Tennis
Federer: «Früher machte es mir auf dem Platz viel mehr Spass»

Am kommenden Montag startet das vierte Grand-Slam-Turnier des Jahres - die US Open. Roger Federer wird als grosser Turnier-Favorit gehandelt. Doch vor dem Turnier gab er einem US-Magazin ein aussergewöhnlich persönliches Interview.

Drucken
Teilen
Roger Federer spielt wieder mit viel Selbstvertrauen.

Roger Federer spielt wieder mit viel Selbstvertrauen.

Keystone

Roger Federer feierte am 8. August seinen 33. Geburtstag – und noch immer zählt er zu den besten Spielern auf der Tennistour. Und nachdem für die am Montag beginnenden US Open der Spanier Rafael Nadal verletzungsbedingt absagen musste und Novak Djokovic schwächelt, glauben viele Tennisexperten an einen Turniersieg Federers in Flushing Meadows.

Doch vor dem Turnier hat er sich wieder einmal Zeit genommen für ein Einzel-Interview, von denen er nur noch wenige gibt. Dieses gab er dem US-Magazin «Sports Illustrated» in einem Hotel in Toronto.

Federer, der während des Interviews einen Espresso und ein Glas Wasser mit Kohlensäure trinkt, gibt aussergewöhnlich viel Persönliches von sich Preis. «Ich kann nicht glauben, wie alt ich schon bin. Die Zeit rennt und verstreicht zu schnell auf der Tour», sagt er.

Federer über das Reisen:

«Es ist immer wieder ein Test aufs Neue: Würde ich lieber zu Hause bleiben, oder bin ich glücklich, wenn ich unterwegs bin? Es ist grossartig, dass ich mich in meiner Heimat für eine kurze Zeit zurückziehen kann. Ich liebe die Schweiz. Wir hatten eine gute Zeit und haben Freunde getroffen. Aber dann lieben wir es auch immer wieder, zu packen und die Reisen auf uns zu nehmen. Wir sehen stets das Positive. Die Organisation ist die grösste Herausforderung.»

Federer über die Motivation:

«Früher machte es mir auf dem Platz viel mehr Spass. Da gewann ich auch fünf bis zehn Turniere pro Jahr. Ich vermisse es, nicht mehr jedes zweite Turnier zu gewinnen. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Aber trotzdem fühle ich mich heute mit vier Kindern und meiner Frau glücklicher. Ich bin nicht mehr so stark gestresst und muss niemandem mehr etwas beweisen.

Federer über seine Jugendjahre:

Zwischen 16 und 21 Jahren musste ich mich manchmal stark bemühen, den Spass am Tennis nicht zu verlieren. Ich wollte oft nicht mehr trainieren oder dann spielte ich 45 Minuten und fühlte mich total platt. Oder dann stand ich morgens um neun Uhr auf dem Platz und lag bei einem Spiel 1:6, 1:4 zurück, währenddem ich mich fragte: 'Warum tust du das eigentlich'? Bis ich mir dann sagte: 'Ich vergeude keine Zeit mit solchen Trainings, ich will das nicht mehr tun, ich will jetzt professionell arbeiten.'»

Federer über die Balance zwischen Vaterfreuden und Tennisprofi:

«Es hat grosse Auswirkungen auf dein persönliches Leben. Du denkst nur noch an deine Kinder, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Wenn ich alleine unterwegs bin, vermisse ich meine Familie sehr, es fühlt sich sehr seltsam an. Auf der anderen Seite weiss ich, dass es nicht möglich ist, stets mit ihnen zu sein. Das ist aber auch in Ordnung. Ich bin glücklich, dass ich die Balance gefunden habe und es mich nicht vom Tennissport weggezogen hat. Das war die erste Befürchtung vor fünf Jahren, als wir zum ersten Mal Eltern wurden: Bringen wir alles unter einen Hut? Ich dachte bereits, dass ich ab sofort rund 30 Prozent meiner Planung streichen müsste. Aber es ist alles eine Frage der Organisation.»

Federer über die Sozialen Medien:

Heute scheint die Social-Media-Arbeit wichtig zu sein. Ich begann zögerlich mit Facebook, dann folgte Twitter. Es brauchte eine Menge Überzeugung, denn ich verstand die Idee dahinter nicht. Alle brauchen die Sozialen Medien unterschiedlich, die einen als Informationsplattform über sich selber, die anderen als Einblick in das Privatleben, wie etwa «Schaut, ich trinke gerade einen Espresso», was ich übrigens sehr speziell finde. Dann sagte ich mir: Ich tue es, wenn ich mich selber bleibe. Meine Idee war, den Leuten etwas zu geben, das sonst niemand erfährt. Poste etwas, dass die Fans zuvor nicht wussten. Heute lieben die Leute was ich auf den Sozialen Medien veröffentliche, das ist eine nette Geschichte.»

Federer über sein Heimatland Schweiz:

Die Schweiz ist ein sehr interessantes Land wegen der vier verschiedenen Sprachen, die wir sprechen. Ich lebte schon an verschiedensten Orten in der Schweiz, und überall war es unterschiedlich. In jeder halben Stunde, die du fährst, wechseln dauernd die Akzente. Ich würde nicht behaupten wollen, die Leute wären verschieden, aber trotzdem ist es nicht einfach, wer denn die wahren Schweizer sind. Aber es ist ein grossartiges Land, um aufzuwachsen. Ich bekam den Frieden, den ich brauchte. Ich war ein glücklicher Junge. Die Schweiz ist sehr unterstützend, die Leute verlieren den Support nie. Wenn du etwas Grossartiges leistest, halten dich die Schweizer auf dem Boden. In der Schweiz werden alle gleich behandelt. Ich liebe das an der Schweiz. Gleichzeitig fragst du dich, warum können wir Schweizer nicht euphorischer sein? Warum können wir nicht einmal so richtig verrückt werden, wenn wir etwas Gutes geleistet haben?

Federer über seine Zukunft:

«Ich freue mich, die Sportarten wieder ausüben zu können, die ich in meiner Aktivzeit stilllegen musste, wie etwa Squash, Badminton, Basketball, Fussball oder Skifahren. Aber ich will mich nicht total vom Tennissport verabschieden. Tennis hat mir so viel gegeben, all diese Möglichkeiten, die Welt zu erkunden und all diese coolen Sachen zu machen. Ich habe mir eine Karriere, wie ich sie erleben durfte, nicht in den kühnsten Träumen vorgestellt. Ich werde dem Tennis bestimmt irgendwie erhalten bleiben, nicht zuletzt auch aufgrund meiner Foundation. Aber soweit will ich noch gar nicht denken. Umso mehr du an das Leben nach der aktiven Tenniskarriere denkst, desto näher bist du auch am Karriereende. Und dort will ich noch gar nicht sein.» (nch)

Aktuelle Nachrichten