verdrängte immerhin Andreas Seppi, Nummer 48.

«Ich bin nicht wirklich überrascht», sagt Federer. Er habe durchaus mit Bolelli als Gegner gerechnet. Am Dienstag stand Federer erstmals beim Training in der Halle. «Die Bedingungen sind ähnlich wie in New York, aber die Bälle springen höher ab», vergleicht er.

Von daher müsse er sich schon ein wenig umstellen. «Die Spiele am Freitag im Davis-Cup sind immer ein wenig wie eine erste Runde in ein Turnier», sagt er. Ein guter Start sei schon hilfreich.

Darauf hofft natürlich auch Wawrinka. Legt der Kumpel Federer mit einem Sieg vor, dann spielt es sich auch für ihn wesentlich einfacher. Auch wenn er es nicht sagt, für ihn ist es sicher kein Nachteil, dass er das zweite Match bestreitet.

«Körperlich gibt es kein Problem», betont er. Eine ganz andere Frage ist, wie es bei ihm im Kopf aussieht. Nicht nur gegen Kasachstan, auch in New York spielte er nicht sein bestes Tennis. Er wollte es einfach zu gut machen, er verkrampfte.

«Dass ich meinen ersten Halbfinal im Davis-Cup bestreite, spielt keine Rolle, es war ja gegen Kasachstan auch schon mein erster Viertelfinal», sagt er. Eigentlich sei er immer nervös, wenn es um den Davis-Cup gehe.

«Aber der Captain und das Team stehen hinter mir, das hilft», betont er. Und schliesslich hat er ja auch schon bewiesen, dass er schon in der Lage ist, entscheidende Matches zu gewinnen.

Dazu fiel Federer noch ein, dass ja mit denselben Bällen wie beim Triumph von Wawrinka in Australien gespielt wird. Das sei ja mental auch hilfreich. Die Stimmung ist jedenfalls gut im Schweizer Team.

Der Einzug in den Final ist kein Selbstläufer, das wissen die Spieler, aber er ist auch nicht unmöglich. Ganz kurz bringt es Captain Lüthi auf den Punkt: «Am Ende zählen einfach drei Punkte.»

Wenn die dann auf der Schweizer Seite stehen, werden die Fans die Palexpo-Hallen wieder in ein Tollhaus verwandeln. So wie vor 22 Jahren.