Als Angelique Kerber im Schein der Flutlichter das Arthur Ashe Stadium betrat, da hatte sie die schwerste Hürde bereits genommen. Denn Serena Williams, ihre grosse Widersacherin, war kurz zuvor in ihrer Halbfinalpartie der US Open überraschend an der Tschechin Karolina Pliskova mit 2:6 und 6:7 gescheitert.

Das bedeutete für Kerber: Ab Montag wird sie als neue Nummer 1 der Frauenweltrangliste geführt. Davon träumte Kerber, seit sie ein Kind war. Nun hatte sie es mit 28 Jahren geschafft, als erst zweite Deutsche in der Tennishistorie nach Steffi Graf.

Aber Kerber wollte die Gedanken daran wegdrücken. Beim Aufwärmen für ihr Halbfinal-Duell mit Caroline Wozniacki hatte sie die letzten Ballwechsel von Williams’ Match verfolgt. Und «bis zum Schluss nicht geglaubt, dass Serena wirklich verliert», erzählt Kerber später. Doch die grosse Titelfavoritin und seit 186 Wochen dominierende Regentin der Frauentour verlor. Mit schwacher Leistung und schmerzendem Knie. «Das war in dem Moment alles zu viel für mich», gab Kerber zu, «ich wollte mich nur noch auf mein Match konzentrieren.» Und das aus gutem Grund, denn nun stand die Norddeutsche noch mehr unter Druck: «Ich wollte auf keinen Fall mit einer Niederlage die Nummer 1 werden.»

Das Vorhaben gelang. Kerber gewann sogar sehr souverän mit 6:4 und 6:3 gegen die Dänin. Und nun liess sie ihre Freude endlich heraus und teilte sie mit den 22 000 Fans im Stadion. «Es ist ein unglaubliches Gefühl, endlich ist der Tag da», sprudelte es aus Kerber heraus: «Und es klingt toll, die Nummer 1 zu sein. Es ist eine Riesenehre, dass ich jetzt Steffi nachfolge. Ich denke, sie ist stolz auf mich.» Und mehr noch durfte Kerber selbst stolz auf den Einzug in ihr drittes Grand-Slam-Endspiel in dieser Saison sein. Sie hatte es allen bewiesen, dass ihr Triumph in Melbourne kein Zufall gewesen ist.

53 Siege hat Kerber nun 2016 auf dem Konto, weit mehr als jede andere. Sie hatte sich den Erfolg hart erarbeitet, war an den Rückschlägen der letzten Jahre als Spielerin und Mensch gewachsen, und ist jetzt mit 28 Jahren ganz oben angekommen. «Ich brauche sicherlich noch etwas, um alles zu verarbeiten», meinte Kerber, «aber mir bedeutet das alles sehr viel. Ich habe es schwarz auf weiss, dass ich die Beste bin – das kann mir keiner mehr wegnehmen.»

Kerber streckt sich erfolgreich nach einem Ball.

Kerber streckt sich erfolgreich nach einem Ball.

Die Zielscheibe auf dem Rücken

Doch ab sofort ist Kerber die Gejagte und dieses Gefühl kennt Wozniacki noch gut, als sie selbst 2010 und 2011 die Weltrangliste anführte. Der Dänin haftet jedoch der Makel an, ohne Grand-Slam-Titel keine würdige Spitzenreiterin gewesen zu sein. Kerber dagegen erfüllt die Norm. «Angie wird die Herausforderung sicher geniessen», glaubt Wozniacki, «jetzt hat sie die Zielscheibe auf dem Rücken und jeder will sie schlagen.» Allen voran Karolina Pliskova, und die Chancen stehen für die Überraschungsfinalistin auch gar nicht schlecht. Die 24 Jahre alte Tschechin hatte innerhalb der vergangenen Wochen alle drei aktuellen Grand-Slam-Siegerinnen geschlagen: Garbine Muguruza, Williams ... und Kerber.

Eine grosse Sache

Mit dem Sieg im Final von Cincinnati wäre die Kielerin vor zwei Wochen bereits die Nummer 1 geworden, aber Pliskova bezwang sie. «Mir steckten die harten Matches von Rio in den Knochen», sagte Kerber, «ich war richtig müde.» Die hochgewachsene Tschechin verfügt über einen der besten Aufschläge bei den Frauen. Mit Williams hatte sie nun gar die allerbeste Aufschlägerin ungerührt abserviert.

Die Fans hatten auf das direkte Duell zwischen Williams und Kerber um die Nummer 1 hingefiebert, das bleibt nun aus. Dennoch wird der Final für die Deutsche eine harte Aufgabe, zudem muss sie erstmals auch mit der Favoritenrolle klarkommen. «Ich denke, wir können beide diesen Final gewinnen», glaubt Pliskova, die Nummer 11 der Welt, «ich werde jedenfalls alles dafür tun. Für mich ist das eine grosse Sache.» Kerber möchte unbedingt die Revanche, aber mehr noch ihren neuen Status untermauern: als beste Tennisspielerin der Welt.