Vor einem Jahr, da hing der Himmel über Paris für die Schweizer Tenniskarawane wieder einmal voller Geigen: Stan Wawrinka stand im Final, Timea Bacsinszky in den Halbfinals, Martina Hingis im gemischten Doppel ebenfalls. Es war wie so oft in den letzten zwei Jahrzehnten: Wenn es zählte, dann spielten die Schweizer die erste Geige.

Nun macht man sich nicht verdächtig, wenn man dieser Tage die Prognose wagt, dass es in diesem Jahr anders aussehen wird. Es sind nicht gerade dunkle Wolken, die aufgezogen sind, aber der eine oder andere Misston begleitet die Schweizer schon.

Timea Bacsinszky

Timea Bacsinszky

Beispiel Stan Wawrinka. Der Romand musste sich im letzten Sommer zwei Mal am linken Knie operieren lassen, um einen Knorpelschaden zu beheben. Seine Rückkehr verlief harzig. Wawrinka war mehr mit sich selber und seinem Körper als mit Gegner und Spiel beschäftigt.

Ernüchternde Monate

Dazu fiel es ihm schwer, die Trennung von seinem langjährigen Trainer Magnus Norman zu akzeptieren. Sportlich gesehen verliefen die letzten Monate ernüchternd. Bis zu seinem Heimturnier in Genf kumulierte er nur drei Siege. Immerhin zeigte er bei den Geneva Open aufsteigende Tendenz.

Das gibt Gelegenheit, den Sport wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Zuletzt hatte Wawrinka sich mehrfach über mangelnden Respekt beschwert. Stein des Anstosses war die deutlich reduzierte Antrittsgage – die Rede ist von 80 000 statt wie bisher 500 000 Franken. Wawrinka sagt, es gehe ihm dabei nicht ums Geld, sondern ums Prinzip.

Er habe sich nie willkommen gefühlt. Umgekehrt stellt man sich die Frage, welches Interesse die Veranstalter haben sollen, sein Aushängeschild derart zu brüskieren. Trotz der Dissonanzen spielt Wawrinka in Genf, überraschend ist das nicht. Man braucht sich. Man arrangiert sich.

Arrogant oder selbstbewusst?

Man mag Wawrinkas Reaktion als Arroganz auslegen, schliesslich ist sein Marktwert deutlich gesunken. Doch es gibt auch eine andere Interpretation: Inzwischen strahlt Wawrinka wieder jenes Selbstbewusstsein aus, das ihm zuletzt gefehlt hatte. Das sind gute Voraussetzungen dafür, dass er den Anschluss an die erweiterte Weltspitze wieder schafft.

Zumal Norman wohl in seine Entourage zurückkehrt. Auch Severin Lüthi unterstützte ihn zuletzt. Die grösste Frage bleibt, wie das Knie auf die Belastungen eines Fünfsatzmatches reagiert. Nur der Ernstfall kann darauf Antworten liefern.

Antworten würde man sich auch von Belinda Bencic wünschen. Doch sie kann keine liefern. Sie weiss nicht, ob und wann sie sich von der Stressfraktur am linken Fuss erholt. 2013 hat sie in Paris das Turnier der Juniorinnen gewonnen.

Den Körper als Feind statt als Freund

Doch seither fühlt sie sich auf Sand nicht mehr wohl. Bencic ist erst 21-jährig, doch immer wieder ist sie verletzt. Mal ist es das Handgelenk, dann das Steissbein, die Adduktoren, die Handgelenke. Es muss schwer zu ertragen sein, dass der Körper in ihrem Alter mehr Feind als Freund ist.

Belinda Bencic

Belinda Bencic

Ähnliche Erfahrungen macht derzeit Timea Bacsinszky (28). Erst spielte die Vaudoise mit Schmerzmitteln, dann beschieden ihr Ärzte, Sehnen und Bänder am rechten Handgelenk seien derart beschädigt, dass sie ein Ende der Karriere in Betracht ziehen sollte.

So weit kam es nicht. Der Mailänder Chirurg Marco Lanzetta konnte helfen. Doch der Körper ist ein komplexes System, das schnell aus der Balance gerät. Als sich Bacsinszky in Marokko einspielte, zog sie sich einen Muskelfaserriss zu. Das ist nicht schlimm, doch die Häufung ist zermürbend.

Patty Schnyders Versäumnis

Obwohl sie als Nummer 148 der Welt die Qualifikation hätte bestreiten können, fehlt Patty Schnyder (39). Nicht aus Kalkül, sondern aus Nachlässigkeit: Sie verpasste die Meldefrist, eine Wildcard blieb ihr verwehrt. Die Chancen, sich fürs Hauptfeld zu qualifizieren, wären durchaus intakt gewesen. In Paris beendete sie 2011 erstmals ihre Karriere.

Vor zwei Jahren die Rückkehr in eine Welt, deren Fassade glitzert, die Abenteuer, Freiheit und Ruhm verheisst. Eine Welt aber auch, die an Oberflächlichkeit und Überhöhung schwer zu überbieten ist.

Kaum jemand kennt diese Schattenseiten besser als sie. Am Ende ihrer ersten Karriere bemühte sie sich nicht einmal mehr, zu verbergen, wie zuwider ihr dieses Treiben geworden war. Auch darum fragt man sich, wieso sie noch einmal zurückkehrte: Aus Langeweile? Aus Ehrgeiz? Weil sie nichts anderes kennt?

Patty Schnyder

Patty Schnyder

Nichts von dem trifft wirklich zu, die Antwort ist sehr viel banaler. Es war ihr ein Bedürfnis, ihrem Partner Jan und Tochter Kim Ayla die Welt zu zeigen, die sie geformt hat. Inzwischen stellt aber auch sie sich die Sinnfrage. Dem Vernehmen nach könnte Ende Jahr Schluss sein. Definitiv.

Es liegt an Roger Federer

Seit 2004 ist es nur einmal vorgekommen, dass kein Schweizer, keine Schweizerin die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht hat. Seither gab es bei 55 Grand-Slam-Turnieren 30 Titel. Klar, das liegt vor allem an ihm: Roger Federer.

Doch in seinem Schatten haben andere unvergessliche Kapitel zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen. Nun wird sichtbar, wie fragil dieses Fundament ist. Und es sind düstere Vorboten auf das, was die Zukunft wohl bringen wird: die Rückkehr in die Realität.

Und Federer? Der kehrt Mitte nach zweieinhalb Monaten Pause zurück. Er hat dann mit Wawrinka, Bencic, Bacsinszky und Schnyder eines gemein: Auch sein Himmel hängt dann voller Fragezeichen.

Roger Federer

Roger Federer