Inzwischen hat es der Mallorquiner zu einer Art Markenzeichen perfektioniert, seine Lage stets wesentlich dramatischer zu schildern, als sie in Wahrheit ist. Und so erhöht Nadal geschickt die allgemeine Besorgnis um ihn und seine Form und kann gleichzeitig bei der eigenen Erwartungshaltung genügsam tiefstapeln. Die Siegesserien, die er darauf meist folgen lässt, kommen dann umso spektakulärer daher.

Dieses Mal war der Weltranglistendritte ohne Blinddarm und ohne einen Sieg in diesem Jahr nach Melbourne gereist. Also erklärte Nadal vor dem Start in Melbourne: «Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich fühle mich bereit, um das Turnier zu gewinnen.» Nur um dann in der ersten Runde den ehemaligen russischen Top-Ten-Spieler Michail Juschni souverän abzufertigen.

Härtester Match der Karriere

Gestern Abend dann zeigte Nadal wieder seine zwei Gesichter – das leidende und giftige. In einer dramatischen Partie zog der Spanier gegen den Qualifikanten Tim Smyczek aus den USA nach 4:12 Stunden mit 6:2, 3:6, 6:7, 3:6 und 7:5 den Kopf noch aus der Schlinge. Nadal sank nach dem vierten Matchball am Netz auf die Knie, triefend durchgeschwitzt und am Ende seiner Kräfte.

On-Court-Interview: Rafael Nadal nach dem Spiel gegen Tim Smyzeck

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«Wenn ich bedenke, wie unglaublich mies ich mich dreieinhalb Stunden lang gefühlt habe, war das sicher der härteste Match meiner Karriere», bekannte er später. Seit Nadal 2011 in der ersten Runde der French Open einen 1:2-Rückstand gegen den Amerikaner John Isner noch drehte, hatte man ihn nicht mehr so emotional auf einen Sieg im so frühen Stadium eines Turniers reagieren sehen.

Denn es schien fast ein kleines Wunder, wie er in seinem Zustand diese Partie noch gewinnen konnte. Nach dem ersten Satz ging es Nadal plötzlich schlecht, richtig schlecht. Der Spanier zitterte, wirkte wackelig auf den Beinen. «Mir ist schwindelig», hatte er seinem Arzt mitgeteilt. Nadal war kurz davor, sich zu übergeben. Dann bekam er Tabletten, spielte weiter.

Zweifel bei Nadal

Smyczek, der 112. der Welt, nutzte, dass sein Gegner angeschlagen war und spielte eine der besten Partien seines Lebens. Mit 2:1 in den Sätzen ging der Amerikaner in Führung, Nadal wirkte da, als würde er jeden Moment zusammenklappen.

Mutiger Sieg und grosse Erleichterung: Rafael Nadal bezwingt am Australien Open Tim Smyczek aus den USA

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«Nach dem dritten Satz habe ich nicht mehr geglaubt, dass ich es noch drehen kann», gestand Nadal ein, für den aufgeben aber noch nie eine Option war. Er kämpfte, biss, mit dem letzten Tropfen Energie, der in seinem Körper übrig war. Und Nadal hatte Glück, dass sein Gegner nach über vier Stunden im elften Spiel des fünften Satzes nervös wurde.

So schleppte sich Nadal über die Ziellinie. Noch an der Pressekonferenz wirkte er benommen. «Ich habe mich schrecklich gefühlt, aber ich konnte mich schon oft befreien, wenn ich in Schwierigkeiten war.» Niemand sollte sich wundern, sollte Nadal am Ende den Titel gewinnen.