US Open
Federer: «Ich dachte, ich gehe heute raus und schaffe es»

Nach der Vierelfinal-Pleite gegen Tomas Berdych ist Roger Federer schwer getroffen. «Das ist eine herbe, ganz bittere Enttäuschung», sagte er nach dem Out. «Ich hatte so einen unglaublichen Sommer. Ich dachte, ich gehe heute raus und schaffe es».

Jörg Allmeroth, New York
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Roger Federer: «Das ist eine ganz bittere Enttäuschung»
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Ungewohntes Bild und auch etwas verkehrte Welt: Verlierer Federer gratuliert Sieger Berdych.
Federer winkt zum bitteren Abgang
Tomas Berdych feiert seinen Triumph
Sein Bezwinger Tomas Berdych strozte vor Kraft
Federer beim Aufschlag
Fante für Roger: Pippa Middleton, die schöne Schwester von Prinzessin Kate.
Bald als Botschafterin in der Schweiz? «Vogue»-Chefin Anna Wintour.

Roger Federer: «Das ist eine ganz bittere Enttäuschung»

Keystone

Als Roger Federer mit hängenden Schultern aus dem geliebten Arthur-Ashe-Stadion schlich, warf er noch einen verstohlenen Blick zur Anzeigetafel. Auf der erschien sein Bezwinger Tomas Berdych, ein Mann in der Leichtigkeit des Seins und in grenzenlosem Siegerstolz. Wild tanzte der Tscheche über den Centre-Court, ging kurz, überwältigt vor Freude, in die Knie. Als er auch noch in einer aggressiven Pose die Fäuste emporreckte wie ein Schwergewichtsboxer nach einem K.-o.-Schlag, wandte sich Federer schnell ab.

Er hatte genug von diesem Abend. Es war vorbei in New York. So früh wie seit neun Jahren nicht mehr. «Das ist eine herbe, ganz bittere Enttäuschung», sagte Federer nach seinem 6:7 (1:7), 4:6, 6:3, 3:6 im Viertelfinal, «ich hatte so einen unglaublichen Sommer. Ich dachte, ich gehe heute raus und schaffe es.»

Kleiner Weltuntergang

Doch nichts war Roger in dieser Turnier-Nacht, in der Federer, der König der Spätvorstellungen und Late Shows, erstmals unter den gleissenden Flutlichtstrahlern der grössten Tennisarena der Welt verlor – und damit erstmals seit 2003 nicht mehr am grossen Finalwochenende im Big Apple dabei ist.

«Die Niederlage trifft mich schon hart», sagte der Eidgenosse, der in seinen 21 Abendmatches alle Rivalen abserviert hatte. So angezählt und geknickt stellte sich der ausgebremste Federer später dem Reportertross, dass Ex-Superstar John McEnroe feststellte: «Es sieht aus, als ob das ein kleiner Weltuntergang für Roger wäre.»

Da wunderte nicht, dass Federer auch die generöse Frage nach einer «Bilanz der doch erfolgreichen Saison» kühl retournierte: «Ich habe hundert Mal gesagt, dass das erstaunlich war. Aber heute habe ich verloren. Und das ist, woran ich gerade denke.» Statt Federer trifft nun Berdych auf Olympiasieger Andy Murray, der sich gegen den Kroaten Marin Cilic in vier Sätzen durchsetzte.

Blitzschlag aus heiterem Himmel

Auch wenn es nicht in den Kontext seines beinahe magischen Aufstiegs in den letzten zwölf Monaten hineinpasste: In New York erlebte Federer ein weiteres Kapitel des sportlichen Abschwungs. 2004 bis 2008 hatte er die Meisterschaften in seinem eisernen Griff gehabt und fünf Titelkampagnen von erlesener Qualität produziert. 2009 gab er aber das Endspiel nach einer 2:1-Satzführung gegen den Argentinier Juan Martin del Potro aus den Händen, 2010 und 2011 verlor er jeweils den Halbfinal nach zwei vergebenen Matchbällen gegen Novak Djokovic. Und nun das Viertelfinal-Ende gegen Berdych, trotz aller Potenziale des unwägbaren Weltranglisten-Siebten ein Blitzschlag aus heiterem Federer-Himmel. «Was kann ich sagen: Das ist einfach hart zu verdauen jetzt», sagte Federer, «ich hatte mir hier grosse Chancen auf den Titel ausgerechnet.»

Doch im Schlaghagel des wie berauscht aufspielenden Berdych war Federer nur der zweitbeste Mann – immer der Führung des Tschechen hinterherlaufend, immer nur reagierend. Und immer in der Defensive, auch wenn er mit aller Macht selbst die Offensive suchte. «Wenn du ständig hintendran bist, wird es wahnsinnig schwer», sagte er. Nüchtern gab der 31-Jährige zu Protokoll: «Du musst in solchen Spielen dein ganzes Repertoire zeigen, das Bestmögliche. Und das ist mir nicht gelungen.»

Davis Cup? «Das wird man sehen»

Jedenfalls nicht so hartnäckig wie Berdych. Einer, bei dem man nie weiss, ob ein Hauptpreis in der Ziehung rausspringt oder eine Niete. An diesem 5. September war er jedenfalls auf der Höhe seiner Kunst. Mit federleichten Schwüngen, starken Aufschlagserien und selten guten Nerven diktierte er dem Maestro seinen Willen auf. Den wegweisenden Tiebreak in Satz eins gewann er 7:1, Federer wirkte konsterniert. Und so geschockt, dass ihm auch Satz 2 schnell verloren ging. Nur für eine knappe halbe Stunde keimte bei den Parteigängern des Schweizers Hoffnung auf, das war, als er mit 19 von 24 gespielten Punkten ein 1:3-Defizit im dritten Satz in ein 6:3 verwandelte. A

ber Berdych wehrte die Attacke wie ein überlegener Ringkämpfer ab, der einen zufälligen Kinnhaken abbekommen hat, sich kurz durchschüttelt und dann weiter macht in seinem Programm. «Ich hatte nie wirklich das Gefühl, dass ich verlieren würde», sagte er.

Und Federer? Der sagte etwas fahrig, er müsse nun «erst mal überlegen», welche Ziele er in dieser Saison noch verfolgen wolle. Platz eins um jeden Preis verteidigen, Davis Cup spielen? «Das wird man sehen», sagte er. Unstrittig will er allerdings daheim gewinnen, in Basel, und auch beim Masters in London.