US Open

Federer siegt mit Kraftakt: «Ich habe viel Liebe des Publikums gespürt»

Roger Federer zieht mit einem dramatischen 4:6, 3:6, 6:4, 7:5, 6:2 gegen Gaël Monfils in den US-Open-Halbfinal ein. Im vierten Satz wehrt der Schweizer zwei Matchbälle ab.

Wie im Wimbledon-Final bot Roger Federer seinen Fans am US Open Drama pur - diesmal mit dem besseren Ende für sich. Beim 4:6, 3:6, 6:4, 7:5, 6:2 im Viertelfinal wehrte er zwei Matchbälle ab und sprach danach von einem "sehr emotionalen" Sieg.

Genau 1200 ATP-Matches hatte Roger Federer bereits gespielt, als er am Donnerstagabend das Arthur Ashe Stadium in New York betrat - und noch immer erlebt er neue Emotionen, die auch bei ihm Gänsehaut auslösen. Knapp zweieinviertel Stunden später stand er an der Grundlinie, auf der anderen Seite des Netzes tigerte Gaël Monfils herum und die riesige Anzeigetafel zeigte 4:5 und 15:40 an.

Ein Moment, wie ihn auch ein Federer nicht alle Tage erlebt. Da er bereits zwei der drei vorangegangenen Sätze verloren hatte, sah sich der 33-jährige Basler zwei Matchbällen gegenüber.

Federer erzwingt das Glück

"Das ist ein sehr frustrierender Moment", erklärte er später den Medienleuten. "Du bist so nah dran, in die Garderobe zurückzukehren." Was die Journalisten oder Zuschauer in dem Moment dächten, gehe auch ihm durch den Kopf. Aber er müsse gleich wieder konzentriert sein. "Wenn dir die Leute vor einem Spiel 'viel Glück' wünschen, ist das der Moment, an dem du hoffst, dass es eintrifft."

Federer erzwang dieses Glück mit einem Punkt am Netz, bei dem Monfils einen schwierigen, aber machbaren Passierball verzog, und einem Vorhand-Winner. Er zog den Kopf aus der Schlinge und verwertete nach 3:20 Stunden seinerseits seinen ersten Matchball zum dramatischen Sieg, der ihn in den Halbfinal des US Opens einziehen liess.

Vergessen war, dass er zuvor nicht sein bestes Tennis spielte. Dass der Aufschlag und die Vorhand lange nicht gut funktionierten. Und dass der französische Showman, nur die Nummer 24 der Welt, aber mit Potenzial zu so viel mehr, für einmal kaum Konzentrationslücken gekannt hatte.

Zum neunten Mal dieses Kunststück

Federer drehte zum neunten Mal in seiner Karriere einen 0:2-Satzrückstand. Aus dieser Tatsache zog er viel Positives. "Ich weiss, dass ich mental für einen solchen Kampf bereit bin, und ich fühle mich auch körperlich sehr gut." Es sei ein genialer Moment, ein grosser Match in seiner langen Karriere. "Vielleicht mein schönster Sieg in den letzten zwei Jahren."

Monfils zeigte sich in der für ihn bitteren Niederlage als äusserst fairer Verlierer. Er bereue bezüglich der Matchbälle nichts, habe diese so gespielt, wie er es wollte. "Es ist schon eindrücklich, wie Roger ins Spiel zurückgekommen ist und das am Schluss super durchgezogen hat", sagte der Wahl-Waadtländer. "Und die Zuschauer haben ihm sehr geholfen; ich glaube, das hatte er nötig."

"Ich habe viel Liebe des Publikums gespürt", bestätigte der fünffache US-Open-Champion. "Die Fans gaben mir das Gefühl, dass auch sie an eine Wende glauben." Und natürlich schöpfte Federer auch aus den Comebacks der Vergangenheit Kraft.

In Erinnerung geblieben ist ihm vor allem der Final von 2005 in Miami, als er Rafael Nadal nach dem Verlust der ersten zwei Sätze noch niederrang. "Da hat sich meine ganze Karriere in einem Spiel gespiegelt. Der erste Satz war nicht schlecht, im zweiten habe ich nichts mehr verstanden, im dritten mich nach Breakrückstand zurückgekämpft, im vierten angefangen, besser zu spielen und im fünften dann wie im Traum."

Selber schon Matchbälle vergeben

Nach der harten Niederlage in fünf Sätzen im Wimbledon-Final gegen Novak Djokovic tue es natürlich gut, wieder einmal eine solche Partie zu gewinnen. Ausserdem kennt Federer gerade am US Open auch die andere Seite: 2010 und 2011 verlor er zweimal im Halbfinal gegen Djokovic, nachdem er selber zwei Matchbälle vergeben hatte.

Das für fünf Sätze nicht sehr lange Spiel hat nicht so viel Kraft gekostet, dass Federer im Halbfinal von heute Samstag physische Probleme haben sollte. "Ich fühle mich nur emotional etwas durchgewalzt", versicherte er in der Nacht auf Freitag. "Ich weiss aber, dass ich mental für den Halbfinal bereit sein werde."

Der Basler ist der älteste Halbfinalist am US Open seit Andre Agassi 2005 (der dann im Final gegen Federer verlor). Gegner ist überraschend nicht Tomas Berdych, sondern die Weltnummer 16 Marin Cilic. Der Kroate erreichte mit einem deutlichen Dreisatz-Sieg gegen Berdych seinen zweiten Grand-Slam-Halbfinal nach dem Australian Open 2010 (Niederlage gegen Murray). Federer hat gegen den 25-Jährigen alle fünf bisherigen Begegnungen gewonnen.

Im Jahresranking hat er bereits jetzt Rafael Nadal überholt und ist nun hinter Djokovic (der im anderen Halbfinal auf Wawrinka-Bezwinger Nishikori trifft) die Nummer 2. (si)

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1