Tennis
Djokovic oder Murray: Wer gewinnt die Australian Open?

Roger Federer und Rafael Nadal sind out. Novak Djokovic und Andy Murray bestreiten den Final in Australien. Eine neue Situation.

Rolf Bichsel, Melbourne
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Andy Murray (ATP5) bestreitet morgen den Final des Australian Open gegen Novak Djokovic. Der 23-jährige Schotte rang im Halbfinal den Spanier David Ferrer (ATP7) in 3:46 Stunden 4:6, 7:6 (7:2), 6:1, 7:6 (7:2) nieder.

Murray steht zum zweiten Mal hintereinander in Melbourne im Final – und zum dritten Mal an einem Grand-Slam-Turnier. Beinahe wäre Murrays Traum vom ersten ganz grossen Titel aber gegen Ferrer geplatzt. Der Spanier gewann den ersten Satz nach Breakrückstand mit 6:4 und führte im zweiten Satz mit 5:4/40:30.

Murray wehrte aber bei eigenem Aufschlag den Satzball ab und setzte danach zum Steigerungslauf an. «Ich realisierte nicht einmal, dass ich einen Satzball gegen mich hatte. Ich dachte, es stehe 3:4», so Murray. Ferrer gab die Partie aus der Hand, weil er seine Chance im zweiten Satz nicht nutzte, weil er neun der darauffolgenden zehn Games verlor und weil ihm beide Tiebreaks missrieten.

Murray schaffte im zweiten Satz die Wende

Sieger Murray erachtete es als entscheidend, dass er in der Schlussphase des zweiten Satzes endlich die richtige Bespannungshärte fand. Wie am Abend zuvor Roger Federer bekundete auch Murray Schwierigkeiten mit den unterschiedlichen Spielbedingungen. Murray: «Ich bestritt meine drei vorherigen Partien tagsüber. Während des Tages spielt sich der Platz viel schneller als am Abend. Erst nachdem ich die Bespannungshärte nach unten korrigiert hatte, bekam die ich Partie in den Griff.»

Morgen greift Murray nach dem ersten Grand-Slam-Titel für Grossbritannien seit 75 Jahren, seit den Siegen von Fred Perry 1936 in Wimbledon und am US Open. In den Direktbegegnungen gegen Djokovic liegt Murray 3:4 zurück; die letzten drei Partien gewann er aber alle in zwei Sätzen. Djokovic und Murray standen sich aber fast zwei Jahre lang, seit Key Biscayne im März 2009, nicht mehr gegenüber. An einem Majorturnier trafen sie noch nie aufeinander.

Gelingt Murray der Durchbruch?

«Ich hoffe, dass ich aus den Fehlern meiner ersten beiden Grand-Slam-Endspiele die richtigen Schlüsse ziehen konnte», sagte Murray. Zweimal unterlag er Federer in drei Sätzen: am US Open 2008 und am Australian Open 2010. Murray: «Den ersten Final verschlief ich. Der zweite vor einem Jahr verlief schon etwas besser, obwohl ich am Anfang wieder nicht bereit war. Aber aller guten Dinge sind drei. Diesmal klappt es hoffentlich für mich.»

Die Finalniederlage vor einem Jahr, dieser «Albtraum», stürzte Murray in eine Depression – obwohl er das beste Turnier seiner Karriere gespielt hatte. Aber nicht die famose Leistung gegen Rafael Nadal, mit der er den Spanier im Viertelfinal zwei Sätze lang ausspielte, oder der Kunstschlag gegen Marin Cilic, mit dem er den Halbfinal herumriss, blieben haften. Wenn er ans Australian Open 2010 zurückdenkt, erinnert er sich an die Niederlage gegen Federer und an die bitteren Tränen bei der Siegerehrung. «Ich kann zwar weinen wie Roger, aber nicht annähernd so gut Tennis spielen», sagte er damals.

Harte Arbeit an Weihnachten

Es dauerte Monate, bis Murray die Enttäuschung überwunden hatte. Die Motivation fürs Training ging verloren. An vier der nächsten fünf Turniere schied Murray entweder in der 1. oder 2.Runde aus. Erst ein halbes Jahr später qualifizierte er sich das nächste Mal für einen Halbfinal.

Seither hat Murray zu alter Stärke zurückgefunden. Auf Hartplatz, seiner bevorzugten Unterlage, gewann er in der zweiten Saisonhälfte 2010 zwei Masters-1000-Turniere: Toronto und Schanghai. Und am Australian Open gab er vor dem Zitterspiel gegen Ferrer nur einen Satz ab. Murray: «Ich erachte das als Lohn für die minuziöse Vorbereitung. Sogar an Weihnachten habe ich in Miami zweimal trainiert.» Nun hofft er, dass der Schnauf diesmal zum «grossen Wurf» ausreicht.

Ist es ein Vorteil, dass der Finalgegner nicht Federer und nicht Nadal heisst? Murray: «Ob das besser oder schlechter ist, will ich gar nicht beurteilen. Ich habe Leute jammern hören, dass es schade sei, dass nicht Federer und Nadal im Final stehen. Für mich ist es aber auf jeden Fall besser, wenn ich im Final stehe.»