Tennis
Die ersten Tage in Wimbledon: Zwischen Spektakel und Menschenmassen

Auf 19 Plätzen spielen die Tennisprofis in den ersten Tagen von Wimbledon. 71 Matches stehen auf dem Tagesprogramm. Überall drängen sich Menschenmassen, immer auf der Jagd nach dem grossen Spektakel.

Michael Wehrle aus Wimbledon
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Tag eins:

Ein Grand-Slam-Turnier ist nicht nur die Bühne der grossen Stars. In den ersten Tagen hat der Fan die Qual der Wahl. Es ist 11.25 Uhr. In fünf Minuten beginnt das 129. Wimbledonturnier auf 16 Plätzen. Die Stars auf dem Centre-Court und Court 1 starten erst um 13 Uhr. Platz 16 ist interessant.

Da spielen der Argentinier Leonardo Mayer und das australische Talent Thanasi Kokkinakis. Dort könnte ich einen möglichen Grand-Slam-Sieger der Zukunft sehen. Doch wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ich habe keine Chance, auch nur einen Blick zu erhaschen. Die kleinen Tribünen sind randvoll, die Fans verstopfen die Zugänge.

Dann halt schnell auf Platz 17, direkt daneben. Die Tschechin Karolina Pliskova trifft auf die Italienerin Irina Falconi. Dort ergattere ich immerhin einen Stehplatz im Eingang. Aber der wird schnell ungemütlich. Zwei Besucher erscheinen, stellen sich daneben. Jeder ein Bier in der Hand, der Becher ist schon halb leer und die Sonne brennt vom Himmel.

Also kämpfe ich mich durch die Massen zu Platz 19. Dort spielt Jack Sock im Doppel. Der könnte in der dritten Runde Gegner von Roger Federer sein. Auch hier ist alles voll. Mit Mühe und vielen Verrenkungen kann ich Sock beim Aufschlag sehen. Mehr nicht. Da bleibt jetzt nur noch der Weg in die Pressebar. Vom zweiten Stock aus habe ich den besten Blick auf Court 14, dort hauen sich Fernando Verdasco und Martin Klizan die Bälle um die Ohren. So macht Tennis schauen Spass.

Es laufen noch ein paar hochinteressante Matches, unter anderem mit US-Open-Sieger Marin Cilic oder dem Australier Nick Kyrgios, dem so extrovertierten jungen Mann. Doch der Weg dahin über die mit rund 44 000 Fans verstopfte Anlage ist weit. Es ist ein Drängeln und Schieben. Dazu stehen Leute im Weg, machen natürlich ein Selfie. Immerhin sind diese unsäglichen, so beliebten Selfiesticks in Wimbledon verboten. Ansonsten gäbe es wohl mehr als ein blaues Auge.

Also nutze ich das Privileg, jederzeit in den Centre-Court zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt drei Kategorien von Journalisten: Rover, die müssen sich für jedes Match auf dem Centre-Court oder Court 1 einen Extrabadge besorgen, dann die Neun-Tage-Centre-Court-Halter, die dürfen bis Donnerstag zweite Woche immer rein, und schliesslich diejenigen, die einen festen Platz im Centre-Court haben. Das macht die Sache deutlich einfacher. Also ab dorthin, und mal sehen, was Novak Djokovic und Philipp Kohlschreiber treiben.

Der Favorit macht kurzen Prozess, Kohlschreiber ist von einer Überraschung weit entfernt. Da muss ich nicht länger schauen. Jetzt gehts rüber zu Court 18. Dort spielt Belinda Bencic. Vom Dach des TV-Zentrums habe ich einen herrlichen Blick nach unten und kann das Match in aller Ruhe geniessen.

Die Idee mit Platz 16 war übrigens nicht schlecht. Fast drei Stunden hämmerten Mayer und Kokkinakis die Bälle übers Netz. Mayer siegte in drei Sätzen. Die Frage ist aber: Hätte ich es wirklich so lange in der Hitze auf einem Plastiksitzchen ausgehalten?

Trotz Plan habe ich den Überblick ein wenig verloren. Auf Court 2, ganz am Ende der Anlage, gab Lleyton Hewitt seine Abschiedsvorstellung. Die habe ich doch tatsächlich verpasst, weil ich sicher war, dass der Australier gegen Jarkko Nieminen gewinnt und dann auf dem Centre-Court gegen Djokovic spielt. Da bleibt nur noch eines, Hewitt im Doppel nochmals die Ehre zu erweisen. Da er mit Kokkinakis spielt, kann ich diesen auch noch unter die Lupe nehmen. Noch einmal gehts zurück auf den Centre-Court. Stan Wawrinka schlägt dort João Sousa problemlos.

Tag zwei:

Die Pflichttermine stehen: Centre-Court mit Roger Federer, gegen Abend dann Timea Bacsinszky und Stefanie Vögele. Bacsinszky ist aber noch kein Platz zugeteilt, es heisst lediglich, sie spiele nicht vor 17.30 Uhr.

Bis Federer ran muss, dauert es noch. Da bleibt Zeit für einen Spaziergang zu Court 12. Das ist ein Platz mit zwei recht grossen Tribünen. Der Servicekönig Ivo Karlovic wird dort vom schwedischen Talent Elias Ymer gefordert. Der 19-Jährige spielte sich durch die Qualifikation ins Hauptfeld. Den ersten Satz gewinnt Ymer im Tiebreak, doch am Ende ist er gegen 42 Asse seines Gegners machtlos. Gleichzeitig quält sich auf Court 2 Jo-Wilfried Tsonga über fünf Sätze gegen den Luxemburger Gilles Muller. Mehr als einen kurzen Blick gönne ich mir aber nicht.

Dafür mache ich auf dem Rückweg bei Court 9 Halt. Das ist ein ganz kleiner Platz, eingezwängt zwischen der Nummer 8 und 10. Holzbänke bieten wenigen Zuschauern einen Sitzplatz. Die meisten aber stehen am Rande. Dahinter zwängen sich die Fans durch den engen Weg, der nicht mehr als fünf Meter breit ist, dann folgt schon der nächste Platz.

Die Zuschauer sind so nahe dran wie beim Interclub der unteren Ligen. Dustin Brown sorgt hier für beste Unterhaltung und haut Yen-Hsun Lu aus Taiwan weg. Zwei Tage später erlebt Brown einen positiven Kulturschock. Vom kleinsten Platz verschlägt es den Deutschen auf den Centre-Court gegen Rafael Nadal.

Die Zeit drängt. Federer beginnt früher als erwartet. Spannend ist das nicht, eher entspannend. Und schon um 15.30 Uhr ist er fertig. Im Moment läuft nichts Aufregendes. Da kann ich mal in Ruhe arbeiten. Auf Court 18 läuft es zügig, Bacsinszky wird dort angesetzt und beginnt gegen 18 Uhr.

Dafür muss Vögele warten und bekommt einen neuen Platz zugeteilt. 3 statt 17. Das ist nicht schlecht. Bacsinszky ist schon geduscht, als die Aargauerin nach 19.30 Uhr endlich anfängt. Fertig wird sie an diesem Tag nicht mehr, um 21.10 Uhr bricht der Schiedsrichter im dritten Satz wegen Dunkelheit ab.

Tag drei:

Die ersten zwei Tage sind rum. Aus der Schweiz stand bisher nur Martina Hingis noch nicht im Einsatz. Sie und ihre Doppelpartnerin Sania Mirza sind angesetzt, allerdings erst am Abend. Da muss ich wieder aufmerksam bleiben, denn der Platz steht noch nicht fest. Für mehr als einen kurzen Blick reicht es allerdings nicht. Vögele ist früh dran, sie muss ihr abgebrochenes Match zu Ende bringen. Dann stehen auch noch Wawrinka und Bencic im Einsatz.

Wawrinka auf Court 1, jedes Jahr suche ich dort den richtigen Eingang. Er zeigt kein grosses Spiel, siegt aber souverän. Erneut steht ein Besuch auf Court 18 an. Bencic fühlt sich dort inzwischen wie zu Hause, ich auch. Fünf Matches der Schweizer Frauen werden dort gespielt.

Nun beginnen auch die Doppel der Männer. Hewitt steht noch nicht auf dem Programm. Den darf ich aber nicht noch einmal verpassen, also nehme ich den Spielplan am vierten Tag ganz genau unter die Lupe Und es lohnt sich: Hewitt und Kokkinakis bieten auf Court 14 ein tolles Spektakel, die Fans kreischen und jubeln, als die Australier zur grossen Aufholjagd ansetzen.

Die ersten beiden Sätze haben sie verloren, doch nach fünf Sätzen verlassen sie den Platz als Sieger. Fast vier Stunden lang hat die Show gedauert. Und sie war gut. So ein Doppel ist oft mehr als sehenswert. Eigentlich ist es schade, dass ihm nicht mehr Stellenwert eingeräumt wird.

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