Australian Open
Die Rückkehr des grossen Champions von Melbourne

Als Titelverteidiger startet Stan Wawrinka am Dienstag beim Australian Open. Sein erster Gegner ist der Türke Marsel Ilhan, die Nummer 99 der Welt. Wawrinka erzählt von seinen Höhen und Tiefen in seinem Jahr nach dem Grand-Slam-Sieg in Melbourne.

Petra Philippsen aus Melbourne
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Stan Wawrinka und Li Na steigen mit ihren Trophäen aus dem Tram-Waggon.

Stan Wawrinka und Li Na steigen mit ihren Trophäen aus dem Tram-Waggon.

KEYSTONE

Es ist eine nette Geste der Veranstalter des Australian Open, die beiden Vorjahressieger mit einem der Stadt typischen Tram-Waggons am Melbourne Park zur Auslosung vorfahren zu lassen – inklusive ihrer auf Hochglanz polierten Siegertrophäen. Und so schritten die inzwischen zurückgetretene Chinesin Li Na und Stan Wawrinka mitsamt ihrer silbernen Pokale durch den Haupteingang und am Spalier der jubelnden Zuschauer vorbei zum Treppenaufgang der neu eröffneten Margaret-Court-Arena.

Der eher schüchterne Wawrinka mühte sich, möglichst gelassen rüberzukommen. Hier an jenem Ort, an dem er vor einem Jahr den grössten Erfolg seiner Karriere gefeiert hatte. «Es geht ja alles wieder bei null los», spielte der 29-jährige Lausanner die Situation herunter. Bloss nicht zu viel Druck machen, nur nicht zu viel erwarten. Denn er weiss, was für ein mentaler und physischer Kraftakt sein Meisterstück gewesen ist. Und wie schwierig es sein wird, das zu wiederholen.

Neues Spiel - neues Glück

Also versucht Wawrinka, lieber nicht mehr zu viel an den fantastischen Triumph zu denken, der ihm in Melbourne zwar etwas überraschend, aber sicher nicht unverdient gelungen war. Stattdessen sagt er sich: Neues Spiel, neues Glück – alles geht wieder bei null los. Doch so ganz gelang ihm das nicht, plötzlich war dieses besondere Kribbeln bei Wawrinka doch wieder da.

«Ich muss zugeben», meinte der Schweizer leicht verschmitzt, «irgendwie ist es ja schon toll, das riesige Foto von mir mit der Trophäe da oben zu sehen.» Die Menge johlte verzückt. Meterhoch prangt sein Konterfei über dem Eingang der Rod-Laver-Arena, unübersehbar.

Und so musste Wawrinka dann doch erzählen, was dieser erste Major-Sieg mit ihm gemacht hatte. Ob er wollte oder nicht. «Es hat alles in meiner Karriere verändert», sagte Wawrinka, «wenn du einen Grand Slam gewinnst, bist du plötzlich ein Teil der Tennis-Geschichte. Das hat mein Leben verändert und mein Tennis.»

Das Loch nach dem Triumph

Doch es war dem Weltranglistenvierten danach auch oft schwer gefallen, mit dem enormen Erfolg nach seinen bereits zwölf Jahren auf der Profitour umzugehen. Besonders mit den überhöhten Erwartungen, die Wawrinka nun an sich selbst stellte. Oft zweifelte er im letzten Jahr, manchmal verzweifelte er fast an sich. Wie beim katastrophalen Erstrundenaus beim French Open. «Ich fühlte mich ein bisschen verloren nach dem Sieg in Melbourne in meinem Kopf», hatte Wawrinka damals beklagt.

Er fiel in ein Loch, kämpfte sich in Wimbledon wieder heraus, doch beim US Open bekam er den Kopf auch nie ganz frei. Schliesslich unterlag er Kei Nischikori in einer Viertelfinalpartie, die er nicht hätte verlieren müssen. Er hatte für die ambitionierten Spieler aus der zweiten Reihe mit seinem Grand-Slam-Sieg eine Tür aufgestossen, und der Kroate Marin Cilic war in New York durchmarschiert. Dank Wawrinka glaubte auch er nun daran, Grössen wie Roger Federer, Novak Djokovic und Rafael Nadal bei einem Major schlagen zu können.

Den Spass am Spiel wieder finden

Wawrinka selbst fehlte im letzten Jahr jedoch oft die Konstanz, alles war für ihn viel zu schnell gegangen. Es blieb ihm zu wenig Zeit, in seine Rolle als neuer Herausforderer der Tour-Schwergewichte hineinzuwachsen. «Ich suche einfach zu sehr nach Perfektion», gab Wawrinka in New York zu. Oft wollte er zuviel, verkrampfte und vergass dabei, einfach wieder Spass am Tennis zu haben und das zu geniessen, was er bereits erreicht hatte.

Der historische Gewinn des Davis-Cups zum Saisonende wirkte befreiend, besonders, da Wawrinkas Anteil daran nicht im Jubelrausch um Federer unterging. Bei der Wahl des Schweizer Sportlers des Jahres hatte er dann aber doch wieder das Nachsehen gegen den 17-maligen Grand-Slam-Sieger, der 2014 allerdings keine weitere Major-Trophäe gewonnen hatte.

«Ganz ehrlich, ich hätte in diesem Jahr Stan gewählt», sagte Davis-Cup-Captain und Federer-Coach Severin Lüthi in einem Interview: «Der Grand-Slam-Sieg ist ein Riesen-Highlight. Ich weiss nicht, ob das alle richtig einordnen können.»

Zuversichtlich in die Saison 2015

Wawrinka hatte zum Saisonbeginn die richtige Antwort gegeben – mit seinem achten Titel, den er in Chennai ohne Satzverlust einfuhr. «Ich bin wirklich sehr zufrieden mit meinem Level, und ich habe gerade sehr viel Vertrauen in mein Spiel», sagte Wawrinka: «Ich freue mich jetzt sehr auf das Australian Open, aber erstmals geniesse ich, dass ich die Saison mit einer Trophäe beginnen konnte.

Ich weiss, wie schwer es ist, eine zu gewinnen.» Und in den nächsten zwei Wochen wird dieses Unterfangen auch nicht leichter werden.