Tennis
Experten schreiben Federer nicht ab – aber: «Er hat sich schon besser bewegt»

Verliert Roger Federer gegen Unterklassige, ist dies nach wie vor eine Überraschung. Trotzdem: Ist das bald das Ende? Experten schreiben Roger Federer nach dem Wimbledon-Aus nicht ab, auch wenn dem Tennis-Maestro das Selbstvertrauen fehle.

Michael Wehrle, Wimbledon
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Roger Federer scheitert in Wimbledon bereits in der zweiten Runde
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Federer ratlos
Stachowski lässt sich nach dem Sieg vom Publikum feiern
Stachowski im Hoch
Roger Federer scheitert in Wimbledon bereits in der zweiten Runde
Roger Federer scheitert in Wimbledon bereits in der zweiten Runde
Roger Federer scheitert in Wimbledon bereits in der zweiten Runde
Roger Federer scheitert in Wimbledon bereits in der zweiten Runde

Roger Federer scheitert in Wimbledon bereits in der zweiten Runde

Keystone

Als Zwischenjahr hat Roger Federer diese Saison bezeichnet. Und das mit knapp 32 Jahren.

Immer wieder legt er längere Pausen ein. Unerwartet kommt er nach seiner frühen Pleite in Wimbledon zu zehn weiteren freien Tagen. Die will er nutzen.

«Das gibt mir die Möglichkeit zu 20 bis 30 Stunden Training auf höchstem Niveau, das kann mir guttun», sagt er. Er habe keine Probleme, sich neu zu orientieren, den Plan umzustellen.

«Er hat sich schon besser bewegt», analysiert Ex-Profi Heinz Günthardt die Partie von Federer gegen Sergej Stachowski. Meist hätten Federer ein paar Zentimeter gefehlt, um hinter den Ball zu kommen und mehr Druck auf dem Schläger zu haben.

«Er ist etwas langsamer geworden, kommt immer einen Viertelschritt zu spät», findet der dreimalige Wimbledonsieger John McEnroe.

«Für mich ist nicht die Niederlage das Thema, sondern wann muss Federer dem Alter Tribut zollen?», sagt Günthardt. Allerdings sei ein Tommy Haas mit seinen 35 Jahren noch topfit.

«Aber das ist eine Frage der Motivation», sagt Günthardt.

Federer müsse gegenüber früher umstellen, da er öfters früher ausscheide, so weniger Matches spiele.

Diese Zeit müsse er ins Training investieren. Wenn er mehr Training brauche, stelle sich die Frage, was er dafür aufgebe.

«Die jungen Spieler werden immer besser, wenn er stehen bleibt, überholen sie ihn schnell», sagt Tim Henman, der viermal im Halbfinal von Wimbledon stand. Es werde nicht einfacher und Federer werde nicht jünger.

«Aber er wird arbeiten und kann noch einen Grand-Slam-Titel holen, diese Niederlage ist nicht sein Ende», findet Henman.

«Ich bin überzeugt, dass Federer noch zwei, bis drei Jahre hier gewinnen kann», stimmt ihm der siebenfache Grand-Slam-Sieger Mats Wilander zu.

Federer liebe das Spiel und er sehe bei ihm noch die Leidenschaft. «So eine Niederlage kann passieren, denn Stachowski spielte unglaublich», sagt McEnroe.

Das Selbstvertrauen fehlt

Wie Henman glaubt auch Günthardt, dass Federer nicht mit dem absoluten Selbstvertrauen spielte. Von daher komme auch Federers grösste Schwäche in dieser Partie: der Return.

«Er hat zu wenig präzis retourniert, somit Stachowski beim Volley nicht aus der Balance gebracht und er hat zu wenig Raum abgedeckt», erklärt Günthardt.

Stachowski habe sich deshalb beim Volley immer in seiner Komfortzone bewegt und sei noch sicherer geworden. Andererseits sei Federer beim Return aus seiner Komfortzone gerutscht.

«Für mich ist komisch, dass er den Lösungsweg nicht gefunden hat», sagt Günthardt.

95 Prozent der Returns habe er dem Gegner auf die Rückhand zum perfekten Volley gespielt. Und das habe mit Selbstvertrauen zu tun. Der Instinkt, den Aufschlag des Gegners zu lesen, gehe verloren.

«Das passiert jedem Champion einmal: Instinkt und Automatismen gehen verloren», sagt Günthardt. «Dann häufen sich die Fehler.»

Federer habe zuletzt immer sehr gut gespielt, wenn er sich direkt einen Vorsprung erarbeitet habe.

Sobald ein Gegner aber dran bleibe und er mehr arbeiten müsse, begehe er mehr Fehler als zu seinen besten Zeiten.

Auch gegen Stachowski habe er bei wichtigen Punkten teilweise überhastet die Bälle geschlagen oder komische Entscheidungen getroffen, fast panisch reagiert.

Dazu komme, dass er den Nimbus des Unschlagbaren verloren habe. «Früher galt es ja als Majestätsbeleidigung, wenn einer nur gesagt hat, er rechnet sich eine Chance aus», blickt Günthardt zurück. Das sei vorbei.

Das Potenzial sei bei Federer zweifellos noch vorhanden. «Es abzurufen, ist schwierig, betont Günthardt.

«Wenn das Selbstvertrauen fehlt, geht der Instinkt verloren, du glaubst du bist langsamer und dadurch wirst du wirklich langsamer», erklärt er.

«Doch vielleicht geht plötzlich der Knopf wieder auf, so wie bei Pete Sampras», sagt er. Der unterlag vor elf Jahren dem Schweizer Aussenseiter George Bastl in der zweiten Runde von Wimbledon und gewann im Herbst das US Open.