Bitterbös, beissend, bedauernd sind sie, die Kommentare zum nahenden Aus von Chris Kermode als Präsident der Profi-Spielervereinigung ATP. Es ende ein Regime von «Armut und Terror», schreibt einer zu einer Tabelle, die illustriert, wie stark die Preisgelder in den letzten Jahren in der Ära Kermode gestiegen sind. Gleichwohl beschloss das Direktorenboard, den auslaufenden Vertrag nach sechs Jahren nicht mehr zu verlängern. Trotz Opposition aus Spielerkreisen.

Als Drahtzieher hinter der Absetzung Kermodes gilt Novak Djokovic, der den ATP-Spielerrat präsidiert. Schon Anfang Jahr während der Australian Open hatte das Thema für Dissonanzen gesorgt. Während Djokovic die Absetzung Kermodes orchestrierte, beschwerte sich Rafael Nadal, dass er in der Sache gar nicht erst angehört worden sei. Kermode genoss in Spielerkreisen offenbar grossen Rückhalt. Doch gegen die Machtgier Djokovics konnte ihn das nicht schützen.

Von langer Hand geplant

Denn die Abstimmung im Spielerrat ist konsultativer Natur. Sie hat für die drei Spielervertreter, die sich einstimmig gegen Kermode ausgesprochen haben sollen, keine Bedeutung. Hier stellte Djokovic die Weichen im November, als er für die Absetzung von Roger Rasheed sorgte. Ersetzt wurde er durch David Edges, der als Vertrauter von Justin Gimelstob gilt, der im Board sitzt und der Ambitionen auf die Nachfolge Kermodes haben soll. Er ist ein Verbündeter Djokovics.

Dass er mit seinen Machenschaften einen Keil zwischen die Spieler treibt, scheint Djokovic nicht zu kümmern. Roger Federer, der ein Jahrzehnt dem Spielerrat angehörte, hatte auf die Frage von «CH Media» in Melbourne gesagt, ihm liege die Zukunft des Sports am Herzen und signalisierte Gesprächsbereitschaft. Doch Djokovic, dessen Aufgabe als Ratspräsident es wäre, die Interessen seiner Kollegen zu vertreten, hat auch mit ihm nie das Gespräch gesucht.

Angriff auf Federer und Nadal

In Indian Wells sagte der 31-jährige Djokovic: «Wir sprachen mit vielen Spielern und versuchen, sie zu repräsentieren. Aber es gibt individuelle Meinungen, und ich respektiere auch die von Rafa.» Heisst übersetzt: Djokovic mag Gespräche geführt haben, aber eben nur mit jenen, die seine Meinung teilen. Stattdessen setzte der Serbe zum Gegenschlag an, als er sagte: «Wenn sie (Nadal und Federer; die Red.) etwas wollen, können sie sich auch selber melden.»

Kolportierte 260 Millionen Franken erwirtschaften die Australian Open, 44 Millionen davon fliessen den Spielern in Form von Preisgeldern zu. Seit Kermodes Amtsantritt 2013 hat sich das Preisgeld verdoppelt. Gleichwohl erneuerte Djokovic seine Kritik, die Spieler würden nicht genug am Reibach partizipieren. Es gehe ihm nicht darum, mehr zu verdienen, sondern darum, dass mehr Menschen vom Tennis leben könnten, sagte er in Australien.

Djokovic plötzlich wortkarg

Zur Absetzung Kermodes wollte sich der sonst so redselige Djokovic nicht äussern und berief sich auf die «Vertraulichkeit» der Besprechungen und Abstimmungen. «Ich werde mich hier nicht für oder gegen ihn positionieren, denn das käme einem Bruch der Vertraulichkeit gleich.» Er bestätigte nur, dass der ATP-Spielerrat beschlossen habe, dass es Zeit sei, eine neue Führung zu suchen. Wer Kermodes Nachfolger wird, ist offen. Der Bewerbungsprozess beginnt demnächst.

Djokovic hat sein erstes Etappenziel erreicht, damit aber viele Kollegen gegen sich aufgebracht. Stan Wawrinkas Coach, Magnus Norman, schrieb: «Das ist ein trauriger Tag für das Tennis. Dieser Mann hat hervorragende Arbeit geleistet für die Spieler und die Turniere. Ich empfinde grossen Respekt vor ihm.» Kermode bewahrte Haltung. Es sei ein Privileg gewesen, für die ATP gearbeitet zu haben. Er werde seiner Arbeit bis zum Schluss mit Hingabe nachgehen.