Und dann liess Timea Bacsinszky ihre Emotionen doch noch raus. Sie reckte kämpferisch die Faust in Richtung ihrer Box und schrie ihre Freude über den Aussenplatz Nummer 13 im Melbourne Park hinweg. Bacsinszky strahlte über das ganze Gesicht und hüpfte glücklich zum Handschlag ans Netz. Sie hatte die tschechische Weltranglisten-98. Katerina Siniakova in der ersten Runde der Australian Open mit 6:3 und 7:5 bezwungen – und damit ihren ersten Sieg in dieser Saison geschafft.

«Das ist ein grosser Erfolg für mich», freute sich die 26-jährige Lausannerin sichtlich erleichtert, «ich habe schon so lange nicht mehr gewonnen.» Im Oktober letzten Jahres ist das gewesen, als sie in Peking erst im Finale der Spanierin Garbine Muguruza unterlag. Danach hatte sich Bacsinszky zum Ende der Saison mit Schmerzen im Knie geplagt. «Nach den ganzen traurigen Momenten und den Tränen wegen meines Knies, ist das heute ein richtig gutes Gefühl», sagte Bacsinszky, «das war sehr wichtig und ich will diesen Sieg jetzt erst einmal ein bisschen geniessen.» Mit der deutschen Annika Beck, der Nummer 55 der Welt, wartet morgen die nächste Aufgabe auf sie.

Die wirklich wichtigen Dinge

Bacsinszky wirkt gelöst und ganz mit sich im Reinen. Die turbulenten Auf und Ab in ihrer Karriere, das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater, die Zeit, als sie den Tennisschläger schon an den Nagel hängen wollte, und ihre furiose Rückkehr auf die Tour, die sie 2015 mit dem Halbfinaleinzug am French Open krönte – das alles hat ihren Blick auf die wirklich wichtigen Dinge geschärft. «Auch wenn ich heute verloren hätte», sinnierte Bacsinszky, «es ist nur ein Tennismatch.»

Sie habe in den letzten zwölf Jahren immer Tennis gespielt, weil sie es liebte, sagte sie. «Aber es ist nur mein Beruf. Klar, ich versuche immer, den letzten Punkt zu gewinnen, aber wenn es nicht klappt: Ich habe sehr viele andere Sachen im Leben, über die ich mich freuen kann.» So gibt es in den kommenden Tagen freudige Ereignisse in ihrer Familie. «Meine Schwester wird Mutter, das heisst, ich werde zum vierten Mal Tante sein», erzählte sie voller Vorfreude.

Die besten Bilder der Australian Open:

Nach einer so erfolgreichen Saison, die Bacsinszky erstmals unter die Top Ten der Welt katapultiert hatte, ist das Folgejahr immer heikel. Denn der Druck ist da, die guten Leistungen wiederholen zu müssen. So mancher Profi hat nach einer rasanten Saison den Rückschlag erlebt. Doch Bacsinszky macht nicht den Eindruck, als können ihr die hohen Erwartungen etwas anhaben. Dafür hat sie einfach schon zu viel erlebt.

«Ich habe mir den Weg zurück so sehr erkämpft», sagte sie. Umwerfen lässt sie sich so leicht nicht mehr. «Ich habe meine Emotionen heute gut im Griff gehabt, obwohl sie eine schwierige Gegnerin ist», sagte Bacsinszky zufrieden. Nach einem 0:2-Rückstand im ersten Satz war die Lausannerin eigentlich immer am Drücker gewesen, machte sich das Leben im zweiten Durchgang aber selbst schwer. Mit 3:2 lag sie bei eigenem Aufschlag vorne – dann folgten sechs Breaks am Stück. Im entscheidenden Moment behielt Bacsinszky die Nerven und brachte ihr letztes Aufschlagsspiel souverän durch.

Die australischen Helfer

Es war eine Menge Betrieb gestern um den kleinen Aussenplatz am südlichen Rand der Anlage herum. Keine zehn Meter neben Bacsinszkys Partie trainierte Belinda Bencic parallel, umlagert von mehreren Fangruppen. Und während die junge Schweizerin begeistert die Selfie-Wünsche erfüllte, sassen bei Bacsinszky auf der Tribüne nicht nur die ehemalige tschechische Wimbledonsiegerin Jana Novotna, sondern auch die deutsche Bundestrainerin Barbara Rittner. Schliesslich wird direkt im Anschluss an die Australian Open in Leipzig ein hartes Nachbarschaftsduell im Fed Cup erwartet.

Die derzeitige Weltranglisten-14. scheint gerade zum richtigen Zeitpunkt wieder in Tritt zu kommen. Gut möglich, dass es auch an ihren guten Verbindungen zu dieser Stadt liegt. Denn als ihr vor sieben Jahren einmal in Paris im berühmten Kaufhaus Lafayette die Tasche mit Geld, Papieren und Telefon geklaut wurde, half ihr in der Not ein junges Pärchen aus Melbourne. Seither sind Tiffany und Simon zu Freunden geworden, die Bacsinszky jedes Jahr während des Turniers besucht. «Die beiden haben mir damals wirklich aus der Klemme geholfen», sagte sie: «Was einem alles so passiert ...» Wer wüsste das besser, als Timea Bacsinszky.