Tennis

Die Schweizer rocken den Australia Day: Melbourne vor dem Duell zwischen Federer und Wawrinka

Wawrinka und Federer: Zwei der wohl bekanntesten Tennisspieler treffen im Halbfinal der Australian Open aufeinander.

Wawrinka und Federer: Zwei der wohl bekanntesten Tennisspieler treffen im Halbfinal der Australian Open aufeinander.

Kein Spieler ist so beliebt und bekannt wie Roger Federer. Fans kommen aus allen Ländern der Welt, um den Baselbieter spielen zu sehen. Kein Wunder geht Stan Wawrinka ein bisschen unter. Nichtsdestotrotz sind die Schweizer Tennisspieler so beliebt wie noch nie.

Fiona Wong ist schon ganz aufgeregt, und es ist nicht schwer zu erraten, für wen ihr Fanherz schlägt. Emoji-Shirt, Kappe mit RF-Logo und in der Hand eine grosse Schweizer Flagge. «Das wird das Match des Turniers!»

Sie kommt aus Sydney, wie der Rest ihrer kleinen Gruppe, die sich über Twitter kennen gelernt hat. Anders als an den Tagen zuvor waren am Mittwoch kaum 100 Fans zu Federers Trainingsplatz gekommen. Wenn die Schweizer spielfrei haben, bleiben auch ihre Anhänger fern. Bei Stan Wawrinkas Einheit am Vormittag schauten keine 50 Fans zu, aber das störte ihn nicht.

Glücklich der, der ein Ticket ergattert hat: Blick in die Rod Laver Arena, in der Federer und Wawrinka auftreten.

Glücklich der, der ein Ticket ergattert hat: Blick in die Rod Laver Arena, in der Federer und Wawrinka auftreten.

Er wollte seine Ruhe. Dann kam Federer, mit 20 Minuten Verspätung. Jubel brandete kurz auf, Kameras klickten. Höflich stellte er sich bei seinem Trainingspartner vor. Federer wusste gar nicht, mit wem er verabredet war. Ein australischer Juniorenspieler, dünn und blass. Und Blake Ellis bibberte vor Aufregung. Seinen Trainer kannte Federer dafür umso besser, Wayne Arthurs, dessen Karriere bei den Australian Open vor zehn Jahren so unglücklich mit einer Knieverletzung endete.

Federer freute das Wiedersehen und er erkundigte sich sofort. Gut sah das nicht aus, Arthurs Knie lässt sich in die falsche Richtung verschieben. Federer ist das erspart geblieben, er darf weiter seinen Traum leben. Ellis schob die ersten fünf Returns allesamt ins Netz. «Du musst über das Netz spielen», kommentierte Ivan Ljubicic trocken.

Nach 30 Minuten beliess es Federer bei diesem leichten Warm-up und verschwand direkt in die Umkleide. Fiona Wongs Poleposition hatte nichts genützt. Keine Selfies, keine Autogramme heute. «Das macht nichts», sagt sie, «ich habe schon viele von ihm. Und die Hauptsache ist: Ich habe ein Ticket für das Match.»

Die Show muss weitergehen

Trotzdem: Der Funke will vor dem Schweizer Halbfinal zwischen Federer und Wawrinka nicht so richtig überspringen. Der Hype ist 16 000 Kilometer entfernt. Eine seltsame Stille lag über dem Melbourne Park.

Gähnende Leere im Oval, der Vergnügungsmeile, vor den Leinwänden, an den Bierständen. Auf den Aussenplätzen wird nicht mehr viel Tennis geboten, das lockt kaum jemanden. Und Novak Djokovic und Andy Murray fehlen eben doch. Am Donnerstag dürfte es wieder voller werden, am Australia Day, dem Nationalfeiertag. Doch er wird wohl weniger feucht-fröhlich als sonst.

Dazu muss man bedenken, dass die Melbourner in diesen Tagen trauern. Sie stehen immer noch unter Schock nach der Tragödie, bei der fünf Menschen, keine 500 Meter vom Melbourne Park entfernt, getötet wurden. Vor dem Einkaufszentrum in der Bourke Street wächst das Meer aus Blumen weiter, nach Tennis steht niemandem der Sinn.

Aber hier, auf der Anlage, ist ja der «Happy Slam», wie die Australier ihr Turnier nennen. Die Show soll weitergehen für die Tennistouristen aus aller Welt. Es ist Hochsommer, Ferienzeit, Melbourne boomt vor Urlaubsgästen. Eine zehnköpfige Gruppe ist extra aus Hongkong angereist, natürlich für Federer.

Englisch sprechen sie kaum, aber er sei einfach «magic». Von Wawrinka reden wenige, denn eigentlich fiebert man hier längst einem Final zwischen Federer und Rafael Nadal entgegen. Wawrinka soll da bloss kein Spielverderber sein. «Wer würde das nicht sehen wollen?», fragte auch Andy Roddick am Vortag, als er in die Tennis Hall of Fame aufgenommen wurde, «das könnte das wichtigste Match der Grand-Slam-Geschichte werden.»

Federer mit 17, Nadal mit 14 Trophäen – der Kampf um die ewige Bestenliste wäre neu entfacht. Der schwedische Altstar Mats Wilander hielt dagegen. «John Lennon und Elvis Presley singen ja auch nicht mehr zusammen. Ich möchte jetzt mal was Neues sehen.»

Federer, die Ruhe selbst

Wawrinka wird das gerne gehört haben, obwohl er ja nicht mehr wirklich neu ist. Er hatte sich nach dem Training wieder schnell von der Anlage verzogen, aber nicht, weil er Federer aus dem Weg gehen wollte. Beide schwatzen auch bis kurz vor dem Match noch locker wie immer miteinander, wenn sie sich sehen. «Ich bin echt erstaunt, wie relaxt die beiden immer sind», meint Federer-Coach Severin Lüthi.

Der hatte sich den Tag vor dem Halbfinal dagegen entspannter vorgestellt, aber dann musste er doch ein TV-Interview nach dem anderen im Players Garden geben. Er ist eben Experte für Federer und für Wawrinka. Umso schwieriger wird das Match für Lüthi werden. «Es ist sehr offen, denke ich», meinte der Schweizer Davis-Cup-Captain: «Ich hoffe, dass Roger gewinnt. Aber wenn er verliert, dann am liebsten gegen Stan.»

Wawrinka hat dafür Magnus Norman auf seiner Seite, doch auch der Schwede lobt Federer: «Roger ist Roger. Es spielt keine Rolle, ob er die Nummer 17 ist. Sein Level ist da, sein Selbstvertrauen, seine Beinarbeit. Er ist so gut wie eh und je.» Norman hat seinen Schützling keineswegs abgeschrieben, nur weiss er eben, dass Wawrinka lieber als Aussenseiter ins Rennen geht. Als einer, mit dem keiner so richtig rechnet. Und der genau dann zuschlägt. «Stan hat inzwischen gelernt, ruhig zu bleiben», sagt Norman, «er weiss: Je länger ein Match dauert, umso grösser sind seine Chancen.»

Und Federer? Der scheint in all dem Trubel um seine Person ganz bei sich zu sein. Verblüfft, aber wie beseelt von den Leistungen, die er bisher zeigte. Im gähnend leeren Spielerrestaurant sass er noch eine ganze Weile zusammen mit Paul Annacone, seinem ehemaligen Trainer. Und dem von Pete Sampras. Federer hat alle Unterstützung, die er braucht, wenn er sie braucht. Im Hintergrund tollten seine vier Kinder – einfach nur glücklich über ihr Eis.

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