Tennis

Federer: «Es tut weh, es ist wie ein schlechter Traum»

Novak Djokovics Hammerschlag bei Matchball Federer

Novak Djokovics Hammerschlag bei Matchball Federer

Roger Federer sagt nach der Niederlage gegen Novak Djokovic: «Ich hätte gewinnen sollen». Die Frage jedoch soll berechtigt sein: Wie gut kann der «King of New York» seine brutalste Niederlage verarbeiten?

Im grossen Interviewsaal des Arthur-Ashe-Stadions hatte Roger Federer seine Baseballkappe so tief ins Gesicht geschoben, dass man seine grimmige Miene zunächst kaum sehen konnte.

Doch als dann gleich zu Beginn des Frage-und-Antwort-Spiels jemand von ihm wissen wollte, wie er sich denn nun fühle nach dieser denkwürdigen, kaum fassbaren Niederlage am «Super Saturday» der US Open, da liess der Baselbieter mit nüchterner Präzision nicht den geringsten Zweifel an seinem Gemütszustand: «Ich sitze hier als Verlierer, ich mache die Verlierer-Pressekonferenz», sagte Federer mit bitterer, leicht belegter Stimme, «ich kann einfach nicht glauben, was da passiert ist.»

Wiederholung des Vorjahresfinals

Doch an den Realitäten an diesem Schicksalstag war für Federer nicht zu rütteln: Zum zweiten Mal binnen zwölf Monate verlor der 30-jährige Schweizer einen nervenzehrenden
US-Open-Tenniskrimi gegen den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic nach zwei vergebenen Matchbällen – in einem jähen, mehr als frustrierenden Umschwung auf der Zielgeraden.

«Es ist ernüchternd. Es ist komisch. Es tut weh. Und es ist ein wenig wie ein schlechter Traum», sagte Federer nach der 7:6 (7:5), 6:4, 3:6, 2:6, 5:7-Halbfinalpleite. Statt einer sentimentalen Rückkehr des «King of New York» auf den Tennisthron im Big Apple erlebt das letzte der vier Major-Turniere nun eine Wiederholung des Vorjahresfinals zwischen Djokovic und Titelverteidiger Rafael Nadal. Der spanische Matador besiegte im zweiten Halbfinal den Briten Andy Murray souverän mit 6:4, 6:2, 3:6 und 6:2.

5:3, 40:15 in Führung – bei eigenem Aufschlag

Doch der fatale Abgang des einstmaligen Tennis-Weltenherrschers Federer lieferte am verlängerten Finalwochenende – der Männerfinal findet heute, 22 Uhr, Schweizer Zeit statt – erst einmal den meisten Gesprächsstoff.

5:3 und 40:15 hatte Federer im fünften Akt einer mitreissenden Grand-Slam-Achterbahnfahrt geführt, als Djokovic nach einem keineswegs schlechten Service Federers der Schlag seines Lebens gelang – ein Return im Formel-1-Tempo, der die rechte Seitenlinie Federers touchierte und im Nachhinein den Untergang des 16-maligen Grand-Slam-Champions einleitete.

Ein ins Aus plumpsender Netzroller von Federer führte danach zum unglücklichen Einstand und dann schaffte Djokovic das 4:5, das 5:5, das 6:5 und 7:5 in einem wahren Spielrausch, wie eine echte Nummer eins.

Erstmals seit 2003, also seinem Aufstieg in die Weltspitze, konnte Federer nun keinen Grand-Slam-Titel in der Saison erstreiten. Ohne Erfolgserlebnis bei einem der vier Majors ist Federer allerdings sogar noch etwas länger, nämlich seit den Australian Open 2010.

Was sich inzwischen wie ein sehr hartnäckiges Muster durch grosse Spiele auf wichtigen Bühnen zieht, ist die Problematik, wie früher die absoluten Big Points für sich zu entscheiden. Und kaum hat Federer einmal die verlockenden Siegmöglichkeiten ausgelassen, bricht sein Selbstbewusstsein weg. «Ich hatte alles perfekt vorbereitet, ich hätte gewinnen sollen», sagte Federer.

Roger Federer und die immer weniger Gewissheiten

Wo sich die Tennishierarchie in den letzten Monaten grundlegend verändert hat, mit Djokovic als neuem Regenten mit enormer Autorität und Willensstärke, gibt es bei Federer immer weniger Gewissheiten. Nach 182 Grand-Slam-Spielen, in denen er niemals eine 2:0-Satzführung vergeben hatte, schied er nun zwei Mal hintereinander bei Major-Wettbewerben nach eben einem solchen Vorsprung aus – im Viertelfinal von Wimbledon gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga und nun in New York gegen Djokovic.

«Sport kann eben auch brutal sein. Deshalb lieben wir ihn so sehr», sagte Federer hinterher. Man hatte ihm in New York, speziell nach den letzten Glanzauftritten vor dem Halbfinal, tatsächlich wieder den grossen Coup zugetraut, dem Sieger der Turniere zwischen 2004 und 2008 – doch schliesslich fügte sich sein Abschied nur in eine Serie von Turnierfrustrationen im Jahre 2011. Nur ein Titel, in Doha, das ist Federers magere Saisonbilanz soweit.

Bei den Australian Open im Januar 2012 könne sich die Konkurrenz auf einen «extrem ehrgeizigen, hungrigen Mann» einstellen, sagte Federer später.

Doch zunächst einmal muss er in einer wenig schillernden Mission den beschwerlichen Trip ans andere Ende der Welt antreten – in der Davis-Cup-Relegation gegen Hewitt und Co. soll Federer ab Freitag schon wieder in Sydney aufschlagen. «Vielleicht», so der 30-Jährige, «kann ich da ja meinen Frust abarbeiten.»

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