In den letzten Jahren hatte Federer vor dem Australian Open jeweils ein Showturnier (Abu Dhabi) und ein ATP-Turnier (Doha) bestritten. Diesmal verzichtete er aus diversen Gründen auf eine Hauptprobe. Zum einen bestritt er im Dezember anlässlich seiner finanziell äusserst lukrativen Exhibition-Tournee durch Südamerika sechs Einzel gegen starke Gegnerschaft, zweitens will Federer heuer generell vermehrt trainieren und weniger Turniere bestreiten, und drittens ging ihm in den letzten beiden Jahren am Australian Open jeweils im Halbfinal (2011 gegen Novak Djokovic, 2012 gegen Rafael Nadal) die Puste aus.

Weil Federer seit zwei Monaten und der Final-Niederlage am Masters in London gegen Novak Djokovic keinen Ernstkampf mehr bestritten hat, ranken sich vor dem Turnierbeginn in Melbourne noch Fragen um seinen Formstand – ähnlich wie vor einem Jahr, als ihn nach einer Aufgabe in Doha der Rücken gezwickt hat. Federer versichert zwar, dass er ausgesprochen hart trainiert und sich von der strapaziösen letzten Saison vollständig erholt hat, aber ein ausgiebiger Anlauf ins Turnier wird ihm diesmal nicht gegönnt. Schon nach dem Startspiel gegen den Franzosen Benoit Paire (ATP 43), den er im Herbst an den Swiss Indoors souverän geschlagen hat (6:2, 6:2), muss Federer in der ersten Turnierwoche in jeder Runde auf der Hut sein. Sein Parcours könnte über Nikolai Dawydenko (2. Runde), den Finalisten von Doha, und über Bernard Tomic (3. Runde) führen, der am Hopman Cup in Perth Novak Djokovic in zwei Sätzen bezwungen hat.

Raonic, Tsonga – und Murray?

Will Federer erstmals seit 2010 im Melbourne Park wieder den Final erreichen, müsste er in der zweiten Woche drei weitere Partien gewinnen, möglicherweise gegen Milos Raonic (Achtelfinal), Jo-Wilfried Tsonga (Viertelfinal) sowie Olympiasieger und US-Open-Champion Andy Murray (Halbfinal). Es bietet sich dem Schweizer also schnell Gelegenheit, umgehend wieder Selbstvertrauen zu tanken. Federers Moral dürfte sich nicht mehr auf dem gleich hohen Level befinden wie vor einem Jahr. Damals stieg er nach einem leistungsmässig phänomenalen Herbst mit sieben aufeinanderfolgenden Siegen gegen Top-10-Spieler als Co-Favorit neben Djokovic in die neue Saison. Bis im Sommer eroberte er sich prompt den Nummer-1-Status in der Weltrangliste zurück. Im Herbst gewann Federer gegen Top-10-Gegner aber bloss noch drei von acht Partien. Djokovic und Murray dominierten gemeinsam die zweite Saisonhälfte.

Dennoch wird Federer in Australien mit im Fokus stehen. Er ist der beliebteste Sportler in Australien; lautstarke Unterstützung ist ihm selbst in einem allfälligen Drittrundenspiel gegen den australischen Youngster Bernard Tomic gewiss - wie im Vorjahr, als sich Federer und Tomic im Achtelfinal gegenüberstanden. Federer: «Die Vorbereitung auf das Australian Open sah diesmal etwas anders aus als in den letzten Jahren. Aber ich fühle mich frisch. Novak Djokovic ist aus meiner Sicht der Topfavorit auf den Turniersieg. Aber ich bin überzeugt, dass ich selber auch ein sehr gutes Turnier spielen werde.»

Mit weniger Matchpraxis als gewohnt reiste nicht nur Federer, sondern auch Stanislas Wawrinka nach Melbourne. Der Romand legte in den letzten Jahren jeweils einen Blitzstart in die neue Saison hin, scheiterte diesmal aber an seinem einzigen Vorbereitungsturnier in Chennai (Ind) schon im zweiten Einzel an Aljaz Bedene (Sln), der Nummer 86 der Welt. Wawrinka sollte sich hingegen länger als Federer «einspielen» können. Der Romand beginnt gegen einen Qualifikanten und trifft danach entweder auf den Deutschen Tobias Kamke (ATP 86) oder den Italiener Flavio Cipolla (ATP 94). In den Achtelfinals könnte es Wawrinka aber mit Djokovic zu tun bekommen.

Djokovic vor Bewährungsprobe

Der Weltranglistenerste aus Serbien dominierte in den letzten Jahren am Australian Open. Er triumphierte in drei der letzten fünf Jahre und besiegte dabei alle seine grossen Rivalen (Federer, Murray, Nadal). Djokovic greift am Australian Open nach dem Titel-Hattrick, den seit Roy Emerson (1963 bis 1967) keiner mehr geschafft hat. «Ich stehe vor einer grossen Herausforderung», sagt Djokovic. «Aber ich freue mich auf das Turnier. In Melbourne gelang mir vor fünf Jahren mit dem Halbfinalsieg über Roger Federer der grosse Durchbruch. Das Australian Open ist das Turnier, an dem ich in meiner Karriere bislang mit Abstand am besten abgeschnitten habe.»

Bei den Frauen führt Vorjahressiegerin Viktoria Asarenka die Setzliste an. Erstmals seit 15 Jahren, damals Pete Sampras und Martina Hingis, kehren beide Titelhalter als Nummern 1 der Welt ans Australian Open zurück. Als Top-Favoritin gilt hingegen Serena Williams, die mit Abstand beste Tennisspielerin der Gegenwart. Die 31-jährige Amerikanerin belegt in der Weltrangliste nur Platz 3, weil sie 2012 deutlich weniger als Asarenka und Scharapowa gespielt hat. Seit dem US Open wurde Serena nicht mehr besiegt. In Australien gelang ihr mit dem Turniersieg in Brisbane die Hauptprobe auf das erste Grand-Slam-Turnier der Saison. Mit dem Gewinn des Australian Open würde Serena Williams die Führung in der Weltrangliste zurückerobern.

Angst vor der grossen Hitze

Das Thema vor Turnierbeginn ist die australische Sommerhitze. In Melbourne kletterte das Thermometer zwar nicht gleich in die Höhe wie in Sydney. Allerdings prognostiziert der staatliche Wetterdienst nach einer Abkühlung abermals heisse Tage. Temporär wurden für Südaustralien für nächste Woche gar Temperaturen von bis zu 54 Grad vorausgesagt. Der Wetterdienst führte dafür zwei neue Farben – violett und pink – auf seiner interaktiven Wetterkarte ein. Nach neustem Stand sollten die bisherigen orangen und roten Farbtöne nun aber doch ausreichen. Das Australian Open wird der Hitze trotzen können. Mittlerweile sind drei Stadion-Plätze überdacht und klimatisiert. Auf den Aussenplätzen würden Partien bei zu grosser Hitze in die Abendstunden verschoben.